Ohne den geringsten Anhaltspunkt

Viele Medien instrumentalisieren den Regensburger Domspatzen-Bericht zur Attacke, dabei entlastet er den Domkapellmeister Georg Ratzinger. Von Michael Hesemann

Abschlussbericht zu Missbrauchskandal bei Regensburger Domspatzen
Der Untersuchungsbericht zu Vorfällen von Gewaltausübung bei den Regensburger Domspatzen wird instrumentalisiert. Foto: dpa
Abschlussbericht zu Missbrauchskandal bei Regensburger Domspatzen
Der Untersuchungsbericht zu Vorfällen von Gewaltausübung bei den Regensburger Domspatzen wird instrumentalisiert. Foto: dpa

Zugegeben, es ist furchtbar, was der Untersuchungsbericht zu Fällen sexuellem Missbrauchs und körperlicher Gewalt im Internat der Regensburger Domspatzen zutage förderte. Doch ebenso infam ist, dass eine tendenziöse Berichterstattung den Bericht zur Verurteilung eines Mannes missbraucht, den dieser ausdrücklich entlastet. Nur weil die Causa durch ihn nicht nur zum Kampfmittel gegen die Kirche, sondern auch zum Frontalangriff gegen einen ihrer größten Söhne umfunktioniert werden kann, dessen Bruder Georg Ratzinger, heute 93, drei Jahrzehnte lang Chorleiter der Domspatzen war: Papst Benedikt XVI.

„Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen“ lautet der Titel des 440-Seiten-Berichtes, den der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber und der Auswerter Johannes Baumeister am 18. Juli der Presse präsentierten. Noch am Nachmittag erschienen die ersten Meldungen auf den Internet-Seiten der großen Tageszeitungen, die Aussagen der Autoren auf der Pressekonferenz wiedergaben. Die Mühe, den Bericht zunächst einmal zu lesen, hat sich offenbar kein Kollege gemacht. Nur so ist zu erklären, dass nicht nur die Boulevardpresse, sondern auch die ehemals renommierte FAZ behauptete: „Missbrauch bei Domspatzen – Bruder von Papst Benedikt XVI. beschuldigt.“

Zunächst ist einmal zu klären, welchen Zeitraum der Bericht umfasst, was er unter „Missbrauch“ versteht und wo sich die Fälle ereignet haben sollen. So wird gleich auf der ersten Seite darauf hingewiesen, dass es um Fälle der Jahre 1945 bis 2015 geht, bei denen 547 ehemalige Domspatzen-Schüler betroffen sind; 500 von ihnen waren Opfer körperlicher und 67 sexueller Gewalt (in 20 Fällen traf beides zu). Für die sexuelle Gewalt werden neun Lehrpersonen verantwortlich gemacht. „Tatorte“ sind die Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen sowie das Musikgymnasium. In beiden Fällen ereigneten sich die sexuellen Übergriffe zumeist in den 1960er und frühen 1970er Jahren. Insbesondere die Vorschule wurde von einer Reihe von Schülern als geradezu traumatisch empfunden. Hier waren die Haupttäter ein Direktor und ein Präfekt. Im Musikgymnasium waren die Verantwortlichen für die Fälle sexueller Gewalt, die sich allesamt vor dem Jahr 1972 ereigneten, drei Internatsdirektoren und ein Präfekt. Bei den insgesamt neun Tätern fällt auf, dass nur drei von ihnen – ein Direktor und ein Präfekt der Vorschule sowie ein Direktor des Gymnasiums – längere Dienstzeiten aufzuweisen haben. Die anderen Täter sind ungewöhnlich schnell – nach 1–5 Jahren – wieder entlassen worden.

Dieser Umstand allein deutet bereits darauf hin, dass bei Bekanntwerden der Fälle sehr wohl reagiert und offenbar konsequent entlassen wurde, dass aber drei höherrangige Täter anscheinend in der Lage waren, durch Einschüchterung ihrer Opfer ihre Taten zu vertuschen. Von diesen neun Beschuldigten verrichteten fünf ihren Dienst Jahre vor der Einstellung des Domkapellmeisters Georg Ratzinger 1964, einer wurde ab 1966 an der Vorschule beschäftigt, ein Dritter war von 1970–72 als Präfekt am Gymnasium tätig. Tatsächlich arbeitete Ratzinger von 1964 bis 1994 als Chorleiter ausschließlich mit Schülern des Gymnasiums, mit den Vorschülern hatte er keinen Umgang. In die ersten acht Jahre seiner Dienstzeit fallen also lediglich die Sexualdelikte des Präfekten J., der nach zwei Jahren bereits entlassen wurde, und des Direktors L., der bis 1971 im Amt blieb. Gerade diese ersten Jahre seiner Dienstzeit waren für Georg Ratzinger nicht einfach. Zunächst einmal musste er sich in Regensburg als neuer Domkapellmeister bewähren. Er kam aus Traunstein, aus der oberbayerischen Provinz also, und wurde von den „Großkopferten“ der Reichsstadt an der Donau teils herablassend, teils argwöhnisch beäugt. In seinem autobiografischen Interviewbuch „Mein Bruder, der Papst“ erklärt Ratzinger: „Für mich waren die ersten Jahre in Regensburg ziemlich schwer. Damals waren noch die beiden Neffen meines Vorgängers im Haus der Domspatzen aktiv… Die beiden vermittelten mir das Gefühl, ich sei irgendwie unwillkommen, wie ein fünftes Rad am Wagen. Es hat einige Jahre gedauert, bis sich das geändert hat.“ An einer anderen Stelle spricht er von einer „etablierten Herrschaft, die mich menschlich und künstlerisch unterdrückt hat, während mir die Energie fehlte, mich dagegen aufzulehnen“. Selbst wenn er also von den Vorwürfen gegen die beiden Beschuldigten erfahren hätte, wäre er gar nicht in der Position gewesen, etwas zu ändern. Man hätte ihm nicht geglaubt, man hätte ihn eher als Querulanten empfunden, was Wasser auf den Mühlen seiner Gegner gewesen wäre. Hätte er etwas geahnt, hätte er zumindest mit Genugtuung verfolgen können, wie einer der Beschuldigten 1971, der andere, nach nur zweijähriger Anstellung, 1972 entlassen wurde. Doch dafür, dass er auch nur die leiseste Ahnung hatte, gibt es im ganzen noch so ausführlichen Bericht nicht den geringsten Anhaltspunkt. Kein einziges Missbrauchsopfer behauptet, sich dem Domkapellmeister anvertraut zu haben. Nicht einmal die Eltern waren eingeweiht.

„Ich habe mich nie getraut, mit meinem Vater oder meiner Mutter darüber zu sprechen“, sagte ein Betroffener stellvertretend für die anderen aus, „Es war mir ja alles sehr peinlich.“ (S. 327) Das wahre Problem bei der Aufklärung von sexuellem Missbrauch war und ist, dass die meisten Opfer aus Scham schweigen. Ein Chorleiter wurde ohnehin als natürlicher Verbündeter der Lehrer und damit der Täter gesehen, ihm hätten die betroffenen Schüler zuallerletzt etwas so Heikles anvertraut. Eben das bestätigen auch die vernommenen Zeugen: „Bezüglich sexuellen Missbrauchs … sehe ich … keinen Fall, in dem ausgerechnet er (Georg Ratzinger) rechtzeitige Erkenntnisse gehabt hätte und den jeweiligen Täter hätte aufhalten können. Ich halte es … auch für wirklich absurd, anzunehmen, dass sich ausgerechnet ihm … Buben eindringlicher bzw. klarer oder auch eher eröffnet haben, als gegenüber ihren Eltern, Internatsleitern, Vertrauenslehrern etc. Dass man mit ihm über Sex spricht … – undenkbar.“ (S. 380 f.)

Es ist praktisch auszuschließen, dass Georg Ratzinger je von den Missbrauchsfällen am Gymnasium, von denen es keinen einzigen nach dem Jahr 1972 gab, erfahren hatte. Es ist eher unwahrscheinlich, dass er die Fälle an der Vorschule mitbekam, mit deren Schülern er erst Jahre später Kontakt hatte. „In Regensburg hat man über die Etterzhausen-Zeit nicht gesprochen“ stellten kategorisch gleich mehrere Zeugen (S. 329f.) fest. Sie war „irgendwie tabu“ oder „nicht einmal mehr tabu, sie wurde völlig verdrängt“. (S. 330)

Was sexuellen Missbrauch betrifft, ist Georg Ratzinger also von jeder Mitwisserschaft freizusprechen. So kann ihm auch nicht vorgeworfen werden, sie nicht verhindert oder zur Anzeige gebracht zu haben. Daher besteht auch kein Grund, seinen guten Namen mit diesen widerwärtigen Verbrechen in Verbindung zu bringen, wie es leider durch die Presse geschah.

Doch der Bericht beschränkt sich, wie gesagt, nicht auf die besagten 67 Fälle sexuellem Missbrauchs, die sich in den 70 Jahren zwischen 1945 und 2015 ereignet haben sollen, sondern befasst sich eben auch – obwohl die Presse hier selten differenzierte – mit circa 500 Fällen körperlicher Gewalt. Dass sich hier die Zustände zumindest am Gymnasium der Domspatzen kaum von jenen anderer privater, staatlicher und kirchlicher Internate der 1940er bis 1970er Jahre unterschieden, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings muss gerechterweise eingestanden werden, dass wohl jeder, der vor 1980 eine deutsche Schule besuchte, Ohrfeigen/Backpfeifen und „Kopfnüsse“ am eigenen Leib erfahren oder zumindest aus nächster Nähe – beim Banknachbarn etwa – erlebt hat. Auch andere Internate als das der Domspatzen wurden von ihren Schülern als Gefängnis, ja sogar als „Konzentrationslager“ empfunden. Weshalb dieser Umstand häufiger bei kirchlichen als bei weltlichen Internaten thematisiert wird, steht auf einem anderen Blatt. Es war nun einmal so. Ziemlich unschön, aber ausnahmslos.

Über Gewaltexzesse in Etterzhausen will ein Schüler den Domkapellmeister 1970/71 „mehrfach unterrichtet“ haben, ein weiterer sprach mit ihm um 1993 „über die schlimme Zeit in Pielenhofen“. Gut möglich, dass er zunächst glaubte, der Schüler würde dramatisieren oder dass er zu sehr in der Welt der Musik lebte, um sich in pädagogische Fragen der Vorschule – mit der er de facto nichts zu tun hatte – einzumischen. Körperliche Gewalt kannte er auch aus seiner eigenen Schulzeit. Trotzdem schrieb er, der Brief ist im Bericht reproduziert, 1989 an den Direktor des Domspatzengymnasiums und informierte diesen davon, „dass in der Vorschule weiterhin die Prügelstrafe praktiziert werde“, wobei er auch auf die Gefahr negativer Presseveröffentlichungen hinwies und dringendes Einschreiten empfahl. Auffallend ist an dem Bericht, dass praktisch alle zitierten Zeugen den Wechsel von der Vorschule auf das Domspatzen-Gymnasium in Regensburg geradezu als Erlösung empfanden. Auf S. 164ff. des Berichtes sind Begriffe wie „Paradies“, „Zuckerschlecken“, „bessere Welt“ und „Himmel“ in Verbindung mit Regensburg zu lesen. Nur ein einziger von hunderten Zeugen war gegenteiliger Meinung. In diesem Milieu wirkte Domkapellmeister Georg Ratzinger, dem der Bericht ganze acht Seiten widmet.

Obwohl der Darstellung die Krampfhaftigkeit anzumerken ist, mit der nach Verwerflichem gesucht wird, stellten die allermeisten seiner Schüler Ratzinger ein überaus gutes Zeugnis aus. Er wird als „aufrichtig, kompetent und verständnisvoll“ (S. 212), „freundlich, ja liebevoll“ (ebd.), „sehr warmherzig“ (ebd.), „sehr beliebt“ (ebd.), „strengm gerecht aber trotzdem gutmütig“ (ebd.) und „von allen Kindern geschätzt“ (ebd.) beschrieben, als jemand, der sogar jeden Nachmittag „die bei ihm übriggebliebenen Kuchenstücke, Kekse und Bonbons“ mit den Domspatzen teilte. „Die Kinder sind ihm ohne Angst begegnet, er ist immer von Trauben von Kindern umlagert worden.“ (ebd.) Dabei sei er aber auch ein „absoluter Perfektionist“ (S. 213) gewesen, der „voll mit der Musik auf(ging), das war sein Leben“ und „unter dem Leistungsdruck, das Niveau des Chors zu halten“ (ebd.) stand. Immerhin: „Durch seine Leistungen wurden die Regensburger Domspatzen nie aus der Rangliste der Weltchöre verdrängt“ (ebd.). Negativ fielen ein gewisser Jähzorn (ebd.) auf, ein aufbrausendes, manchmal auch cholerisches Wesen, das sich aber ebenso schnell wieder beruhigen konnte. Es wurde wohl zu Recht als Ausdruck seines „leidenschaftlichen Wirkens“ und Perfektionismus (ebd.) verstanden, ja als „spontane Ausbrüche eines Künstlers, denen unmittelbar nach der Probe eine freundliche, ja liebevolle Art folgte, die nie nachtragend war“. (S. 212) Denn auch das muss gesagt werden: Ohne diesen Perfektionismus, ohne das Einfordern unbedingter Disziplin, wäre es ihm wohl kaum möglich gewesen, aus den bis dahin eher lokal bekannten Regensburger Domspatzen eine Institution von Weltrang zu formen, wahre Kulturbotschafter Europas und seiner musikalischen Tradition, die gleich zweimal in den USA (1983 und 1987) und Japan (1988 und 1991) auf Tournee gingen. Mit Keksen und Bonbons allein macht man aus widerspenstigen Knaben nun einmal keine großen Sänger und vor jedem Erfolg stehen, gleich auf welchem Gebiet, nun einmal Disziplin, Leidenschaft und Selbstüberwindung. Dabei werden Ratzinger selbst von den lautesten Anklägern allein die damals leider landläufig gängigen Züchtigungen, von heftigeren Ohrfeigen, Ziehen an den Haaren, Werfen mit Stimmgabeln, Taktstöcken und dem Schlüsselbund bis hin zum Umwerfen eines Stuhls, zur Last gelegt (S. 216); auf den Rohrstock, der von den Lehrkräften der Vorschule eingesetzt wurde, hat er dagegen konsequent verzichtet. Als Körperstrafen 1980 an bayerischen Schulen verboten wurden, hielt auch er sich strikt daran. So räumt auch der Bericht ein: „Trotzdem fällt im Gegensatz zu zahlreichen anderen Beschuldigten auf, dass viele Opfer die allgemeine Menschlichkeit von R.(atzinger) schätzten und deshalb in vielen Fällen trotz Gewalt sogar (sic!) positive Erinnerungen mit ihm verbinden.“ (S. 218) Schon deshalb kommen auch die Untersucher Weber und Baumeister zu dem Fazit, dass man Ratzinger lediglich „mangelnde Reaktionen bei Kenntnis von körperlichen Gewaltvorfällen“ vorwerfen könne. Eine Kenntnis der Fälle sexuellen Missbrauchs schließt auch das Fazit des Berichtes, der ansonsten den Charakter einer Anklageschrift hat, kategorisch aus.

Es ist allein die Presse, die es zumeist versäumt, hier zu differenzieren. Es scheint manchen Blättern nicht ins Konzept zu passen, dass der erschreckende Bericht den prominentesten Involvierten praktisch gänzlich entlastet. Und dass es der Anstand gebieten würde, einen 93-Jährigen, der sich große Verdienste erworben hat, nun, wo seine Unschuld bewiesen ist, endlich in Frieden zu lassen.