„Oh Wort, du Wort, das mir fehlt...“

Das Leitmotiv heißt „Urmomente“: Die Ruhrtriennale 2009 eröffnet mit Arnold Schönbergs Oper „Moses und Aaron“

Schönbergs Oper „Moses und Aaron“ handelt vom Scheitern: Vom Scheitern eines Propheten bei dem Versuch, den „Urmoment“, das Erlebnis der unmittelbaren Begegnung mit dem Göttlichen, in Worten fassbar und damit begreifbar zu machen: Im ersten Akt von Schönbergs Oper vernimmt Moses Gottes Stimme aus dem Dornbusch. Gott fordert ihn auf, das Volk Israel aus der Knechtschaft Ägyptens und von den Verirrungen der Vielgötterei zu befreien. „Meine Zunge ist ungelenk! Ich kann denken, aber nicht reden“, erwidert Moses der mächtigen göttlichen Stimme. Gott stellt ihm seinen Bruder Aaron zur Seite: Aaron soll der „Mund“ des Moses sein.

Der zweite Akt der Schönberg-Oper: das Volk Israel, das sich seine leicht fassbaren Alltagsgötter nicht nehmen lassen will, um sie gegen den Glauben an einen unsichtbaren, universellen Gott einzutauschen, Wunderzeichen des Moses, vermittelt durch Hand und Mund seines Bruders, Auszug aus Ägypten, Wüstenwanderung, erneuter Aufstand des Volkes, Tanz ums Goldene Kalb, im Blutrausch endend, Enttäuschung und Bitterkeit bei Moses, die Zerstörung der Gesetzestafeln, Scheitern.

Den dritten Akt, eine finale Auseinandersetzung des Propheten Moses mit seinem Bruder und „Sprachrohr“ Aaron, konnte Schönberg, der 1951 starb, nicht mehr vollenden. Der Komponist verfügte, dass der dritte Akt „von dem nur eine Szene vorliegt. bloß gesprochen aufgeführt wird, falls ich die Komposition nicht vollenden kann...“

Unter der musikalischen Leitung des Konzert- und Operndirigenten Michael Boder kommt die Oper zur Aufführung – Beginn und zugleich schon einer der Glanzpunkte des Musik-, Theater-, Literatur- und Tanzfestivals. Unter dem Leitwort „Urmomente“ steht in dieser Spielzeit der Blick auf den jüdischen Kulturkreis im Vordergrund. In diesen Kontext fügt sich auch „Moses und Aaron“ ein – mit dem großen Thema von der Bedeutung des Wortes für die Vermittlung der göttlichen Botschaft.

Bei einem Pressegespräch im Vorfeld der Eröffnung betonte Intendant Willy Decker, Schönbergs biblisches Drama sei „Grundstein nicht nur für die diesjährige Triennale, sondern für den gesamten Triennale-Zyklus 2009 bis 2011“. Durch das verbindende Leitmotiv „Urmomente“ will das Ruhrgebietsfestival auch in den beiden kommenden Spielzeiten dem Verhältnis von Kultur und Religion nachspüren – 2010 durch den Blick auf den islamischen Kulturkreis, 2011 in der Annäherung an die buddhistische Kultur.

In Schönbergs „Moses und Aaron“, so Willy Decker, verdichte sich das Motiv des Urmoments, „weil in diesem Werk ganz exemplarisch die Urfrage gestellt wird: die Urfrage nach der Vermittelbarkeit des Göttlichen, die Frage, ob es möglich ist, das Erlebnis des brennenden Dornbuschs in Worte zu fassen. Schönberg schildert in diesem Werk sehr eindringlich und anschaulich das scheinbare Scheitern des Moses.“

Schönberg (1874–1951) begann mit ersten Arbeiten zu dieser Oper bereits in den zwanziger Jahren. Aber erst nach seinem Tod erlebte das Werk 1954 in Hamburg als Fragment eine konzertante Uraufführung. Die szenische Uraufführung folgte 1957 am Stadttheater Zürich.

Wo liegen die Ursprünge dieses Werks? Was veranlasste den Komponisten, sich über drei Jahrzehnte hinweg immer wieder mit dem Moses-Thema auseinanderzusetzen? Dazu Intendant Willy Decker: „Ein Werk von dieser Dimension und geistigen Wucht hat zweifellos biographische Wurzeln. Schönberg war ursprünglich – unter dem Einfluss eines Jugendfreundes – vom Judentum zum Protestantismus konvertiert.“

Im Erleben des sich steigernden Judenhasses und der Judenverfolgungen durch die Nationalsozialisten, durch Erfahrungen des Exils zunächst in Paris, dann in den Vereinigten Staaten, habe sich jedoch Schönbergs Rückkehr zum Judentum vollzogen. „Er wurde zu einem geradezu bekennerhaften Juden, der er vorher gar nicht war. Und Moses war für ihn eine Gestalt, in der er sich selbst als Mensch und auch als Künstler wiederfand. Er sah sich selbst als einen Propheten, als jemanden, der etwas ganz Neues vermitteln wollte, mit seinem Entwurf einer neuen Musik jedoch auf extreme Ablehnung stieß.“

Tatsächlich sorgte Schönbergs Zwölftonmusik, die Radikalität, mit der er gegen die bis dahin gewohnten Regeln der Tonalität und der Harmonie verstieß, in der damaligen Öffentlichkeit mehrfach für Skandale. Dazu Willy Decker: „Eben deshalb, aufgrund dieser persönlichen Erfahrung, konnte er sich so stark mit Moses als einem Propheten einer neuen Zeit identifizieren. Moses verkündet den einen Gott – gegen die herrschende Vielgötterei. Und Schönberg wird zum Verkünder einer neuen Musik, der jenseits der traditionellen Harmonik eine ganz neue musikalische Sprache formuliert. Und da treffen viele Dinge aus seinem persönlichen Leben mit seinem künstlerischen Anspruch zusammen.“

Keine Bilder, keine Worte

Der Urmoment, als Gott Moses anruft: Moses ist unfähig, sein Dornbusch-Erlebnis in Worte zu fassen. Er kann nur fühlen, erleben. Seine Zunge versagt. Aaron versucht, die Gotteserfahrung in für Menschen fassbaren Bildern auszudrücken, toleriert und fördert sogar die Vergötzung des Goldenen Kalbes. Beide, Moses und Aaron, scheitern – scheinbar, wie Intendant Decker betont: „Wenn man das Ende genau betrachtet, ist das Scheitern nur vordergründig. Moses letzter Satz ist: ,Oh Wort, du Wort, das mir fehlt‘. Das ist zunächst mal ein negativ scheinender Satz, weil da das Empfinden eines Mangels zum Ausdruck kommt. Und das ist offenbar ein Scheitern.“

Er sei jedoch überzeugt, so der Intendant, dass gerade in diesem letzten Satz des Moses der „Durchgang zum Transzendenten sichtbar wird, der Durchgang durch die begrenzten Möglichkeiten der Sprache hindurch – zu dem, was hinter allen Worten und Bildern ist. Es die Öffnung zum Göttlichen hin. So zeigt sich in diesem letzten Satz des Moses vielleicht die höchstmögliche menschliche Erkenntnis: Es gibt keine richtigen Worte, keine Bilder für das Göttliche. Keine Bilder, keine Worte also – sondern nur das, was dahinter ist: Gott.“

Das gebrochene Verhältnis der deutschen Gesellschaft zum Judentum soll während der Ruhrtriennale 2009 zwar nicht direkt thematisiert werden. Indem der Blick aber auf die kulturelle Tradition des Judentums konzentriert wird, soll der Dialog erleichtert und entkrampft werden. Dazu Intendant Willy Decker: „Über einen langen Zeitraum hat es Sprachbarrieren gegeben, Sprachtabus auf beiden Seiten. In der Generation der Väter, aber auch noch in der Generation ihrer Kinder wollte man bestimmte Dinge nicht zur Sprache bringen. Die dritte Generation jetzt, die Enkel – sie leben anders, leben unbefangener. Sie können solche Tabus aufbrechen und den Weg ein Stück weit freimachen für eine unverkrampftere Art der Auseinandersetzung und des Dialogs. Auch die Triennale versucht, Sprachbarrieren zu überwinden und den Dialog ein Stück weit neu zu gestalten.“

Dialog ist der zentrale Aspekt der diesjährigen Ruhrtriennale: ob bei dem großen Konzertprojekt „Jerusalem – Stadt der zwei Frieden“ (Erstaufführung: 27. August), wenn christliche, jüdische und muslimische Sänger zu einer musikalischen Reise in und durch die Heilige Stadt einladen, mit Liedern aus ihrer jeweiligen Tradition, oder beim „Zeit-Forum Kultur“ am 13. September: Dann diskutieren Regisseur Christoph Schlingensief, der Historiker Michael Wolffsohn, der Direktor des Abraham-Geiger-Instituts, Michael Homolka, und andere Publizisten und Literaten gemeinsam über „Fluch und Segen“ der Religion.

Die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Kultur, nach der Bedeutung von Religion auch für die Gesellschaft wird die Ruhrtriennale nicht nur in den kommenden Monaten, sondern auch die nächsten beiden Jahre hindurch begleiten. Sie wird auch in einer Fotoausstellung reflektiert, die während der Triennale in der Jahrhunderthalle Bochum – zentrale Spielstätte der Ruhrfestspiele – zu sehen ist: „Riten im Revier“ – mit Bildern der freischaffenden Fotografin Brigitte Kramer. Die Bilder zeigen Menschen verschiedener Glaubensrichtungen aus dem Ruhrgebiet bei ihren religiösen Handlungen: bei rituellen Waschungen, beim Gebet irgendwo mitten am Tag in einer Stadtkirche... Glaube im Alltag – Aufscheinen des „Urmoments“.