Pferde im Vatikan – eine Spurensuche

Bannerträger der Heiligen Römischen Kirche auf prachtvollen Galasätteln: Ein kleiner Streifzug zu den Relikten einer päpstlichen Pferdewelt. Von Ulrich Nersinger

Nahe dem Brunnen an der Vatikanmauer, an dem sich heute Pilger erfrischen, war früher der Reitstall der Leibgarde des Papstes. Foto: Nersinger
Nahe dem Brunnen an der Vatikanmauer, an dem sich heute Pilger erfrischen, war früher der Reitstall der Leibgarde des Pa... Foto: Nersinger

Bis zum 20. Juli dieses Jahres werden tausende begeisterte Anhänger des Pferdesports den CHIO 2014, das „Weltfest des Pferdesports“, live oder am Fernseher mitverfolgen. Dereinst waren auch bei den Päpsten Wettkämpfe hoch zu Ross angesagt. Der größte Innenhof des Vatikans, der „Cortile del Belvedere“, bot sich vor rund vierhundert Jahren als grandiose Kulisse für Reitturniere an. Alte Stiche, die in der Apostolischen Bibliothek sorgsam verwahrt werden, geben einen faszinierenden Eindruck dieser „spettacoli“ im Schatten von Sankt Peter. Heute ist der Belvederehof zum Parkplatz verkommen. Der Blick vom Borgiaturm, von dem die Päpste einst dem Treiben durchtrainierter Rösser zuschauten, offenbart in unseren Tagen nur noch das verzweifelte Bemühen römischer Monsignori und Ordensschwestern, ihren Kleinwagen mit gewagten Manövern in eine enge Parklücke zu bringen.

In der Vergangenheit gehörten Pferde zum Alltag der Päpste. Sie waren nicht nur als Transportmittel gefragt, sondern sie nahmen zudem im Zeremoniell eine bedeutende Rolle ein – so bei der feierlichen Reiterprozession zur Besitzergreifung der Bischofskirche und des Palastes des Papstes beim Lateran. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts verfügte die Päpstliche Nobelgarde, die aristokratische Leibwache des Heiligen Vaters, noch über ein Kontingent von Reittieren. Am 28. März 1905, bei der Einweihung der Lourdesgrotte in den Vatikanischen Gärten, trat dann zum letzten Mal ein Pikett der Garde als Reitereskorte des Pontifex in Erscheinung. Der Pferdestall und die kleine Reithalle des Korps wurden abgerissen. Das gleiche Schicksal ereilte zwei Jahrzehnte später den päpstlichen Marstall, als die Kutschen des Papstes durch Automobile ersetzt wurden. Von den Reitställen im Vatikan blieben nicht einmal die Fundamente erhalten.

Die Erinnerung an diese Zeit wird in den Vatikanischen Museen, im „Padiglione delle Carrozze“, dem päpstlichen Kutschenmuseum, 1967 von Papst Paul VI. (1963–1978) begründet, wachgehalten. Staunend steht man vor dem prachtvoll verzierten Galasattel des Bannerträgers der Heiligen Römischen Kirche, um den nicht weniger aufwendig geschmückte Satteldecken von Offizieren der Nobelgarde und verschiedener berittener Regimenter der 1870 aufgelösten Armee des Kirchenstaates gruppiert sind. Prachtstücke des Museums sind zwei imponierende Galakutschen: die 1826 von Papst Leo XII. (1823–1829) angeschaffte „Berlina di Gran Gala“ und die Kutsche des Kardinals Lucien Bonaparte, die Kaiser Napoleon III. seinem Cousin zu dessen Kardinalserhebung im Jahre 1868 schenkte. Zu sehen ist dort auch der Landauer, mit dem Papst Pius IX. (1846–1878) im November 1848 beim Ausbruch der Revolution im Kirchenstaat nach Gaeta ins Königreich Neapel fliehen musste.

Wer den Damasushof im Apostolischen Palast aufsucht, kann heute immer noch ein Relikt des alten Kirchenstaates, der „berittenen“ Zeit vor 1870, entdecken. Ein Eisenring in der Mauer kündet davon, dass sich hier die Stelle befand, an der päpstliche Dragoner ihre Pferde anzubinden pflegten. Zwei Reiter dieser Kavallerieeinheit standen dort ständig bereit, um als Kuriere wichtige Nachrichten oder Audienzeinladungen des Papstes zu überbringen. „Regelmäßig müssen wir die Verwaltung des Palastes daran erinnern, dass bei Renovierungsarbeiten der Hacken nicht gedankenlos entfernt wird, was schon einmal geschah“, verrät ein römischer Historiker.

Das Aufspüren eines ganz besonderen Artefakts aus der vatikanischen Pferdewelt verlangt einen Besuch in der „Floreria“. Die Magazine dieses päpstlichen Lagers sind eine wahre Schatzkammer. Wer einen Blick in sie werfen darf, entdeckt so manche Kostbarkeit und Kuriosität. In einem gut verschlossenen Kasten hütet man die Hülle eines Ballons, den man in Paris 1804 während der Krönungsfeierlichkeiten Kaiser Napoleons hatte aufsteigen lassen und der einen Tag später in den See von Bracciano gefallen war. In einem Tresor harrt ein Tafelgeschirr der Benutzung, das der Kaiser der Franzosen Papst Pius VII. (1800–1823) zum Geschenk gemacht hatte. Der Besucher stößt bei seinem Rundgang auch auf gewaltige Messingbecken. Sie kamen in früheren Zeiten in der Sixtinischen Kapelle und den großen Sälen des Apostolischen Palastes zum Einsatz. Dann wurde in sie Holzkohle gegeben und der Inhalt angezündet, damit der Papst und seine Gäste in der Winterzeit nicht allzusehr frieren mussten.

Der letzte Papst, der sich auf ein Roß geschwungen hatte, war Pius XII. (1939–1958) gewesen. „Einen Sport hatte er außer Schwimmen in seinen römischen Jugendjahren sehr geliebt: das Reiten. Durch einen glücklichen Zufall wurde es ihm – zwar nur sehr selten – möglich, in Eberswalde, als Eugenio Pacelli noch Apostolischer Nuntius im Deutschen Reich war, auf einem herrlichen Pferde die Wälder zu durchstreifen. Deutlich erinnere ich mich an Nuntius Pacelli im Reitanzug, der ihm ganz vortrefflich stand. In Berlin war es auch, wo man ihm ein Sportgerät, ein elektrisches Pferd, schenkte, das alle Bewegungen eines galoppierenden Pferdes machte. Doch hat er es als Kardinalstaatssekretär sowie als Papst wohl keine zehnmal benützt, nicht weil es ihm nicht gefallen hätte, sondern weil ihm die Zeit fehlte“, schrieb Mutter Pascalina Lehnert, die langjährige Haushälterin des Papstes, in ihren Erinnerungen. Eine Nachfrage bei der „Floreria“, ob sie das „elektrische Pferd“ Pius' XII. hütet, führt zu einem Schulterzucken bei den Verantwortlichen. „Es könnte hier sein, aber auch nicht“, lautet die wenig hilfreiche Auskunft, denn noch sind nicht alle Bestände der Magazine in ihren elektronischen Datenbanken erfasst.

Ein Pferderelikt des Vatikans ist allen Bewohner und Besuchern Roms frei zugänglich – wird aber in der Regel nicht als ein solches erkannt. Nur wenige Schritte vom Palast der Glaubenskongregation entfernt befindet sich bei der Via di Porta Cavalleggeri eine viel frequentierte Haltestelle der römischen Verkehrsbetriebe. An der wehrhaften Mauer des Vatikans bietet ein Brunnen dem Buspublikum willkommene Erfrischung. In unmittelbarer Nähe standen hier bis vor zweihundert Jahren Kaserne und Reitstall der Leibgarde des Papstes – der Name der Straße erinnert noch heute daran. Übrig geblieben ist nur der besagte Brunnen. Ihn, so verrät eine lateinische Inschrift, ließ Papst Pius IV. (1560–1565) zum öffentlichen Nutzen und zur Zweckmäßigkeit der berittenen Leibgarde errichten: „AQUAM UTILITATI PUBLICAE / ET COMMODITATI EQUITUM CUSTODIAE“. In unseren Tagen steht er noch immer in Diensten, jedoch mit dem Vorteil, dass ihn sich Mensch und Tier nicht mehr teilen müssen.