Pro: Raus mit dem Nolde?

Ins Bild setzen, worauf es ankommt. Von Barbara Stühlmeyer

Ausstellung Emil Nolde
26.03.2019, Berlin: Ein Mann geht durch die Ausstellung "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus " im Museum für Gegenwart. Vom 12.04.2019 ? 15.09.2019 wird sein Werk im historischen Kontext seiner Biografie und ideologischen Haltung gezeigt. Foto:... Foto: Britta Pedersen (ZB)

Ist es richtig, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bilder von Emil Nolde aus ihrem Büro entfernen ließ? Auf jeden Fall. Denn es ist einfach ein fatales Signal, Staatsgäste aus anderen Ländern zu empfangen und ihnen als optische Repräsentation Deutschlands ausgerechnet Bilder eines Künstlers anzubieten, dessen Werte und Überzeugungen für all das stehen, was die Bundesrepublik nach 1945 so entschlossen hinter sich gelassen hat.

Die mit dem Vorgang verbundene Frage ist ein umstrittenes Thema, zugleich aber eine unleugbare Tatsache: Person und Werk sind untrennbar miteinander verbunden. Am besten einsichtig sollte dies für Christen am Beispiel der Schöpfung sein.

Dass sie ihr Sein einem guten Gott und nicht einem bösen Demiurgen verdankt, macht den entscheidenden Unterschied in der Wahrnehmung der Materie aus. Leibfeindlichkeit ist mit dem christlichen Glauben unvereinbar. Das liegt daran, dass das Wesen des Schöpfers das seiner Schöpfung determiniert. Gott, der die Gutheit selber ist, hat das, was er geschaffen hat, gut genannt oder, um den lateinischen Begriff für Gutes, benedicere, zu verwenden, er hat sie gesegnet.

Aus diesem Grund hat die Kirche dualistischen Denkansätzen immer widersprochen, ganz egal, ob sie von elitären Gnostikern oder häretischen Katharern vertreten wurden. Das Wesen des Schöpfers eines Werkes existiert nicht getrennt von diesem auf einem anderen Planeten. Es nimmt Einfluss auf dessen Gestaltung, dessen offenkundige Inhalte und verborgene Subtexte. Denn die Grundannahmen, von denen ein Mensch ausgeht, prägen sein Denken und alles, was er tut. Und dabei ist es ganz egal, ob es sich dabei um die Musik von Richard Wagner oder die Bilder Emil Noldes handelt.

Aber auch jenseits theologischer und anthropologischer Überlegungen ist das Abhängen von Bildern, die nachweislich von einem Maler stammen, der über Möglichkeiten zur Entjudung Deutschlands nachdachte und das nationalsozialistische Gedankengut über das Bestehen des sogenannten Dritten Reiches hinaus teilte, eine zwar zu spät getroffene, aber gleichwohl notwendige Entscheidung.

Ein offizieller Ort wie das Bundeskanzleramt sollte nicht nur im Hinblick auf die dort wirkenden Persönlichkeiten, sondern insgesamt den Geist dessen atmen, für das es steht, unser Gemeinwesen, einen Rechtsstaat, in dem weder Antisemitismus noch Rassismus einen Platz haben. Die Gestaltung der Räumlichkeiten sollte die Werte widerspiegeln, für die wir stehen.

Mit dem Abhängen der Noldebilder im Arbeitszimmer Angela Merkels verbindet sich also nicht die Forderung, alles, was er geschaffen hat, in irgendeinen Keller zu verbannen. In Ausstellungen, mit Kommentaren und Hinweisen zur Vita des Malers versehen, haben diese Werke ihren Platz. Sie sind Teil der Kunstgeschichte mitsamt ihren Irrungen und Wirrungen. Deshalb tat Angela Merkel Recht daran, die Bilder abzuhängen, ohne selbst die damit verbundene notwendige Debatte zu führen. Dass sie diese an die Kuratoren der Museen und die Kunstwissenschaftler delegierte, die über die dafür notwendige Kompetenz verfügen, ist ein Beispiel für die selten gewordene Gabe der Unterscheidung. Regieren bedeutet nicht, über alles zu twittern, was nicht bei drei auf dem Baum ist, sondern zu lenken, zu leiten und dafür zu sorgen, dass jeder all das und nur das tut, was ihm aufgrund seiner Kompetenz und Befugnis zukommt. Vielleicht hat ja auch ein politisch informierter Kunstwissenschaftler eine gute Idee für eine neue Bebilderung des Merkelschen Arbeitszimmers.

Denn im Kanzleramt sollte der Blick auf Bilder oder Skulpturen fallen, deren Schöpfer jene geistlichen Grundhaltungen verkörpern, die für alle Bürger dieses Landes zielführend sind: die christlichen Werte, die Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit.

 

 

Hintergrund: Ein deutscher Bilderstreit

Zurzeit ist im „Hamburger Bahnhof“ in Berlin die Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende“ zu sehen. Ein durchaus passender Titel, denn Nolde, dessen Kunst im Rahmen der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München gezeigt wurde, stand dem „Dritten Reich“ längst nicht so distanziert gegenüber, wie er selbst und seine Nachlassverwalter es nach dem Zweiten Weltkrieg gern darstellten. So weisen die Kuratoren der Berliner Ausstellung, die bis zum 15. September zu sehen ist, nach, dass der als verfemter Expressionist geltende Künstler nicht nur mit einigen Nazi-Größen gut stand, die dafür sorgten, dass er bald schon aus der mobilen „Entartete Kunst“-Ausstellung verschwand, auch weltanschaulich gab es einige unschöne Berührungspunkte mit dem NS-Regime – allen voran den Antisemitismus. Nicht nur über den jüdischen Einfluss in der deutschen Kultur ärgerte sich Emil Nolde, auch beim Weltkrieg witterte der Maler eine jüdische Verschwörung „hinter den Regierungen“.

Was der aktuellen Ausstellung in Berlin zusätzlich Aufmerksamkeit beschert, ist aber noch etwas anderes: ein Exponat der Ausstellung, das Gemälde „Brecher“ (1936), stammt aus dem Bundeskanzleramt, wo es auf Wunsch von Angela Merkel, wie auch das Nolde-Bild „Verlorenes Paradies“, seit 2006 hing. Beide Nolde-Gemälde werden zukünftig auf Veranlassung Merkels nicht mehr das Bundeskanzleramt schmücken. Die Kanzlerin zieht es, laut eines Sprechers vor, „einstweilen die weiße Wand ohne ein neues Bild anstelle der Nolde-Bilder schön zu finden und es dabei zu belassen“. Obwohl sie nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass sie die Werke Noldes, ebenso wie der frühere Kanzler Helmut Schmidt, sehr schätzt. Kein Nolde im Bundeskanzleramt – die richtige Entscheidung?