Reiner Kunze: Die Aura der Worte wahrnehmen

Zum 85. Geburtstag: Einblicke in Leben und Werk von Reiner Kunze. Von Barbara Stühlmeyer

Reiner Kunze erhält den Franz Josef Strauß-Preis
Reiner Kunze. Foto: dpa
Reiner Kunze erhält den Franz Josef Strauß-Preis
Reiner Kunze. Foto: dpa

Er ist ein Schriftsteller mit vielen Facetten. Reiner Kunze, der am 16. August seinen 85. Geburtstag feiert, ist im Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters und einer Kettlerin geboren. Seine Karriere ist zunächst die eines klassischen DDR-Autoren.

Parteiämter als Belohnung

In der Aufbauklasse für Arbeiterkinder wurde er nach Kräften gefördert und erhielt die damals übliche Mischung aus gründlicher Schulbildung und parteipolitischer Indoktrination. Menschen, die bildungshungrig und zugleich willig waren, das Erlernte in das sozialistische Gemeinwesen einzubringen, wurden in den Nachkriegsjahrzehnten gerne mit Parteiämtern belohnt und auch Kunze wurde zwei Jahre vor seinem Abitur vorgeschlagen, sich als Kandidat in den Dienst der SED zu stellen.

Denkfreudig und zunehmend aufmüpfig

Ein geschickter Schachzug, denn jeder, der damals Wert auf ein Abitur legte, wusste, dass man ein solch ehrenvolles Angebot kaum ausschlagen konnte. Dem erfolgreichen Schulabschluss folgte – ebenfalls klassisch für das Profil künftiger Literaten das Studium in Philosophie und Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, die den passenden Beinamen „Rotes Kloster“ trug. Doch offenbar bekam dem denkfreudigen und zunehmend aufmüpfigen Kunze die mentale Klausur wenig, denn 1959 verließ er nach einer Reihe heftiger politischer Streitgespräche die Universität und verzichtete damit auf die geplante Promotion.

Sein erster Gedichtband im Stil des sozialistischen Realismus

Sein erster Gedichtband, erschienen 1953, orientiert sich dennoch an den Stilmitteln, die heute als Klassiker der DDR-Literatur gelten. Sie sind geprägt vom sogenannten sozialistischen Realismus. Dessen Kernthema: Vermeidung von Ästhetisierung und Abstraktion, möglichst breite Verständlichkeit und Konzentration auf das, was nach Meinung der Partei, die bekanntlich damals immer Recht hatte, das Leben der Menschen bewegte, nämlich die Erfüllung der Forderungen des jeweiligen Kollektivs, verbunden mit dem sich scheinbar selbstverständlich bahnschaffenden Lobpreis der Errungenschaften einer Gesellschaft, in der damals noch viele glaubten, dass gerade sie der Zukunft zugewandt seien. Sich einem solchen Diktat zu beugen, muss nicht schlecht sein, denn Grenzen können auch dann formgebend wirken, wenn man das Ziel, auf das hin sie orientieren sollen, nicht teilt.

Kritik an den politischen Vorstellungen seiner Professoren

Bei Kunze jedenfalls wirkte die erste Veröffentlichung seiner Werke in der Zeitschrift Neue deutsche Literatur durchaus motivierend, aber auch klärend. Denn schon bald wurde deutlich, dass die Kritik, die der junge Schriftsteller an den politischen Vorstellungen seiner Professoren geäußert hatte, sich auch dergestalt Ausdruck verschaffte, dass er die ihm vonseiten der staatlichen Ideologen nahegelegten Sujets hinter sich ließ. Seiner Poesie hat das gewiss gutgetan.

Konzentration auf das Schreiben über die Natur

Sein Lyrikband „Vögel über dem Tau“ zeigt seine Konzentration auf einen Bereich, der literarisch derzeit vor allem im angelsächsischen Raum wieder starke Ausdruckskräfte freisetzt, dem neudeutsch als naturewriting oder naturepoetry bezeichneten Schreiben über die Natur. Auch hier überschreitet Kunze schnell die engen Grenzen und wird, wie es Menschen möglich ist, wesentlich, wie man in seiner „Naturgedicht“ überschriebenen poetischen Verdichtung des Nachdenkens über das Wesen der Terminologie nachlesen kann:

„Die dinge hören nur, wenn du sie rufst

bei ihrem wahren namen

Getäuscht sein will allein

der mensch

Er täuscht sich

aus der welt hinaus, die dinge

kennen kein verzeihn.“

Die Aura der Wörter

Wer so schreibt, geht dem Wesen der Worte nach bis in deren Tiefe und hat eine Wahrnehmung für ihre Strahlkraft. Kein Wunder, dass Reiner Kunze viele Jahre später einer der engagiertesten Gegner der Rechtschreibreform war und in einem Essay mit dem bemerkenswerten Titel „Die Aura der Wörter“ gegen diesen aus seiner Sicht barbarischen Eingriff in das feinschwingende Netzwerk der Bedeutungen Stellung bezog.

Fußfassen in der Literaturszene

Zu dieser Zeit war er schon lange in Westdeutschland etabliert und hatte die mühsamen Jahre, in denen er als Hilfsschlosser im Schwermaschinenbau arbeitete und seine Tätigkeit als literarischer Übersetzer, die sich dank seiner zweiten Ehe mit der deutsch-tschechischen Ärztin Elisabeth Lettnerová ergab, die ihm die nötigen Kontakte in die Literaturszene des Nachbarlandes verschaffte, hinter sich gelassen. Die Ehe mit Lettnerová ermöglichte Kunze, als freiberuflicher Schriftsteller Fuß zu fassen. Denn die Gedichte und Romane der Literaten der sozialistischen Bruderländer wurden in der überaus lesefreudigen DDR-Gesellschaft gerne rezipiert und so übertrug er Werke von mehr als sechzig tschechischen und slowakischen Dichtern ins Deutsche.

Die Akte „Lyrik“

Keine Frage, dass dabei auch enge Freundschaften entstanden und so nimmt es nicht Wunder, dass Kunze die Invasion der Warschauer-Paktstaaten in die Tschechoslowakei empörte, weswegen er 1968 aus der SED austrat. Die Partei, die solche Schritte keineswegs goutierte, legte daraufhin jene Stasiakte unter dem Decknamen Lyrik an, in der auf vielen tausend Seiten die angeblich von Kunze initiierten Zersetzungsmaßnahmen gegen die sozialistische, aber gar nicht so einheitliche Gesellschaft dokumentierte. Wenig überraschend, dass Kunzes nächster Lyrikband, der den bezeichnenden Titel „Sensible Wege“ trug, weder beim SED-Politbüro noch beim gleichgeschalteten Schriftstellerverband der DDR auf Beifall stieß.

Berufsverbot und Ausreise

Für Literaten innerhalb des ummauerten Ostteiles Deutschland war dies gleichbedeutend mit einer Art Berufsverbot, eine Maßnahme, die nachdem er eine Weile unter Pseudonym als Rezensent hatte arbeiten können, mit dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband tatsächlich erfolgte. Kunze stellte schließlich einen Ausreiseantrag und verließ mit seiner Frau das Land, das ihn geprägt hatte und in dem einige wenige Machtvolle seine Werke nicht schätzten. Heute – viele Gedichte und zahlreiche Ehrungen später – lebt Kunze als freier Schriftsteller in Erlau bei Passau. Sein langer Atem hat sich ausgezahlt, seine Gedichte waren stärker als die Mauer.