Politisch korrekt

Politische Korrektheit – das ist heute Kampfvokabular. Dabei startete der Begriff in Amerika seine Karriere durchaus einmal mit Verstand. Von Professor Heinz-Joachim Müllenbrock

Johannes B. Kerner ist der Prototyp des politisch korrekten Fernsehmenschen, der den Konformismus als Treibmittel seiner Karriere nutzt – wie der Rauswurf Eva Hermanns aus einer seiner Sendungen schon belegt hat. Foto: dpa
Johannes B. Kerner ist der Prototyp des politisch korrekten Fernsehmenschen, der den Konformismus als Treibmittel seiner... Foto: dpa

Politische Korrektheit (englisch: Political Correctness) ist in Deutschland zu einem allgegenwärtigen Phänomen geworden, das sich der Kritik insbesondere von konservativer Seite ausgesetzt sieht. Dabei sollten gerade Konservative eigentlich nichts gegen Bestrebungen einzuwenden haben, verbesserungsbedürftige politische Angelegenheiten, wie der lateinische Wortursprung nahelegt, in Ordnung zu bringen. Die Ausgangskonstellation für eine positive Bewertung dessen, was bald mit dem Schlagwort „Politische Korrektheit“ bezeichnet werden sollte, war durchaus gegeben.

Während über den Ursprung des Begriffs Uneinigkeit besteht – als erster schriftlicher Beleg gilt eine Äußerung der afro-amerikanischen Feministin Toni Cade (Bambara) aus dem Jahr 1970 –, besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass der Terminus PC in den 1960er Jahren im Rahmen der durch die Black Power-Kampagne angestoßenen Reform- und Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten allmählich in Umlauf kam und sich in den 1980er Jahren etablierte. Im Zuge der Abkehr der Neuen Linken (New Left) vom klassischen Liberalismus und ihrer Unterstützung der Frauen- und Homosexuellenbewegung sowie ethnischer Anliegen wurde PC zu einer programmatischen Losung, die ein politisches Verhalten einforderte, das den Interessen der bislang benachteiligten Gruppen der amerikanischen Gesellschaft entsprach.

Überspannte Sprachpolitik schadet dem Anliegen

Eine Ungerechtigkeiten beseitigende Korrektur des Bestehenden, die sich zudem mit dem amerikanischen Ideal der Chancengleichheit vertrug, durfte langfristig auch mit Zustimmung Konservativer rechnen, die nach Burkeschem Selbstverständnis nur das Bewahrenswerte bewahren wollen. Politische Schritte zur Durchsetzung dieses Programms wie die affirmative action, also die bevorzugte Behandlung ethnischer Minderheiten und Frauen bei der Besetzung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen, hatten zwar ihre Gegner, konnten aber nicht von vornherein der Unvernunft geziehen werden. Es war erst die mit dem Programm der PC einhergehende, durch überzogene ideologische Erwartungen angeheizte und ihrerseits als politischer Katalysator fungierende überspannte Sprachpolitik, die den Begriff „politically correct“ bei größeren Teilen der amerikanischen Bevölkerung in Misskredit brachte. Stanley Fishs verwegene Behauptung, dass so etwas wie freie Rede gar nicht existiere (und dass dies gut sei), gab militanten Sprachreinigern zusätzlichen Auftrieb. Seit den 1990er Jahren ist der Begriff, der anfangs gelegentlich als ironische Selbstcharakterisierung gebraucht wurde, durch die kritische Reaktion insbesondere der Konservativen zu einem geläufigen negativen Etikett geworden.

Selbst auf dem linguistischen Feld wären gewisse moderate Korrekturen eingefleischter Gewohnheiten noch hinnehmbar gewesen. So war kaum etwas dagegen einzuwenden, das abschätzige Wort „nigger“ durch Ausdrücke wie „colored people“ zu ersetzen. Etwas ganz anderes aber war es, geistig Behinderte als „mentally challenged“, Taube als „aurally challenged“ oder psychisch gestörte Menschen als „emotionally different“ zu bezeichnen. Damit war eine Toleranzgrenze überschritten, weil ein solcher Sprachgebrauch nicht nur die Wirklichkeit verbog, sondern auch in den bewusstseinsmäßigen Freiheitsspielraum der Amerikaner ungebührlich eingriff. Die Lächerlichkeit solcher linguistischer Zumutungen wurde zum adäquaten Indiz inadäquaten Sprachgebrauchs. Ein besonderer Tummelplatz für den Irrwitz politisch korrekter Sprachnormierung wurden die rigorose Speech Codes (Sprachregelungen) einführenden Universitäten; die teilweise Einrichtung sogenannter Zonen der freien Rede („free speech zones“) machte die Drangsalierung noch sichtbarer. Eine Initiative feministischer Historikerinnen verlangte allen Ernstes, das Wort „history“ durch den Begriff „herstory“ zu ersetzen!

In Deutschland ist es meist nicht zu solchen sprachlichen Auswüchsen gekommen, doch die Euphemismus-Tretmühle ist auch hier seit längerem in vollem Gang. Die Sonderbarkeiten des politisch korrekten amerikanischen Englisch wurden aus sozialutopischem Gerechtigkeitsdrang einfallslos nachgeahmt. Auch hier schossen realitätsresistente Umschreibungen für körperliche und geistige Einschränkungen ins Kraut, sodass das Präfix „anders“ Hochkonjunktur hatte – zum Beispiel „andersbegabt“ für „unintelligent“. Der aus dem Umfeld der 68er-Bewegung initiierte Siegeszug von PC hat wesentlich zu dem Eindruck grauer Gleichförmigkeit beigetragen, die sich mittlerweile wie ein Mehltau über die politische Landschaft in Deutschland gelegt hat.

Zwar mutet eine Sammelbezeichnung wie „Menschen mit Migrationshintergrund“, mit der zugleich die schnöde Vokabel „Ausländer“ entsorgt werden soll, vergleichsweise harmlos an, doch wohnt der von PC geforderten verbalen Hygiene stets der Nachteil inne, die Wirklichkeit zu verfehlen. Zumindest ziehen die von PC diktierten Sprachregelungen wie „Tag der Befreiung“ für den 8. Mai 1945 eine Komplexitätsreduktion der Wirklichkeit und damit eine Beeinträchtigung der Wahrheit nach sich. Millionen Heimatvertriebener fallen bei dieser gestutzten Gedächtniskultur nicht ins Gewicht. Luthers beherzte Forderung „Das Wort sie sollen lassen stahn“ scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Der amerikanische Autor Robert Hughes hat gesagt, dass man ein linguistisches Lourdes schaffen wolle, wo alles Böse durch kurzes Eintauchen in die Gewässer des Euphemismus vertrieben werde. Bedeutet es nicht eine Trivialisierung der Politik, wenn letztere, statt sich mit der Realität auseinanderzusetzen, einem sprachlichen Sauberkeitsfimmel frönt? Und kommt es nicht einem Misstrauen gegen die Demokratie gleich, wenn der ständig apostrophierte mündige Bürger in ein gedankliches Prokrustesbett gepresst wird, das ihn der geistigen Verflachung überantwortet? Statt seine eigene Urteilsbildung anzuregen, werden ihm systematisch Denkzügler verpasst.

Deutsche PC aus dem Kontext ethnischer Fragen gelöst

Anders als im nordamerikanischen Fall kann PC in Deutschland nicht geltend machen, für die Emanzipation ethnisch benachteiligter Bevölkerungsgruppen einzutreten. Sie wurde hier von linken, besonders im Multikulturalismus ihr Heil suchenden Ideologen ins Werk gesetzt. So lancierten interessierte Kreise etwa die verharmlosende Bezeichnung „Autonome“ für gewaltbereite Gruppen und ächteten gleichzeitig – eine charakteristische Doppelstrategie – ihnen unliebsame Begriffe wie „Wirtschaftsflüchtlinge“ oder „Sozialmissbrauch“. Gerade die Tabuisierung immer zahlreicherer, von der Sprachgemeinschaft keineswegs als anstößig empfundener Wörter macht den autoritären Anspruch von PC offenkundig. Kritiker von PC haben deshalb zu Recht das einer Zensur gleichkommende Bestreben, jegliche unerwünschten Meinungsäußerungen durch sprachliche Diktate zu verhindern, mit dem von George Orwell in seinem 1949 erschienenen antiutopischen Roman „1984“ beschriebenen linguistischen Programm verglichen. Bekanntlich merzt das einer stalinistischen Überwachungsgesellschaft nachgebildete totalitäre Regime durch Einführung des „Newspeak“ – des „Neusprech“ – alle ideologisch gefährlichen Wörter aus, sodass abweichendes Denken auf Grund fehlender sprachlicher Voraussetzungen unmöglich wird. Die PC heute ist mittels linguistischer Indoktrinierung trotz anfänglicher sporadischer Einwände quasi als Selbstgänger zur Herrschaft gelangt. Eine bleierne Konsenssucht kennzeichnet das öffentliche Meinungsklima.

In angelsächsischen Ländern mehr Widerspruchspotenzial

Was würde die über den Druck der Meinungsmaschine befremdete Hilde Domin, die schon 1983 in ihrem Essay „Zivilcourage: ein Fremdwort“ ein immer spürbareres deutsches Defizit diagnostizierte, zu den heutigen Verhältnissen sagen? Obwohl die Ausbreitung von PC ein in den westlichen Ländern generell zu beobachtendes Phänomen darstellt, weist Deutschland, das durch eine aseptische Vermeidung echter Auseinandersetzungen hervorsticht, gewisse negative Besonderheiten auf. In den angelsächsischen Ländern ist das Widerspruchspotenzial merklich größer. In England verhält sich die Boulevardpresse gegenüber PC durchaus unfolgsam, während das deutsche Massenblatt meist PC huldigt. Und während die konservative Regierung Thatcher PC gezielt brüskierte, hat die CDU/CSU – Wolfgang Schäubles Rede „Zivilcourage versus Political Correctness“ vom 26. September 2004 bildete eine einsame, eher individuell nuancierte Ausnahme – die vom politischen Gegner oktroyierte Sprachpolitik mitvollzogen. Nur so, ohne kollektive Gegenwehr, konnte PC sich gewissermaßen als säkularisierte Inquisition mit ihrem engmaschigen Regelwerk etablieren, über dessen strikte Einhaltung ein Kartell von PC-Verwaltern wacht.

Im Ursprungsland von PC, den Vereinigten Staaten, wo die Auslegung des ersten Zusatzartikels zur Verfassung (First Amendment) den Spielraum des öffentlich Sagbaren sehr weit fasst, ist immer mit Einspruch einer alternativen Öffentlichkeit gegen die Zumutungen von PC zu rechnen, zumal es dort eine starke intellektuelle Rechte gibt. So prangern eine ganze Reihe teilweise auch von Studenten betriebener Web-Sites die Ungereimtheiten von PC an. Der wesentlich wachere, in zahlreichen Buchveröffentlichungen manifestierte Widerspruchsgeist ist auch, ähnlich wie in England, an dem im Vergleich zur Bundesrepublik erheblich größeren Aufkommen satirischer Blogs im Internet ablesbar.

Obgleich in Deutschland das Unbehagen über die Gängelung durch PC weit verbreitet ist, wie zahlreiche Leserbriefe dokumentieren, gibt es hier keine politische Repräsentanz, die dieses Unbehagen zu ihrem Anliegen macht. Im Gegenteil, man spürt förmlich, wie Politiker jeglicher Couleur ängstlich darauf bedacht sind, Wörter zu vermeiden, die PC-Gesinnungswächter reizen könnten. Zu letzteren gehören in vorderster Front die gouvernantenhaften öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten mit ihren Talkshows als politisch korrektem Stammtisch; so hat die ARD die von dem britischen Premierminister Cameron in seiner Münchner Rede am 5. Februar dieses Jahres abgegebene Grundsatzerklärung über das Scheitern des staatlichen Multikulturalismus in ihren Abendnachrichten unterschlagen. Sollten nicht wenigstens verantwortungsvolle Politiker für den freien Gebrauch von Sprache eintreten, der Unterschiede von Wertauffassungen artikuliert, deren Schutz erst geistige Vielfalt ermöglicht und den Charakter einer wahren Demokratie ausmacht?

Der Autor ist emeritierter Ordinarius für Anglistik an der Universität Göttingen