Würzburg

„Reichsökonomie“ in Grün

Ob und wie man den Klimawandel noch in den Griff kriegen kann – darüber brüten Experten in der ganzen Welt. Ist eine „Postwachstumsökonomie“, wie sie Niko Paech vorschlägt, die Lösung oder ein „neuer Club von Rom“? Wie wäre es mit Umweltschutz auf Basis des Christozentrismus?

Indische Christkönigsstatue
Göttlicher Umweltschützer: Indische Christkönigsstatue mit Palmen. Foto: wiki

Gattungen entstehen und verschwinden wieder. Menschen sind niemals zimperlich gewesen und haben über Jahrtausende in Gottes Schöpfung eingegriffen. Wir haben Pflanzen und Tiere vernichtet und neue Arten gezüchtet, denn Gott hat uns nicht beauftragt, jede Veränderung zu verhindern, sondern kreativ zu sein. Wie denn auch Jesus Christus im Gleichnis von den anvertrauten Talenten ausführt, ist derjenige Diener der die Talente vergräbt, anstatt sie zu vermehren, der Verdammenswerte.

„Der moderne Mensch sieht sich selbst als Mittelpunkt der Welt und nicht mehr als Teil der göttlichen Schöpfung, also auch nicht als Teil der Natur.“

„Macht euch die Erde untertan“ (Genesis 1,28) ist also durchaus als Auftrag zu verstehen. Alle Menschen sind Teil von Gottes Schöpfung. Wir stehen nicht außerhalb dessen was der Schöpfer erschaffen hat, sondern sind Teil dessen. Wir haben von Gott die Aufgabe erhalten, die Erde zu gestalten, zu pflegen und über sie zu verfügen, sind aber zugleich Teil dieser Schöpfung. Es ist enorm wichtig dies festzuhalten, denn der moderne Mensch sieht sich selbst als Mittelpunkt der Welt und nicht mehr als Teil der göttlichen Schöpfung, also auch nicht als Teil der Natur.

Der Übergang zu diesem Anthropozentrismus fand bereits in der Antike statt, doch kam er erst richtig in der Moderne zum Tragen. Unter Anthropozentrismus versteht man kurz gesagt „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ (Protagoras). Das hat enorme Auswirkungen auf das Verständnis von der Rolle des Menschen in der Umwelt.

Mit der industriellen Revolution zu Anfang des 19. Jahrhunderts, die unter anderem durch die Verwendung der Kohle als hochkonzentriertem Treibstoff möglich wurde, hat der Siegeszug der Technik in unsere Lebenswelt Einzug gehalten. Dies ging freilich einher mit der Freisetzung des einst gebundenen Kohlendioxids in die Atmosphäre. Viele dieser Gase sind natürliche Bestandteile der Erdatmosphäre; infolge menschlicher Tätigkeit ist die Konzentration einiger dieser Gase in der Atmosphäre allerdings stark angestiegen. Bereits im 19. Jahrhundert stieß die rasche industrielle Veränderung auf Kritik.  Als Reaktion entstand in der Kunst und Literatur die Romantik, die sich auf die Ursprünglichkeit der Natur als Ideal besann. Auch in der katholischen Kirche begann man sich zu fragen, was hinsichtlich der rapiden gesellschaftlichen Modernisierung zu tun sei.

Dem Thema Schöpfung wird in der konsumorientierten Welt eine neue Dringlichkeit gegeben

Nach Jahren der Abwehr der Moderne wendet sich Papst Leo XIII. am Ende des 19. Jahrhunderts den sozialen und wirtschaftlichen Fragen zu. Mit der Enzyklika „Rerum novarum“ (1891) beginnt die Entwicklung einer eigentlichen katholischen Soziallehre. Seitdem sind vier weitere große Sozialenzykliken verabschiedet worden.

Diese sozialen Enzykliken werfen Imperative für wirtschaftliches Handeln und die entsprechende Beziehung zu Kapital und Arbeit, Solidarität, Familie, Löhne, die Verteilung von Eigentum und die richtigen Grenzen der Technologie auf. Das grundlegende Prinzip der Katholischen Soziallehre lautet: „Am Anfang hat Gott die Erde und ihre Güter der Menschheit zur gemeinsamen Verwaltung anvertraut, damit sie für die Erde sorge, durch ihre Arbeit über sie herrsche und ihre Früchte genieße [Vgl. Gen 1, 26–29].“ (Katechismus der Katholischen Kirche 2402). Bereits 1981 hat Kardinal Ratzinger in seinen Fastenpredigten zur Schöpfung klar und deutlich von einem Paradigmenwechsel im Verständnis des Herrschaftsauftrags des Menschen gesprochen, wenn er schreibt: „Der Auftrag des Schöpfers an den Menschen heißt, dass er die Welt als Gottes Schöpfung im Rhythmus und in der Logik der Schöpfung pflegen solle.“ (Ratzinger, Im Anfang schuf Gott, 41). Die Bedrohung des Lebendigen durch das Werk des Menschen hat dem Thema Schöpfung in einer immer hektischeren und konsumorientierten Welt eine neue Dringlichkeit gegeben. Die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus aus dem Jahre 2015 skizziert nun die moralischen Argumente für die Sorge um die Umwelt.

Kapitalismus einer der großen Zersetzer traditioneller Tugenden

Das Leben auf der Erde ist nur möglich, weil der natürliche Treibhauseffekt die Temperaturen auf dem erforderlichen Niveau hält: Ein Zuviel an Treibhausgasen kann zu Artenverlust und enormen Krisen aller Art führen. Natürliche Klimaschwankungen hat es immer schon gegeben, verursacht etwa durch Zyklen in der Sonnenaktivität oder in den Ozeanströmungen. Durch die globale Erwärmung in Folge des Treibhauseffekts heizt sich unser Planet auf. In der Erdgeschichte ist dies schon häufiger geschehen, allerdings nicht im Tempo der vergangenen 200 Jahre.

Die Einschätzungen über das Ausmaß des Einflusses des Menschen gehen deshalb erheblich auseinander. Die Konzentrationen der wichtigsten atmosphärischen Gase wie Kohlendioxid, Methan und Lachgas befinden sich allerdings seit dem Beginn des Industriezeitalters auf ungewöhnlich hohem Niveau. In den industrialisierten Ländern der Erde setzte damals ein enormes Produktionswachstum ein und seither hat sich der CO2-Ausstoß erhöht, weswegen eine Korrelation angenommen wird. Einige Wissenschaftler befürchten gar, dass bis zum Jahr 2100 weltweit die Durchschnittstemperatur um bis zu fünf Grad Celsius steigen wird. Die Grundlagen unserer Welt würden stark beeinträchtigt werden.

Als Antwort auf den Klimawandel wird eine Abkehr vom Wachstumsmodell der Wirtschaft debattiert, um damit unter anderem den Ausstoß von Kohlendioxid zu reduzieren. Wie bereits die katholische Soziallehre betont, ist es die kapitalistische Wirtschaftsform, die sich durch eine permanente Wachstumslogik auszeichnet. In den 1960er schrieb der konservative kanadische Philosoph George Grant, dass der Kapitalismus einer der großen Zersetzer traditioneller Tugenden gewesen sei und dass seine größten Philosophen, Hobbes und Locke, Smith und Hume, alle Ideale des Heiligen zugunsten der Emanzipation der Gier und des unbegrenzten Wachstums auflösten. In Deutschland entwickelte zu Anfang des 21. Jahrhunderts Dr. Niko Paech unter dem Begriff der Postwachstumsökonomie das Konzept einer nicht-wachsenden Wirtschaft.

Christliche Prinzipien können zu einer Postwachstumsökonomie beitragen

Was wir im Sinne der Postwachstumsökonomie brauchen ist eine Gemeinwirtschaft, welche die Dinge örtlich und beständig hält. So eine Gesellschaft ist auf Gemeinschaft, den Familienverband, geringe Staatsintervention und der breitest möglichen Verteilung des Privateigentums als der besten Garantie politischer und sozialer Freiheit ausgerichtet. Überall auf der Welt gab und gibt es solche „kleinen Lebenskreise“ (Helmuth James Moltkes). Das kann und sollte man fördern, Subsidiarität ist seit den 1920er Jahren als Prinzip der katholischen Soziallehre formuliert inklusive päpstlicher Enzykliken.

Der christliche Glaube braucht kein weltliches Wirtschaftssystem, doch spricht vieles dafür, dass christliche Prinzipien zu einer Postwachstumsökonomie beitragen können. In diesem Sinne sollte man versuchen, die wirtschaftliche Tätigkeit dem menschlichen Leben als Ganzes, unserem geistigen Leben, unserem Familienleben unterzuordnen. Das Christentum ist christozentrisch und damit theozentrisch und anthropozentrisch zugleich, denn es hat Jesus Christus als Zentrum, der zugleich Gott und Mensch ist. Im apostolischen Segen Johannes Pauls II. über das göttliche Erbarmen (30. November 1980) heißt es daher auch: „Während verschiedene Geistesströmungen in der Vergangenheit und der Gegenwart dazu neigten und neigen, Theozentrik und Anthropozentrik voneinander zu trennen und sogar in Gegensatz zueinander zu bringen, bemüht sich die Kirche, darin Christus folgend, deren organische, tiefe Verbindung in die Geschichte des Menschen einzubringen.“

Während man im Mittelalter noch die theozentrische Seite unserer Lebenswelt betonte, ist die moderne Zeit vor allem von der anthropozentrischen Sicht auf die Welt bestimmt. Im 21. Jahrhundert müssen wir die Schöpfung nach dem Ethos des christlichen Oikos behandeln. In einer solchen Wirtschaftsform, die ich „Reichsökonomie“ nennen will, ist Jesus als König dieses Königreiches bestimmt. 1925 wurde eigens das Christkönigsfest eingesetzt, um die Rolle des sozialen Königtums Christi im Kampf gegen den Säkularismus zu stärken.

Gott stärkt uns mit dem Heiligen Geist, das Richtige zu tun

Anthropozentrismus und Theozentrismus sind im Christentum kein Gegensatz, sondern stehen in untrennbarer Beziehung zueinander und finden in Christus zusammen. Der Schlüssel zum Königreich Gottes auf Erden ist es, so einfach wie möglich zu leben. Gott möchte aber nicht, dass wir arm, sondern bescheiden sind: „Bewahre mich davor, zu lügen und zu betrügen, und lass mich weder arm noch reich sein! Gib mir nur so viel, wie ich zum Leben brauche! Denn wenn ich zu viel besitze, bestreite ich vielleicht, dass ich dich brauche, und frage: ,Wer ist denn schon der HERR?‘ Wenn ich aber zu arm bin, werde ich vielleicht zum Dieb und bereite dir, meinem Gott, damit Schande!“ (Sprüche 30: 8–9). Bescheidenheit, nicht Armut, ist die Antwort.

Es gibt wertvolle soziale Tugenden, die für das tägliche Üben von Bescheidenheit hilfreich sein können: Rücksichtnahme, Fleiß, Treue, Freundlichkeit, Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Güte, Barmherzigkeit, Rücksichtnahme, Respekt, Loyalität und Vertrauen. Einfacher Wohlstand ist der Weg der „Reichsökonomie“, die Jesus lehrte und lebte. Gott stärkt uns mit dem Heiligen Geist und Satan flüstert Versuchungen, aber letztendlich sind wir frei, das Richtige zu tun. Es gibt eine allmächtige Gottheit, die es uns ermöglicht, frei zu handeln, und dies ist der christozentrische Ansatz, der die Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bereithält.

Der Autor arbeitet im Forstministerium der Provinz Neuschottland, Kanada und ist seit September Außerplanmäßiger Professor an der Dalhousie University, Halifax.

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