Politischer Rückzug

Datendiebstahl, Verletzung der Privatsphäre, ein hohes Maß an Aggression – die Sozialen Medien laden derzeit nicht zum Engagement ein. Eine Situationsanalyse. Von Josef Bordat

Robert Habeck
Nachahmenswerter Rückzug? Grünen-Chef Robert Habeck löschte seine Social-Media-Accounts. Foto: IN

Ein Plakat fällt auf, das seit einigen Tagen in Berlin zu sehen ist: Das Museum für Spionage wirbt darauf mit einem skurrilen Vergleich zwischen der Überwachung Anno 1989 durch die Stasi und der Überwachung Anno 2019 durch ein System kommunikationstechnischer Anwendungen. Der finstere Geselle mit Ledermantel und Schlapphut wurde ersetzt durch Mobiltelefon und Soziale Medien. Die Botschaft: Das einzige, was sich in Fragen der Überwachung in den vergangenen dreißig Jahren geändert hat, ist unsere Einstellung. Heute stimmen wir ihr freiwillig zu, willigen mit Freude ein, sind geradezu stolz darauf.

Was eher ironisch wirken soll, bekommt in diesen Tagen eine sehr konkrete Kontur. Denn es zeigte sich einmal mehr: Unsere Daten sind nicht sicher. Ein Hacker mit dem Pseudonym „G0d“ führt die Verwundbarkeit der Größen Facebook und Twitter deutlich vor Augen. Er hatte die Twitter-Konten zahlreicher namhafter Politiker, Journalisten und anderer Prominenter gekapert und anschließend sensible persönliche Daten veröffentlicht. Darunter waren neben Handynummern und Adressen auch geradezu intime Informationen aus Chat-Protokollen oder auch launige Urlaubsfotos. Ein Aufschrei war die Folge – vielleicht war er auch deshalb so laut, weil diesmal bekannte Persönlichkeiten betroffen sind. Das Ganze ist tatsächlich skandalös. Und es wurde entsprechend schnell gehandelt. Bei dem rasch ermittelten mutmaßlichen Täter, einem 20-jährigen Schüler aus Hessen, führte eine Hausdurchsuchung zu Erkenntnissen, die erschrecken. Offenbar war der junge Mann, der nach eigener Auskunft aus Ärger über die Politik handelte, schon seit Jahren als Hacker und illegaler Datensammler aktiv. Noch erschreckender ist der Befund, dass offensichtlich kaum informationstechnische Fachkenntnisse nötig sind, um an Daten Prominenter zu gelangen. Alles, was es zum Schnüffeln braucht, habe er sich selbst angeeignet, ergaben die Ermittlungen.

Über den konkreten Fall hinaus stellen sich daher grundsätzliche Fragen. Wie kann es sein, dass Soziale Medien, die täglich von Milliarden Menschen arglos genutzt werden, so wenig Datensicherheit und Schutz der Privatsphäre bieten? Und: Wie kann es sein, dass sich Millionen Menschen täglich neu auf dieses gefährliche Spiel einlassen? Allerdings ergab ein ARD-Deutschland-Trend (Infratest Dimap), dass immerhin 60 Prozent der Deutschen versuchen, online so wenige persönliche Daten wie möglich anzugeben. Doch 37 Prozent sagen, dass sie persönliche Daten angeben, wenn es für die Nutzung bestimmter Dienste erforderlich ist. Entsprechend die Zahlen im Hinblick auf die Sorge um Datenschutz: Eine Mehrheit von 61 Prozent der Befragten macht sich in diesem Zusammenhang große oder sogar sehr große Sorgen. Anders sehen das 35 Prozent der Deutschen: Sie machen sich nur geringe Sorgen, vier Prozent haben gar keine Angst vor Datenmissbrauch.

Zudem steht die Frage im Raum, ob man sich überhaupt noch in den Sozialen Medien austauschen kann. Einer gab darauf kurz entschlossen eine beherzte Antwort: Grünen-Chef Robert Habeck. Er löschte seine Social Media-Accounts, also: seinen Auftritt bei Twitter und seine Profilseite im Facebook. Zunächst ein Einzelfall, vielleicht aber auch ein Fanal für den Rückzug Prominenter aus den Sozialen Medien.

Interessant ist, dass Habeck sich nicht allein als Reaktion auf den „Datenklau“ zurückzog, sondern auch einen anderen Grund nannte: der Stil in den Sozialen Medien. Die Umgangsform sei schlicht unerträglich geworden. Und offensichtlich sei er, Habeck, anfällig dafür, in Medien, in denen so aggressiv kommuniziert werde, „auch so zu reden“, sagte er laut „Deutschlandfunk“ am Rande der Vorstandsklausur der Grünen in Frankfurt/Oder. Beispiel: In einem Video hatte der Politiker erklärt, seine Partei werde alles dafür tun, damit Thüringen „ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land“ werde. So, als sei es dies derzeit eben nicht. Diese inhärente Implikation hat Habeck mit etwas Abstand selbst „super bescheuert“ genannt („Deutschlandfunk“).

Das heißt: Der Stil färbt ab – und das wolle er nicht, auch von daher der Rückzug. Eine bemerkenswerte Argumentation, die freilich höchst unbefriedigend ist: Wenn die Besonnenen sich zurückziehen, bleiben diejenigen zurück und unter sich, die mit Umgangsformen und Ausdrucksweisen ihre Schwierigkeiten haben. Wenn der Klügere nachgibt, herrschen die Dummen. In der Tat droht die (Selbst-)Diskreditierung der Sozialen Medien durch Datenunsicherheit und Verrohung zu einer weiteren Zuspitzung des Problems einer Diskussionsunkultur zu führen, die beleidigt statt begründet, verdächtigt statt verständigt, flucht statt forscht.

Rückzug aus den Sozialen Medien ist nicht gleichbedeutend mit einem Mangel an Wertschätzung der Öffentlichkeit oder einer geringen Medienpräsenz, im Gegenteil: Robert Habeck ist dafür selbst ein gutes Beispiel. Wie der Branchendienst „Meedia“ mitteilt, steht der Grünen-Chef nach Auswertung der offiziellen Gästelisten der vier großen Polit-Talkshows von ARD und ZDF auf Platz eins. Der Social Media-Verweigerer 2019 ist also der Talkshow-König 2018, mit stolzen 13 Einladungen zu „Anne Will“, „Maischberger“, „Hart aber fair“ und „Maybrit Illner“. Zurück zum Funkhaus – das könnte das Motto für die Medienstrategie 2019 sein. Denn dort sind wenigstens die Daten sicher.