Raskolnikows „Kopftheater“

„Schuld und Sünde“ heißt jetzt „Verbrechen und Strafe“ – Die erste Festspielpremiere des Romans von Dostojewski in Salzburg

Ein dunkel-düsterer Raum, eine Fußgängerunterführung, am Ende dieses bedrohlichen Tunnels ein Lichtstreifen. Fast unerreichbar fern freilich. Raskolnikow steht erst da mit dem Beil, liegt dann zusammen gekauert, verlottert und vereinsamt auf dem Boden wie ein Sandler. Ein von der Gesellschaft Ausgesonderter. Oder einer, der sich selbst ausgesondert hat? Das wird über vier Stunden die philosophische und juridisch-praktische Frage sein. Ein paar Figuren – die Zimmerwirtin, die Mutter, die junge Sonja ziehen vorbei. Unnahbar, ungreifbar geben sie ein paar Sentenzen von sich. Die elektronische Verfremdung ihrer Stimmen verstärkt die Entfernung: Das ist Raskolnikows „Kopftheater“, aus dem es kein Entrinnen gibt – so wie sich der Besucher eben nicht so leicht hinausstehlen kann aus der überlangen Aufführung von Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“.

Ja, „Verbrechen und Strafe“ heißt die im Salzburger Landestheater uraufgeführte Dramatisierung durch Andrea Breth. So wie die Textübertragung von Swetlana Geier, an die sich Breth ganz eng anlehnt. Nichts da von der durch Poesie das Direkte abmindernden „Schuld und Sühne“, wie es eingebürgert ist im Deutschen. „Verbrechen und Strafe“: das ist frontal, ungeschönt. Alltäglich, wenn man so will. Auch Andrea Breths Theater ist direkt, ungeschönt. Eine durchaus knöcherne Didaktikerin ist hier am Werk, die den Stoff nicht deshalb dramatisiert, um die Sache flüssiger, leichter bekömmlich zu machen. Ganz im Gegenteil. Es gibt in der Salzburger Festspielaufführung Phasen, in denen man sich durchaus nach dem Neunhundert-Seiten-Buch sehnt.

In Spotlights einerseits, in langen, genau exemplifizierenden Szenen andrerseits führt Andrea Breth durch die Textflut. Das Dialogische und das Monologische kommt zu seinem Recht, freilich nicht immer gleichberechtigt. Wo Andrea Breth mutig beide Ebenen verschneidet, wo sie die Zeitebenen durcheinander mixt, zwischen Handlungs- und Brief-Ebene wechselt in gleichsam cineastischen Schnitten – da wirkt die Arbeit wesentlich überzeugender und kreativer als im Mittelteil, wenn die Regisseurin eher auf zeitlich arg überstrapazierte Spielszenen setzt. Der Abschnitt zwischen den beiden Pausen zieht sich gewaltig.

Die Dauer ist ohne Zweifel ein Problem der Aufführung, und zwar nicht, weil die Sache im Schauspielerischen durchhinge, sondern weil der didaktische Ansatz all zu rasch klar wird. Man kennt das Werk, man weiß bald, worauf die Regisseurin hinaus will. Und dann?

Dann ist es allein Sache der Schauspieler, Spannung zu halten – was einmal besser gelingt, einmal weniger gut. Jens Harzer ist Raskolnikow, schäbig gekleidet, weniger ärmlich als nachlässig, die Gesellschaft um sich herum eigentlich verachtend. Das drückt sich auch in seinem Sprechen aus: monoton, leiernd: So redet keiner, der ernsthaft auf Dialog, auf Austausch aus ist. Man traut diesem Raskolnikow sofort zu, dass er sich hinein steigert in den Wahn, nicht nur ein besserer, sondern ein Übermensch zu sein. In die Fantasterei, durch den Mord an der „minderwertigen“ Pfandleiherin, „um nichts besser als eine Laus“ als singulärer, genialer Mensch zu genesen. Armut, so doziert der angesoffene Titularrat Marmeladow in der ersten breit ausgespielten Szene, ist keine Schande – wohl aber bettelarm zu sein: Verblüffend, wie Dostojewski die Menschenverachtung des Neoliberalismus vorweggenommen hat.

Krass wird später Sven-Eric Bechtolf als machohafter Gutsbesitzer die gelebte Decadence vor sich hertragen, wird dem an sich und seiner Tat verzweifelnden Raskolnikow vor Augen führen, dass sich Alltagsschurkerei ganz offensichtlich besser rechnet als die hehre Untat eines moralisch und praktisch maroden Genies.

Nun hat aber Raskolnikow die Pfandleiherin und ihre Schwester ermordet, sich verfangen in der Diskrepanz zwischen philosophischer Entrücktheit und schnödem Gewissen. Da also kommt Udo Samel ins Spiel, dieser ruhige, souveräne Ermittlungsrichter Porfirij. Keine Geste, die unkontrolliert wirkte. Was für ein Unterschied zu Raskolnikow, der – wenn er die Stimme hebt – gleich unkontrolliert schreit. Sagenhaft gefährlich, Udo Samels beinah joviale Korrektheit.

Andrea Breth hat die Textübersetzung von Swetlana Geier auch insofern genau gelesen, als sie didaktische Parallelen zwischen den Figuren als Doppelrollen anlegt: So ist Elisabeth Orth sowohl die Mutter als auch die Pfandleiherin: Pulcherija heißt die eine, Aljona die andere – die Schöne und die Schöne Helena! Marie Burchard hat als Schwester Dunja eindrückliche Momente, Corinna Kirchhoff ist eine luxuriöse Besetzung für Sonjas Mutter. Birte Schnöink ist dieses weiß gekleidete, unwirklich engelhafte Wesen, das da mehr wie eine Idee als wie ein Mensch aus Fleisch und Blut Einfluss gewinnt auf Raskolnikow: In der Berliner Ernst Busch-Schule hat Andrea Breth diese junge Schauspielerin gecastet, so wie Sebastian Zimmler (Raskolnikows Freund Rasmuchin). Beide haben erst den zweiten Jahrgang hinter sich, sind also noch „unbeschriebene Blätter“, unverbrauchte Gesichter.

Was die Regisseurin in Worten streng und analytisch destilliert, bekommt so visuell durchaus mystischen, magischen Anstrich. So ist die Aufführung letztlich doch ein sinnliches Ereignis.