Ordnungsformen in der Gesellschaft

Eine Landschaft als geistiges Wasserzeichen: Konrad Adenauers Begeisterung für den Comer See. Von Christoph Böhr

Konrad Adenauer (vorn rechts) auf den Straßen von Cadenabbia am Comer See. Foto: Corso
Konrad Adenauer (vorn rechts) auf den Straßen von Cadenabbia am Comer See. Foto: Corso

Wer Godehard Schramms neues Buch „Der Kanzler und der See“ liest, fühlt sich, im übertragenen Sinne, wie der Betrachter eines zart gesponnenen Gobelins. Mit jedem Blick rückt eine neue Szene ins Bild, jedes Bild ist mit den anderen Bildern dieses Gemäldes fein verwoben, in fließenden Übergängen von Schauplatz zu Schauplatz erschließen sich jeweils neue Sichtweisen, alle Einzelheiten, die behutsam erschlossen werden, stiften – obwohl in Fülle dargeboten – beim Betrachter keinerlei Verwirrung, sondern lenken, jede für sich, dessen Aufmerksamkeit immer wieder auf jenen fesselnden Gegenstand, der im Mittelpunkt allen Geschehens liegt: auf jenen See, den die Einheimischen den Lario nennen.

Schramm hat ein Buch über den Comer See geschrieben, und es ist ein reiner Genuss, dieses Buch zu lesen. Den Band zu besprechen ist hingegen schwer. Schramm ist Poet – und sein Buch über den Lario ist Poesie, angemessen der Ausstrahlung des vielleicht nördlichsten Punktes jener Kultur, zu dem sich die deutsche Seele immer schon mehr als zu anderen Landschaften hingezogen fühlte: dem Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn und sanfter Wind vom blauen Himmel weht, wie es im Lied der Mignon heißt. Nur wer die Sehnsucht kennt ...

Wenn man Schramms Buch – ein Buch auch über die Sehnsucht nach dem Zauber des Südens – mit einem zart gesponnenen Gobelin vergleichen will, dann entdeckt der Betrachter leicht einen Goldfaden, der den Teppich durchwirkt und an verschiedenen Stellen immer wieder aufleuchtet: Es ist die Erinnerung an Konrad Adenauer, der – auf Empfehlung Heinrich von Brentanos, der mit vollem Namen unter Hinweis auf seine italienischen Wurzeln Heinrich von Brentano di Tremezzo hieß – regelmäßig zwischen 1957 und 1963 seine Urlaube am Lario verbrachte. Ab 1959 wohnte Adenauer in der Villa La Collina in Cadenabbia. Bruno Heck erwarb diese Sommerresidenz 1977 für die Konrad-Adenauer-Stiftung. Bis heute ist sie Tagungszentrum und Gästehaus. Wer einmal dort in der „Akademie Konrad Adenauer“ zu Besuch war, ist dem Zauber dieses Ortes fortan erlegen.

So ging es auch Schramm, der bisher als kenntnisreicher Slawist und einfühlsamer Poet auf sich aufmerksam gemacht hat, nicht zuletzt durch besonders feinsinnige Übersetzungen russischer Lyrik. Schramm hat einen ausgeprägten Sinn für Schwingungen, die manchmal von Menschen und Orten ausgehen, und vermag – das kann man nur bewundern – diese Schwingungen in Sprache zu übersetzen und durch Worte Ausdruck zu geben: ein Mensch also, der mit der Wünschelrute in der Hand europäische Landschaften erkundet, um in den Landschaften, ihrer Geschichte und der mit ihr verbundenen Lebensart etwas von dem zu entdecken, was wir „europäisch“ nennen. Und von dieser einzigartigen Begabung legt sein Band über den Comer See beredtes Zeugnis ab. Wenn Schramm über den Lario schreibt, kommt es ihm darauf an, dessen „fortwirkende geistige Mitgift“ auszukundschaften. Und man glaubt nicht, wie reich diese Mitgift ausfällt, welche Spuren sich rund um den See zeigen und welche Ereignisse lebendig werden – wer alles und zu welchen Zeiten diesen See besuchte und bevölkerte. „Seeland ist Anregeland“: Schramm ist der beste und eindrucksvollste Beleg für diese von ihm selbst aufgestellte Behauptung.

Angeregt hat ihn der Lario nicht nur zu einer wunderbaren Poesie, die den Zauber der Landschaft und ihrer Menschen einfängt, sondern zugleich auch zu einer Monographie über den Comer See als ein „einmaliges geistiges Wasserzeichen“ europäischer Kultur. Wasserzeichen sind jene Prägungen, die man – gegen das Licht haltend – erkennen kann. Sie besiegeln den Wert eines Schriftstücks durch den Hinweis auf das kostbare Blatt, auf das die Worte aufgetragen wurden, und lassen wissen, wer dieses Blatt geschöpft hat. Wasserzeichen sind bedeutungsreiche, geprägte Zeichen, die über die Herkunft und – zumal früher – die Verwendung des Bogens Auskunft geben. In diesem Sinne gibt der Lario Auskunft über das, was Europa sein kann, wenn es sich gerade einmal nicht in seiner Oberflächlichkeit erschöpft.

Was unterhalb der Oberfläche liegt, ist aber das, was bleibt. In einer besonders dichten Stelle seines Buches erwähnt Schramm dieses Verständnis von Kultur – als das, was immer gilt – in Anlehnung an eine Stelle in Romano Guardinis „Briefe vom Comer See“ aus den Jahren 1923 bis 1925. Ob Adenauer Guardini kannte? Ausschließen kann man es nicht. Jedenfalls bemerkt Schramm eine Art von Seelenverwandtschaft beider Männer, wenn er eine Äußerung Guardinis erwähnt, die, wie er zu Recht schreibt, von Adenauer stammen könnte, weil sie seinem Denken ganz entsprach: „Wirklicher Politiker kann nur sein, wer die darin wirksamen Kräfte und Ordnungsformen in ihrem Verhältnis zueinander kennt; wer sie im Gespür trägt und damit zu arbeiten vermag.“ Es geht um Ordnungsformen, deren Bestimmung das Grundanliegen jeglichen politischen Denkens ist: Dass er sie im Gespür trug und mit ihnen zu arbeiten vermochte, macht ohne Zweifel den Erfolg des ersten deutschen Kanzlers aus, der seines Amtes waltete, als es galt, grundlegende und richtunggebende Weichenstellungen vorzunehmen – mit Gespür nicht nur für das was möglich, sondern mit Sinn auch für das, was geboten war.

Gerade weil Schramms Buch ein poetisches Werk geworden ist, ganz der Poesie seines Gegenstandes angemessen, bietet es dem Leser jenen Genuss, von dem anfangs schon die Rede war. Die Belesenheit seines Verfassers, seine Aufmerksamkeit auch für die kleinen, eher unscheinbaren Dinge, seine Begabung zu wacher Beobachtung und seine Fähigkeit, einfühlsam, gleichsam von innen heraus, zu schildern, was Kultur und Person ausmacht: Alle diese Vorzüge machen das Buch so anregend. Seeland ist eben Anregeland. Und Schramms Buch ist dem Leser ein Anregebuch: nämlich Anregung, die Botschaft des Wasserzeichens, das der Lario ist, zu entziffern. Es lohnt sich, weil das Wasserzeichen Auskunft gibt über europäisch geprägte Kultur – und, nicht zu vergessen, über europäisch geprägte Politik, die Schramm vorzugsweise erklärt, indem er den Charakter Adenauers behutsam anhand von Äußerungen bedeutender Zeitgenossen – Wilhelm Hausenstein, Oskar Kokoschka, Graham Sutherland, Golo Mann – zeichnet.

In Zeiten der Paperback-Lektüren ist besonders zu vermerken, dass der Corso Verlag Hamburg ein ungewöhnlich schön gestaltetes, eindrucksvoll bebildertes und liebevoll ausgestattetes Buch vorgelegt hat, zu dem Günther Rüther den Verfasser angeregt hat. Ohne ihn gäbe es das Buch nicht. Und das wäre tief traurig.

Godehard Schramm: Der Kanzler und der See. Lago di Como – Land und Leute, Kultur und Konrad Adenauer. Corso Verlag, Hamburg 2012, EUR 26,90