„Orthodoxe Kinder brauchen dringend eigenen Religionsunterricht“

Der libanesische Theologieprofessor in Münster, Assaad Elias Kattan, will einen ersten Studiengang für orthodoxe Lehrer einführen

In Deutschland leben rund eine Million orthodoxe Christen. Sie stammen aus Russland, Serbien, Griechenland oder der Türkei. Für ihre Kinder gibt es bislang keinen eigenen Religionsunterricht. Das muss anders werden, meint der Münsteraner christlich-orthodoxe Theologieprofessor Assaad Elias Kattan. Der 41-jährige Wissenschaftler aus dem Libanon will bald den bundesweit ersten Lehramtsstudiengang in christlich-orthodoxer Religionslehre einführen. Wie das Fach aussehen wird und wer es studieren kann, sagte er in Münster in einem Gespräch mit Viola van Melis von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Sie führen den ersten Lehramtsstudiengang in christlich-orthodoxer Religionslehre ein. Für wen wird das Fach gebraucht?

In Deutschland leben etwa eine Million orthodoxe Christen, besonders viele davon in Nordrhein-Westfalen. Sie bilden die drittgrößte Konfessionsgemeinschaft nach Katholiken und Protestanten. Für ihre Kinder wird dringend orthodoxer Religionsunterricht an den Schulen gebraucht. Viele der Familien stammen aus Griechenland, Russland und Serbien, aus Rumänien, Bulgarien, Syrien, der Türkei und so wie ich aus dem Libanon. Ein paar tausend Orthodoxe sind Deutsche, die übergetreten sind.

Wer kann das Fach studieren?

Der Studiengang wendet sich an alle, die zwei Fächer – wie zum Beispiel Physik und Geografie – auf Lehramt studieren. Sie können orthodoxe Religion parallel als Erweiterungsfach wählen und später Religionslehrer werden. Da das Schulfach wie katholische und evangelische Religion Bekenntnisunterricht werden soll, müssen die künftigen Lehramtsstudierenden orthodox sein. Sie sollen beim Unterrichten ja Solidarität und emotionale Sympathie mit der Konfession zeigen. Das heißt nicht, dass sie sich nicht auch kritisch damit auseinandersetzen können.

Gibt es in Deutschland nur Ihren Lehrstuhl für orthodoxe Theologie?

Nein, in München besteht ein Institut für orthodoxe Theologie mit mehreren Dozenten. Dort kann man das Fach auf Priesteramt mit Diplomabschluss studieren. Aber Lehrämtler werden auch dort noch nicht ausgebildet. An meinem Lehrstuhl kann man seit einigen Monaten den Promotionsabschluss machen. Das war für uns der erste wichtige Schritt.

Ist die Idee dazu durch die Debatte um islamischen Religionsunterricht aufgekommen?

In der Wissenschaft gibt es die Überlegungen schon viel länger. Mein Vorgänger Anastasios Kallis hat auf dem Gebiet in den 1980er und 1990er Jahren viel Vorarbeit geleistet. Als ich seinen Lehrstuhl 2005 übernahm, war dies von seiten der Uni Münster gleich mit dem Vorhaben des Lehramtsstudiums verbunden. Es stimmt aber, dass die Politik die Idee erst in den vergangenen Jahren aufgegriffen hat. Das Land Nordrhein-Westfalen hat sich auch stark für die Gründung des interdisziplinären Zentrums für Religiöse Studien vor einigen Jahren eingesetzt, zu dem mein Lehrstuhl gehört.

Wo werden orthodoxe Kinder bisher unterrichtet?

Bislang besuchen die meisten katholischen oder evangelischen Unterricht, weil es keine Alternativen gibt. An ganz wenigen Schulen in Nordrhein-Westfalen gibt es schon orthodoxen Religionsunterricht im Modellversuch. Das wollen wir ausbauen. Wir werden mit den Grundschulen beginnen und später auf weitere Schulformen übergehen.

Wie soll der Studiengang aussehen?

Aus sechs Semestern mit einer Modularisierung der Fächer. Diese hat das Schulministerium genehmigt. Nun müssen wir gemeinsam mit der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland (KOKiD) eine detaillierte Studienordnung erarbeiten. Auf dem Lehrplan werden systematische und praktische Theologie, Bibel, Kirchengeschichte, Religionspädagogik und die Auseinandersetzung der Theologie mit modernen Fragen stehen. Es geht etwa um Bioethik, Hermeneutik und um interkulturelle und interreligiöse Fragen. Die deutsche Gesellschaft ist ja sehr vielfältig geworden und darin steckt viel positives Potenzial. Ein Viertel der Schüler haben ausländische Wurzeln. Darum sollten künftige Lehrer auf solche Fragen vorbereitet werden.

Wann kann es mit dem Lehramtsstudium losgehen?

In den nächsten Monaten erarbeiten wir die Studienordnung. Ich hoffe, dass das Rektorat der Uni Münster sie bis März akzeptieren wird. Dann könnten die ersten Studenten sich zum Sommersemester 2009 einschreiben. Zudem müssen sich noch die KOKiD und das Wissenschaftsministerium auf eine Formel einigen, mit der die Kirche die Lehramtsstudierenden akzeptiert. Das ist vergleichbar mit der Lehrbeauftragung „missio canonica“ der katholischen Kirche.

Kann der Lehramtsstudiengang in Münster auf Dauer den bundesweiten Bedarf an Lehrern decken?

Nein, das wird nicht ausreichen. Zunächst werden wir in Münster mehr Lehrkräfte brauchen als bisher. Dann stellt sich die Frage, ob man später auch in München auf Lehramt studieren kann. Die Wissenschaft der Ostkirche befindet sich in Deutschland aber ohnehin in einer Krise. Sie ist hier entstanden, wird aber leider immer mehr nach Kanada und in die Vereinigten Staaten verlagert. In mehreren deutschen Städten werden und wurden Lehrstühle für Ostkirchenkunde oder mit Orthodoxie als Schwerpunkt gestrichen. Das ist reine Sparpolitik und niemand hat mit den Wissenschaftlern darüber gesprochen. Es ist naiv zu meinen, diese Lehrstühle würden nicht gebraucht. Ich will Islam und Orthodoxie nicht gegeneinander ausspielen, aber letztere ist genauso wichtig.

Warum sind die Ostkirchenfächer wichtig?

Sie können helfen, die heiklen interkulturellen und interreligiösen Fragen der Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen. Vor allem der Islam lässt sich nur im historischen Kontext der Ostkirche in der Spätantike begreifen. Einige orthodoxe Kirchen haben eine mehr als tausendjährige Geschichte mit dem Islam. An dieser Erfahrung kann man nicht einfach vorbeigehen. Außerdem ist das Verständnis der Orthodoxie mindestens so wichtig für die Beseitigung aktueller politischer Konflikte.

Zum Beispiel?

Es ist kein Geheimnis, dass in vielen traditionell orthodoxen Ländern eine unreflektierte Identifikation von Religion und Nation besteht. Das ist ungesund für die Orthodoxie. Diese Nationalismen müssen überwunden werden. In der Kirche in Deutschland ist das schon Konsens. Ein weiteres Beispiel ist das Zusammenleben der Religionen im Nahen Osten. Die Christen im Vorderen Orient leben seit Jahrhunderten in einer interreligiösen Gesellschaft. Das prägt bis heute. Schließlich brauchen wir die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Orthodoxie, um Russland zu verstehen. Die Europäische Union ist auf ein gutes Verhältnis zu dem Land angewiesen. Aber um es zu verstehen, muss sie die Ostkirche begreifen.