Reise in die Revolution

Detaillierte Beschreibung der diplomatischen Winkelzüge: Ein Jahrhundert später skizziert und bilanziert eine britische Historikerin die welthistorische Zugfahrt Lenins. Von Stephan Baier

99th anniversary of Bolshevik revolution
Feierlichkeiten zur Einweihung eines Lenin-Denkmals: der Revolutionsführer findet auch heute noch Verehrung. Foto: dpa
99th anniversary of Bolshevik revolution
Feierlichkeiten zur Einweihung eines Lenin-Denkmals: der Revolutionsführer findet auch heute noch Verehrung. Foto: dpa

1917 war ein Wendejahr von weltgeschichtlicher Tragweite: Mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in den Ersten Weltkrieg und der bolschewistischen Revolution in Russland veränderte Europa vor hundert Jahren sein Gesicht – und zwar auf Dauer. Auch wenn sich Wilhelm II. in Berlin und Karl I. in Wien noch einige Monate hielten: Das Europa der Monarchen war den neuen Kräften bereits erlegen. 1917 mochte kaum jemand ahnen, dass Amerika und Russland die Geschicke Europas im 20. Jahrhundert weit mehr bestimmen würden als Europa die Geschicke der Welt. Eines der schicksalshaftesten und folgenreichsten Ereignisse dieses Jahres, die Heimreise Wladimir Lenins aus der Schweiz nach Petrograd, wurde von den Zeitgenossen ebenso unterschätzt. Diese bis heute geheimnisumwitterte Zugfahrt von Zürich durch das Deutsche Reich, durch Schweden und Finnland bis ins Herz der bereits im Chaos versinkenden russischen Staatlichkeit hat die auf Russland spezialisierte britische Historikerin Catherine Merridale nun unter die Lupe genommen.

Lenin verließ Zürich „am Nachmittag des katholischen Ostermontags und traf eine Woche später am Abend des orthodoxen Ostermontags in Petrograd ein“, wie Merridale ungeachtet der atheistischen Gesinnung des Revolutionsführers referiert. Dennoch brachte seine Reise Russland nur Tod, nicht Auferstehung, nur Unterdrückung und Bürgerkrieg, nicht Freiheit und Frieden. Die „Leistung“ Lenins sieht die Autorin darin, dass er die Ideen des Karl Marx in eine „Regierungsideologie“ umformte und darauf ein System errichtete. Merridale sieht Lenin offenbar ambivalent: „Lenins Programm ermöglichte vielen der Armen seines Landes Hoffnung und Würde, nicht zuletzt, indem es Frauen ein nie dagewesenes Maß an Gleichheit gewährte. Die Kosten aber waren unzählige Menschenleben, beginnend mit Zehntausenden von Morden zu Lenins Lebzeiten.“

Spannender als solche Bilanzierungen ist die detaillierte Beschreibung all der diplomatischen und politischen Winkelzüge, die letztlich dazu führten, dass nicht ein mit Russland im Weltkrieg verbündeter Staat, sondern das feindliche Deutschland dem Revolutionsführer die Heimreise in die Revolution ermöglichte. Frankreich und Großbritannien richteten ihre gesamten diplomatischen, geheimdienstlichen und propagandistischen Bemühungen darauf aus, Russland zur Fortführung des Krieges zu bewegen. London richtete sogar ein russisches Propagandabüro ein, das ausschließlich diesem Zweck diente. In Berlin dagegen war man geneigt, die Kriegskraft der Gegner zu untergraben: durch Unterstützung von Rebellen in Frankreich und irischen Nationalisten, und durch subversive Kräfte in Russland. So knüpfte Deutschland eben auch Verbindungen zu Nationalisten im Kaukasus, in Finnland, der Ukraine und den polnischen Gebieten, um nationale oder soziale Unruhen zu fördern. Das Reichsschatzamt stellte offenbar etliche Millionen bereit, um die revolutionäre Propaganda in Russland zu unterstützen. Diese Großmachtintrigen schildert die Autorin kenntnisreich und erhellend, zugleich mit dem auch heute gültigen Resümee, „dass Großmächte fast immer Irrtümer begehen“.

Nicht minder detail- und kenntnisreich beleuchtet die Historikerin den inneren Zustand des fallenden Zarenreichs, die Regierungsführung Nikolaus II., die Kampagnen gegen Kaiserin Alexandra und die Rolle Rasputins. Sie schildert die Wirrungen der Provisorischen Regierung, die das Zarenreich im März 1917 ablöste, und ihres wirkmächtigsten Exponenten, des Freimaurers Alexander Kerenski. Am meisten aber interessiert sie die Figur des stets kampfeslustigen, kompromisslosen Lenin. Sein Zögern, sich vom Feind bei der langersehnten Heimreise helfen zu lassen, seine Art, letztlich die Bedingungen dafür zu diktieren, sein überaus handgreiflicher und zielstrebiger Stil stehen im Mittelpunkt der Darstellungen: „Lenin benutzte seine Reise, um einige wesentliche Ideen zu verfeinern. Er arbeitete unaufhörlich, kritzelte in ein ramponiertes Notizheft oder rief bewährte Genossen zu Diskussionen“. Dass Merridale bei aller Analyse immer wieder Anekdoten der legendären Zugfahrt einstreut, etwa wie sich Schlangen vor den Toiletten bildeten, nachdem Lenin das Rauchen in Abteilen und Korridoren verboten hatte, hebt den literarischen Wert ihres Werks. Viele der Anekdoten machen auch den Charakter Lenins sichtbarer, so etwa die Geschichte, dass Lenin nach drei Tagen in der dritten Klasse in Malmö nur Informationen austauschte, während seine Genossen ein üppiges Buffet niedermachten – „es fehlte ihm schlicht an der Zeit, mit dem Reden aufzuhören und zu essen“.

Bereits in Schweden musste Lenin klarstellen, dass er keinen Kontakt zu deutschen (somit feindlichen) Spionen pflegte, dass er – vor allem durch britische Weigerungen – gezwungen gewesen sei, Deutschland zu durchqueren. Noch mehr hatte er in der Heimat mit Unterstellungen zu kämpfen, er habe eine Vereinbarung mit Berlin getroffen, Geld vom Kriegsgegner genommen – ja er sei überhaupt vom Feind bezahlt: „Es hieß, Lenin sei ein Spion und habe eine Vereinbarung mit dem Kaiser getroffen. Die Deutschen hätten ihn bezahlt, und er habe den Auftrag, eine Serie von Morden zu begehen und Panik in den heiligen russischen Landen zu verbreiten.“ Die Historikerin selbst resümiert: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass Deutschland ungeahnte Geldmengen nach Russland schleuste.“ Dabei sei Berlin „nicht besonders wählerisch gewesen“. Einige Millionen, die die deutsche Regierung einem russischen Zwischenhändler gegeben hatte, dürften „Lenins Kampfkasse erreicht“ haben – was Lenin und die Sowjetpropaganda freilich bestritten. Merridale wörtlich: „Wer immer noch nicht glauben will, dass der größte Sozialist der Erde im Hinblick auf ein Bündel deutscher Banknoten gelogen haben könnte, muss sich mit der Alternative abfinden, dass Lenin sich aus den Kriegsgewinnen des Schwarzmarkthandels mit Bleistiften und Kondomen bediente.“

Was Berlin mit der Unterstützung der Zugfahrt Lenins intendierte, scheiterte – trotz erfolgreicher Oktoberrevolution – letztlich ebenso wie die Intrigen der russischen Alliierten. Merridale bilanziert darum nüchtern: „1917 scheiterten die Pläne sämtlicher ausländischen Mitwirkenden in der russischen Tragödie. Dabei gelang es den europäischen Mächten gemeinsam, die erste und letzte Chance auf ein freies und demokratisches russisches Gemeinwesen, wie man es sich hätte erhoffen können, zu zerstören.“ Und heute, ein Vierteljahrhundert nach dem Zusammenbruch jenes Imperiums, das Lenin 1917 begründete: Sieht die Russlandkennerin eine neue Chance? Eher nicht: „Das gegenwärtige Regime lässt sich von den alten russischen Zaren inspirieren. Der Präsident hat mancherlei vom pseudo-byzantinischen Stil der Romanows geborgt (all das Gold, die Uniformen, die Protzparaden), und wie sie macht er reichlich Gebrauch von der erznationalistischen Kirche.“

Catherine Merridale: Lenins Zug. Eine Reise in die Revolution. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2017, 384 Seiten, ISBN 978-3-10-002274-5, EUR 25,-