Wien

Psychiater Haller: 99,7 Prozent der Missbrauchstäter nicht im kirchlichen Bereich

Kardinal Schönborn lobt Papst Benedikt XVI. und widerspricht ihm zugleich.

Kardinal Christoph Schönborn
Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn sprach auf einer Fachtagung zum Thema Missbrauch. Foto: Robert Jäger (epa apa)

 Die Kirche steht beim Thema Missbrauch am Pranger. Das sei aber nicht primär darauf zurückzuführen, dass man ihr schaden wolle, meint der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, bei einer Fachtagung des „Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP). Der „Missbrauch des Heiligsten“ sei besonders erschütternd. Die Kirche in Österreich habe seit dem „Fall Groer“ 1995 einen „langen und schmerzlichen Lernprozess“ durchgemacht, wofür sie heute weltkirchlich als Vorbild gelte.

Schönborn: Es gibt Geistliche, die "jegliche Schuldeinsicht verweigern"

„Kardinal Ratzinger war damals unsere Zuflucht“, erinnerte sich Schönborn an die Turbulenzen um den „Fall“ seines Vorgängers Hans Hermann Groer. Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation habe Papst Johannes Paul II. von der Einrichtung eines Gerichtshofs für die schwerwiegenden Fälle überzeugt. Mittlerweile habe der Bewusstseinswandel „die ganze Kirche erfasst“. Am belastendsten sei für ihn selbst die Erfahrung gewesen, „dass es Geistliche gibt, die jegliche Schuldeinsicht verweigern“, sagte Schönborn. Geradezu unglaublich seien die „Strategien der Schweigespirale von Tätern“.

Schönborn: "Geschlossene Systeme begünstigen Missbrauch"

Anders als der emeritierte Papst Benedikt XVI. sieht Schönborn keinen kausalen Zusammenhang zwischen der 68er Bewegung und dem sexuellen Missbrauch: 60 Prozent der in Österreich erfassten Fälle hätten vor 1969 stattgefunden; dagegen nur 0,9 Prozent aller Fälle nach dem Jahr 2000. Schönborn sieht in der einstigen kirchlichen Fixierung auf das sechste Gebot, gepaart mit einer „Geschlossenheit des Systems“, das eigentliche Problem: „Geschlossene Systeme begünstigen Missbrauch.“

Reinhard Haller sieht Projektion einer hyper-sexualisierten Gesellschaft

Der Psychiater, Gerichtsgutachter und Bestsellerautor Reinhard Haller verwies darauf, dass 99,7 Prozent aller Missbrauchstäter nicht im kirchlichen Bereich tätig seien. Haller wusste auch von einer enormen Verunsicherung bei Priestern und Ordensleuten zu berichten, und davon, dass rund ein Drittel aller Anzeigen Fehlanzeigen seien. Perversionen hätten immer mit einer Persönlichkeitsstörung zu tun. „98 Prozent aller Priester und Ordensleute haben damit überhaupt nichts zu tun“, so Haller. Die hyper-sexualisierte Gesellschaft projiziere allerdings ihre eigene Missbräuchlichkeit auf die Kirche. Und die habe „alles getan, um die Pfeile auf sich zu ziehen“.

Stephan Baier über die Tagung des „Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“. – Lesen Sie den ganzen Text in der Ausgabe der „Tagespost“ vom 19. Juni 2019. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe der Zeitung hier.

DT/sb (jobo)