Realismus trotz Metaphysikabstinenz?

Julian Nida-Rümelin macht das Dilemma deutlich, in das der Realismus ohne Gott gerät. Von Engelbert Recktenwald FSSP

Den Anderen nicht abstürzen lassen
Den Anderen nicht abstürzen lassen – für Moral muss in einem realistischen Weltbild Platz sein. Foto: Adobe Stock

Wer hätte je gedacht, dass ausgerechnet ein Präsident Trump die Philosophie beeinflussen und dem Realismus neuen Aufschwung geben würde? Ohne die linken Gralshüter der Postmoderne um Erlaubnis zu fragen, hat er deren Konstruktivismus in den Dienst seiner politischen Agenda gestellt: Wenn es, wie der Konstruktivismus meint, keine knallharten Fakten gibt, sondern nur Beschreibungen der Welt, keine objektive Wirklichkeit, sondern nur subjektive Interpretationen, dann ist die Trumpsche Rede von alternativen Fakten völlig konsequent. Indem man Trump nun Lügen vorwirft, kehrt man notgedrungen wieder zum ausrangierten Wahrheitsbegriff zurück. Der Anti-Realismus war nur so lange genehm, wie man sich des Monopols auf die Wirklichkeitskonstruktion erfreuen konnte.

Julian Nida-Rümelin gehört, wiewohl er den Trump-Effekt goutiert, nicht zu diesen Neubekehrten. Er hat schon immer für einen gesunden Realismus gestritten, und er tut es nun auch in seinem neuesten Buch „Unaufgeregter Realismus“. Eine philosophische Streitschrift, und das, wie man es von ihm gewohnt ist: mit klarer Logik und Diktion.

Dabei ist der Realismus nach zwei Seiten hin zu verteidigen. Die eine Seite ist der postmoderne Konstruktivismus in den Geisteswissenschaften. Nida-Rümelin will nicht polemisch sein, ist aber in seiner Kritik auch nicht zimperlich: Er nennt ihn eine Form der Unreife, die der zum Erwachsenwerden nötigen Auseinandersetzung mit der Realität aus dem Weg geht. „Die Vorstellung, dass wir es sind, die in einem bestimmten kulturellen Kontext die Realität nach unserem Bilde formen, hat etwas Kindliches.“

Die andere Seite ist der Naturalismus. Das mag überraschen, denn auf den ersten Blick könnte man versucht sein, den Naturalismus eher als eine Art Hyperrealismus einzuordnen, weil er ja nur die harten, greifbaren Fakten gelten lässt, mit denen es die Naturwissenschaften zu tun haben.

Aber als eine Spielart des Materialismus halbiert er die Realität, weil er unsere personale Lebenswirklichkeit, die wir als handelnde, verantwortliche und moralisch in Anspruch genommene Personen erleben, seinem Naturalisierungsprogramm unterwirft und in bloße Physik oder Biologie verwandeln will. Geist wird zu einem Konstrukt der Materie, Bewusstsein zu einer Illusion des Gehirns, Moral zu einer Erfindung der Evolution. Scharfsinnig zeigt Nida-Rümelin, dass damit die Naturalisten ihr eigenes Tun entwerten und ihre eigene Theorie untergraben. Sie wollen uns mit einsichtigen Gründen davon überzeugen, dass Einsicht, Gründe und Überzeugungen vom Gehirn produzierte Illusionen seien. Nida-Rümelin: „Dem Naturalisten fällt der Naturalismus auf die eigenen Füße.“

Dieses Argumentationsmuster gegen den Naturalismus ist nicht neu, wir treffen es etwa schon bei C. S. Lewis und Thomas Nagel an. Originell bei Nida-Rümelin ist eher das Herausstreichen der Lebenswirklichkeit als Bewährungsinstanz für jede Theorie. Wir brauchen weder Physik noch Philosophie, um von der Realität der Dinge um uns her-um überzeugt zu werden, sondern umgekehrt bemisst sich der Wert jeder Theorie an ihrer Fähigkeit, jener Realität gerecht zu werden. An ihr kommt im praktischen Vollzug auch der Antirealist nicht vorbei. Nida-Rümelin nennt deshalb seinen Realismus einen robusten.

Die Stärke des Buchs liegt darin, dass der Autor dieses Prinzip auch auf die Moral anwendet und überzeugend für den moralischen Realismus plädiert. Denn auch die normative Erfahrung ist ein unaufgebbarer Teil unserer Lebenswirklichkeit und damit eine solche Bewährungsinstanz. Es gibt moralische Tatsachen, zum Beispiel der normative Charakter eines Versprechens. Jede Theorie hat ihnen, statt sie hinwegzuinterpretieren, Rechnung zu tragen.

Die Schwäche des Buchs dagegen ist das, was der Autor den unaufgeregten Charakter seines Realismus nennt. Er meint damit die Metaphysikfreiheit. Er verzichtet auf jede ontologische Fundierung. Natürlich hat er Recht, wenn er den Respekt, den wir den normativen Handlungsgründen schulden, unabhängig machen will von weiteren Gründen. Wenn ein Mensch in Not ist, dann ist das ein ausreichender Grund, ihm zu helfen. Jeder zusätzliche Grund, den ich anführe, um meine Hilfe zu rechtfertigen, ist nach einem berühmten Wort von Bernard Williams „ein Gedanke zuviel“. Die Motivations- und Rechtfertigungskraft moralischer Tatsachen ist unabhängig von jeder Metaphysik. Aber davon verschieden ist die Frage nach ihren Möglichkeitsbedingungen. Nida-Rümelin referiert John Searle, der die Frage stellt, wie Moral, Willensfreiheit und Bewusstsein aus den physikalischen Tatsachen des Universums hergeleitet werden können. Er weist diese Fragestellung zurück, denn sie impliziert für ihn die Akzeptanz der „imperialistischen Attitüde vieler philosophierender Naturwissenschaftler“. Aber er übersieht, dass er dann gezwungen ist, eine Alternative zum naturwissenschaftlichen Erklärungsmodell zu finden. Hier kommt die Gottesfrage ins Spiel. Was steht dem Atheisten außer der Evolution als Erklärungsmodell noch zur Verfügung? Wenn Mensch und Moral vom Universum evolutionär hervorgebracht wurden, dann müssen sie auch aus ihm erklärbar sein. Wenn Materie ihr Urgrund ist, muss sie auch die Ermöglichungsbedingungen in sich enthalten. Den Sachverhalt zu entdecken ist Sache der Naturwissenschaft, seine Möglichkeit zu denken Sache der Philosophie. Wenn dagegen, wie Nida-Rümelin richtig sieht, moralische Tatsachen nicht aus bloßer Physik abgeleitet werden können, dann kommt das Universum der Physiker zu ihnen wie die Jungfrau zum Kind. Die Unaufgeregtheit von Nida-Rümelins Realismus läuft deshalb auf ein Frageverbot hinaus, wie Moral möglich sein soll. Seine metaphysische Abstinenz ist die Resignation vor der Aufgabe, ein alternatives Weltbild zu dem des Naturalismus zu entwerfen. Es braucht ein Weltbild, in dem Mensch und Moral einen Platz haben, der ihnen nicht von Evolutions Gnaden zugewiesen ist. Denn das sieht Nida-Rümelin ganz klar: Mensch und Moral können das, was sie sind, nur bleiben, wenn wir es nicht der Physik überlassen, „die ontologische Ausstattung der Welt“ zu klären. Das müsste die Philosophie tun. Und genau davor drückt sich der unaufgeregte Realismus.

Bloßes Insistieren auf die Selbstverständlichkeit moralischer Gründe wird unglaubwürdig, wenn es nicht möglich ist, das naturwissenschaftliche Erklärungspotenzial in ein nicht-naturalistisches Weltbild zu integrieren. In ruhigen Zeiten, in denen solche Kontroversen nur akademischen Charakter haben, mag das nicht weiter tragisch sein. Das ändert sich, sobald die Selbstverständlichkeit dessen, was als gut und böse zu gelten hat, erschüttert wird. Hannah Arendt sah gerade in solcher Erschütterung einen Grundzug der Verführungskraft des Nationalsozialismus. Wenn dann das Festhalten am Selbstverständlichen kein irrationales sein soll, braucht es eine metaphysikorientierte Aufklärung dieses Selbstverständlichen. Spaemann verdankte seine Standfestigkeit in solchen Zeiten nach eigenem Bekunden seiner Gottesbeziehung. In einem theistischen Weltbild finden die Gewissheiten der Moral einen festen Rückhalt in der Wirklichkeit. Denn wenn Gott existiert, dreht sich die Rangfolge um: Das Gute wird zum Primären, die Materie zum Sekundären. Das Gute ist dann nicht mehr das zufällige Nebenprodukt einer Evolution, sondern Urgrund aller Wirklichkeit. Das Universum des Physikers seinerseits wird zum „versinnlichten Material der Pflicht“ (Fichte), zur Bühne für das Drama jener Wirklichkeit, die allein zählt: des Ringens jedes Menschen um die Bewährung im Guten.

Julian Nida-Rümelin: Unaufgeregter Realismus: Eine philosophische Streitschrift. Mentis Verlag 2018, 141

Seiten, ISBN-13: 978-395743-130-1, EUR 19,90