Ode an das Sehen

Filmemacher Wim Wenders bringt das Wesen der Menschen zum Vorschein Von Lukas Weber

Wim Wenders zeigt Riesen-Installation im Pariser Grand Palais
Wim Wenders hat mehrfach sein Improvisationstalent unter Beweis gestellt und mit so manchem liebevollen Blick Regie geführt. Foto: dpa

Vor über zwanzig Jahren verlieh die Universität Fribourg in der Schweiz dem Filmemacher und Fotografen Wim Wenders den Titel eines Ehrendoktors. Vergangene Woche war Zahltag: Wenders bedankte sich auf einer theologischen Konferenz über „Das gute Leben“ an der Universität mit einem Vortrag und der Vorführung seines jüngsten Films „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“.

Wenders‘ Vortrag stand unter dem Titel „Der liebevolle Blick“ und hob sich glänzend von den vorangegangenen Konferenzvorträgen ab, deren Gegenstände und Erkenntnisse postmodern getrübt weitgehend im Dunkeln geblieben waren. – „Theologie ist nicht so sehr Reden über Gott als vielmehr Reden über das Reden über Gott“, ließ etwa der kroatisch-amerikanische Theologe Miroslav Volf verlauten.

In seiner Vorrede bekannte Wenders, dass er an Gott glaube. Er sei ein „praktizierender Romantiker“, der „mit Denken nicht weitergekommen“ sei und eher „durch tätiges Sehen gelernt“ habe. Wenders findet, der kritische Blick werde überschätzt. Diesem hält er den liebenden Blick entgegen, das heißt einen von Wohlwollen bestimmten Blick, wie ihn zum Beispiel Vater und Mutter auf ihr Kind werfen.

Der liebevolle Blick

Der liebevolle Blick habe sich Wenders einst von selbst aufgedrängt. Das war in den 1980er Jahren, bei den Dreharbeiten zu seinem Film „Der Himmel über Berlin“, für den er später von der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg mit dem Ehrendoktor ausgezeichnet worden ist.

Die Geschichte von den beiden Schutzengeln Damiel und Cassiel, gespielt von Bruno Ganz und Otto Sander, wurde ohne festes Drehbuch gedreht. Wenders' einzige Regieanweisung war eben jener liebevolle Blick. Auf Sanders Frage, wie er sich den von ihm gespielten Engel vorstellen solle, habe er geantwortet: „Du liebst die Menschen mit Deinem ganzen Wesen. Du schaust ihnen einfach liebevoll zu.“ Darauf Sander, ungläubig: „Und sonst mache ich nichts? Nur hinschauen?“ Es stellte sich heraus, dass der liebevolle Blick schwieriger darzustellen war als irgendeine Handlung. Wenders zu seinem Experiment: „In diesem unmöglichen Unterfangen eines improvisierten Films mit Schutzengeln in der Hauptrolle ging alles fast magisch auf; fast ohne mein Zutun. Die Kamera bekam Flügel, die unmöglichsten Einfälle wurden möglich. Ich war es nicht selbst, dem dies als Verdienst zuzuschreiben war. Je mehr wir uns mit unserem Blick verausgabten, umso mehr wurden wir beschenkt.“

Der liebevolle Blick transformiere und transzendiere den Menschen: „Erst in diesem Film fing ich an zu verstehen, was Transzendenz bedeuten könnte: Überschreiten von Grenzen, Routinen und dem Alltagstrott unseres Bewusstseins. Der liebevolle Blick brachte das Wesen der Menschen zum Vorschein.“

Die befreiende Wirkung des Sehens wurde Wenders einst nach aufreibenden Filmaufnahmen in Afrika bewusst, von denen er in den Bergen Erholung suchte. Er erinnerte sich an eine durchquälte Nacht in einem Hotelzimmer, die von den verstörenden Eindrücken aus den Dreharbeiten und von Selbstzweifeln beherrscht war, als endlich und allmählich die Morgendämmerung die Gegenstände im Hotelzimmer andeutete und das Sonnenlicht von draußen bewegte Schatten auf die Zimmerwände warf. Sein Denken beruhigte sich, die Gespenster wurden aus seinen Gedanken vertrieben. „Ich war dem Licht dankbar; es hatte mich erlöst“, so Wenders. Der selbstverständliche Akt des Sehens sei in der Tat ein Wunder.

„Gott sieht die Schöpfung durch unsere Augen“

In einer weiteren Gedankenreise nahm Wenders die Zuhörer auf eine selbst erlebte Zugfahrt ins Innere Australiens mit, zum traumhaften Blickwechsel mit Menschen draußen, der jäh von eingeschobenen Objekten unterbrochen wurde. Ihm sei damals unvermittelt klargeworden, dass es nicht nur den eigenen Blick und den des Gegenübers gab, sondern in Wirklichkeit siebeneinhalb Milliarden Blicke, die einem riesigen Kaleidoskop gleich in Gottes Überblick zusammenträfen. Die Schöpfung spiele sich in unseren Augen wider: „Wir nehmen die Welt für Gott wahr. Die Summe dieser Blicke ist seine Perspektive. Gott sieht die Schöpfung durch unsere Augen.“ Wenders‘ persönliche Glaubensgeschichte ist kurvenreich. Als Sohn eines gläubigen Katholiken und Mitglied der katholischen Jugendbewegung aufgewachsen, trat er 1968 als Student aus der Kirche aus. An Stelle des Glaubens rückten nacheinander die Rockmusik, der Sozialismus, die Psychoanalyse und fernöstliche Religionen, bis Wenders zwanzig Jahr später, in den Vereinigten Staaten lebend, der presbyterianischen Kirche beitrat. Das Gebet gehört heute zu seinem Alltag. Wenders versteht sich als ökumenischer Christ, der aus beiden Konfessionen „das Beste herauspickt“.