Recherche oder Schnüffelei

Das Magazin „Stern“ wirft der Zeitschrift „Bunte“ das Ausspionieren von Politikern vor

Bespitzelung, Beschnüffelung und Beschattung. Angeblich manipulierte Briefkästen und der geplante Einsatz von Bewegungsmeldern, Observation: Die Vorwürfe des Magazins „Stern“ sind hart. Es wirft der Zeitschrift „Bunte“ vor, durch eine externe Agentur und mit unlauteren Methoden das Privatleben Prominenter ausspioniert zu haben. Die „Bunte“ bestreitet das vehement und droht mit juristischen Konsequenzen – findet das Privatleben von Spitzenpolitikern wegen deren Vorbildfunktion aber auch nicht grundsätzlich tabu. Durch die Aktionen sollte in den Jahren 2008 und 2009 offenbar das Privatleben des damaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering, des Linken-Chefs Oskar Lafontaine sowie des CSU-Vorsitzenden Hort Seehofer überprüft werden. Auch der ehemalige EU-Kommissar Günter Verheugen soll ausgespäht worden sei. Es ging um die Vermutung, sie hätten jeweils eine neue Liebesbeziehung begonnen.

Beide Blätter stehen in einer wirtschaftlichen und auch journalistischen Konkurrenz zueinander, wenngleich ihre Donnerstags-Titel unterschiedliche Zielgruppen bedienen. Liechtenstein und Zumwinkel oder Doping im Team Telekom – das waren vor nicht langer Zeit große Enthüllungsgeschichten. Und jetzt dies. Geben nun Journalisten selbst Bespitzelung in Auftrag, statt diese aufzudecken?

Wo läuft die Grenze zwischen investigativer Recherche und Schnüffelei? Wann werden Journalisten zu Detektiven, wie privat ist das Leben der sogenannten Promis und welche Rolle spielen externe Recherche-Agenturen bei Enthüllungen? Die Journalisten in Deutschland haben sich vor Jahrzehnten einmal auf einige Grundsätze geeinigt, nach denen sie arbeiten wollen. Zu den „Grenzen der Recherche“ heißt es im Pressekodex, „Journalisten geben sich grundsätzlich zu erkennen.“ Eine verdeckte Recherche ist „im Einzelfall gerechtfertigt, wenn damit Informationen von besonderem öffentlichen Interesse beschafft werden.“ Eine weitere Vorgabe lautet: „Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen.“ Privates Verhalten könne „im Einzelfall in der Presse erörtert werden“, wenn es öffentliche Interessen berühre. Der private Wohnsitz genieße besonderen Schutz. Die „Wahrung der Menschenwürde“ sei oberstes Gebot der Presse.

Solange die politische Prominenz von sich aus ihr Privatleben in den Medien ausbreitet (mit seinen Pool-Plansch-Fotos in der „Bunten“ etwa hatte sich der einstige Verteidigungsminister Rudolf Scharping selbst zum Gespött gemacht), um mit der gelebten Einheit von Intimität und öffentlichem Auftritt um Sympathie beim Wähler zu buhlen, hat das Privatleben der Selbstdarsteller kein Anrecht mehr auf ein totales Tabu. Oft allerdings kann die Behauptung einer unbedingten Identität von öffentlich-politischem Handeln und privatem Verhalten trügen.

Noch gibt es kein furioses Finale. Die Spitzel-Affäre hält die Branche weiter auf Trab. Die Agentur mit dem sogenannten investigativen Rechercheservice versichert steif und fest, keine Spitzel-Methoden angewandt zu haben. Von den beiden ehemaligen Mitarbeitern, die dem „Stern“ als Informanten dienten, habe sich die angebliche Spitzel-Agentur getrennt, da deren Arbeitsmethoden nicht mit den „professionellen Grundsätzen“ der Agentur vereinbar gewesen seien, heißt es. Das Hamburger Magazin sei wohl auf „Fälschungen“ hereingefallen. Und die „Bunte“ zumindest will keine Anzeichen für unlautere Recherche-Mittel bei ihr bemerkt haben, von widerrechtlichen Methoden habe sie nichts gewusst. Der Burda-Verlag strengt derweil eine Unterlassungsklage gegen den „Stern“ (Gruner + Jahr) an, eventuell kommt noch eine Schadensersatzklage dazu.

Abgesehen davon, dass die Glaubwürdigkeit der Informanten das Hauptproblem aller investigativen Ermittlung ist, bleibt die Frage offen, warum eine Illustrierte überhaupt einen externen Dienstleister eingeschaltet hat. Etwa weil der zu Mitteln greifen kann, die der Redaktion verschlossen wären? Dann könnten Chefredaktion und Geschäftsführung – flöge die Sache auf – sich die Hände reinwaschen von jeder Schuld: War ja nur der Dienstleister. Andernfalls hätten sie aber sagen können: Recherchieren können wir selber, dafür brauchen wir keine Schnüffel-Agentur. Es stehen uns in dieser Woche weitere „Enthüllungen“ bevor. Ein Schelm, wer nur an Auflagensteigerung denkt.