Pro: Bildungschancen werden verbaut

Soll Homeschooling verboten bleiben? Von Michaela Koller

Schulverweigerer klagen in Straßburg
SDie deutsche Familie Wunderlich hat vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg für ein Recht auf Homeschooling geklagt. Im Hintergrund die Rechtsbeistände Mike Donnelly (3.von links) und Robert Clarke (2. von rechts). Das Gericht hat geurteilt, dass die deu... Foto: Foto:

Die Schulpflicht ist eine großartige pädagogische und vor allem eine große soziale Errungenschaft. Die Bürger- und Menschenrechte werden durch eine solche Pflicht keineswegs verletzt. Hier liegt der Europäische Gerichtshof völlig daneben. Im Gegenteil: Erst durch solide Bildung wird man zum mündigen Bürger. Mit der Einführung der Schulpflicht in Deutschland vor – je nach Teilstaat – 200 bis 300 Jahren wurde allen sozialen Schichten eine halbwegs ordentliche breite Bildung ermöglicht, und zwar unabhängig vom Bildungsstand und vom Geldbeutel der Eltern. Gäbe es diese Schulpflicht nicht, so käme wohl kaum mehr als ein Zehntel der Kinder – Kinder nämlich bildungsbeflissener und wohlhabender Eltern – in den Genuss von Bildung. Dem Gros der Kinder bliebe solches vorenthalten. Vergessen sei auch nicht: Die Einführung der Schulpflicht war eine Maßnahme zum Schutz der Kinder vor Ausbeutung durch Kinderarbeit. Deshalb übrigens fand die Schulpflicht ja in breiten Kreisen der Bevölkerung lange keinerlei Gefallen.

Dass andernorts, etwa in den USA, manches anders ist, weiß man. Was das Homeschooling betrifft, so sind die USA auch in dieser Hinsicht ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Gewiss steckt das öffentliche Schulwesen dort in einem oft desaströsen Zustand. Deutsche Schüler, die in den USA ein Schuljahr verbringen, wissen dazu Interessantes zu berichten. Die US-Elite-Schulen und die US-Elite-Universitäten drängen diese Erfahrungen und Diagnosen oft genug in den Hintergrund. Das Homeschooling hat jedenfalls in den USA allein schon deswegen Zulauf bekommen. Angeblich haben sich die Eltern von bereits annähernd zwei Millionen Kindern solchermaßen, das heißt durch „opting out“, aus dem öffentlichen Schulwesen ausgeklinkt.

Jenseits dieser Abstimmung mit den Füßen ist das Homeschooling dort aber auch zum Spielfeld fundamentalistischer und sektiererischer Eltern geworden. Das könnte bei einer Freigabe des Homeschoolings auch in Deutschland kommen. Eine der führenden Gruppen in den USA sind etwa die Kreationisten, die nicht wollen, dass ihre Kinder in der Schule mit der Lehre der Evolution konfrontiert werden. Im übrigen darf man nicht übersehen, welche Folgen die Zulassung von Homeschooling gerade in Populationen mit Migrationshintergrund hätte. Es wäre dann zu befürchten, dass hier in Teilen noch mehr Abstinenz gegenüber solider schulischer Bildung praktiziert würde. Der Weg in Parallelgesellschaften wäre – gerade für muslimische Mädchen – weiter geebnet. Ein Gedankenexperiment nur: Wer Homeschooling zulässt, müsste als Alternative zum staatlichen beziehungsweise zum staatlich anerkannten oder staatlich genehmigten Schulwesen sogar privat organisierte Koranschulen zulassen.

Tatsache ist auch: Kein Elternpaar kann seinen Kindern an fachlicher und methodischer Kompetenz mitgeben, was Schule mitgeben kann. Da bedürfte es schon eines verwandtschaftlichen oder nachbarschaftlichen Netzwerkes, das schier der regulären Gründung einer Privatschule gleichkäme. Nicht einmal ein Vater und eine Mutter, die beide für ein gymnasiales Lehramt ausgebildet sind, könnten ihre Kinder in allen Fächern zum Abitur führen. Vor allem aber wird „Homeschoolern“ die Bandbreite schulischen sozialen Lernens und schulischer Kultur vorenthalten. Solche Kinder erleben nicht, was ein Skikurs, eine Studienfahrt mit einer ganzen Klasse oder was eine gemeinsame Theateraufführung, ein sportlicher Wettstreit, weltanschaulich mit nicht stramm gleich „Gestrickten“ bedeuten. Sie erfahren nie, was es heißt, sich mit einer Gruppe zusammengemixter Alterskameraden zu einem schulischen Projektauftrag zusammenraufen zu müssen. All dies würde Homeschoolern vorenthalten.

Der Autor war bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands. 2018 erhielt er den Deutschen Sprachpreis, zuletzt erschien von ihm „50 Jahre Umerziehung. Die 68er und Ihre Hinterlassenschaften“ (2018).

 

Hintergrund: Wer Kinder bilden darf

Familie Wunderlich aus Hessen hat versucht, das Recht auf Homeschooling am Europäischen Gerichtshof einzuklagen. Zuvor hatten bereits Gerichte den Eltern das Sorgerecht über ihre Kinder teils entzogen oder sie in staatliche Obhut genommen. Am 11. Januar entschied der Gerichtshof, das Vorgehen des Staates sei keine Verletzung der Rechte der Familie.

Der Unterricht zu Hause, auch homeschooling genannt, war in Deutschland bis 1938 legal. In der Geschichte galt es als ein Privileg, sich für seine Kinder einen Hauslehrer leisten zu können. Die meisten westlichen Länder erlauben private Bildung als Alternative zum Schulbesuch, weil dort nur eine Bildungspflicht besteht, jedoch kein Schulzwang. In einigen Staaten ist die Option des Homeschoolings im Rahmen der Bildungsfreiheit sogar durch die Verfassung geschützt. In Deutschland hingegen wird die Schulpflicht so restriktiv durchgesetzt, dass diese Rechtspraxis mehrfach schon international in die Kritik geriet. Anfang 2010 gab ein Gericht in Memphis, Tennessee, dem Asylantrag der deutschen fünffachen Eltern Hannelore und Uwe Romeike statt. Weil sie wegen des Heimunterrichts-Verbots Gefahr liefen, sich strafbar zu machen, waren sie 2008 in die Vereinigten Staaten geflohen. Im Schulzwang sahen sie als evangelikale Christen ihr natürliches Recht als Eltern auf Erziehung ihrer Kinder und ihr Recht auf Religionsfreiheit verletzt, was sie auch im Asylantrag vorbrachten.

Dabei sieht das Grundgesetz jedoch keine Schulpflicht vor, sondern betont vielmehr das Elternrecht (Artikel 6, Absatz 2, Satz 1). Zugleich räumt es dem Staat in Satz 2 eine Aufsichtspflicht über das öffentliche Schulwesen ein. Die meisten Eltern in den USA, die zu Hause unterrichten, tun dies aus religiösen oder moralischen Gründen.