Obamas Vermächtnis

Die Kultur zählte: Wie Barack Obama die Vereinigten Staaten von Grund auf umgestaltet hat. Von Professor Paul Kengor

Tiefgründiges Symbol: Das Weiße Haus wird im Juni 2015 in den Farben des „LGBTQ“-Regenbogens angestrahlt. Foto: dpa
Tiefgründiges Symbol: Das Weiße Haus wird im Juni 2015 in den Farben des „LGBTQ“-Regenbogens angestrahlt. Foto: dpa

Sein eigentliches Vermächtnis hat Obama nicht in der Wirtschaft, in der Regierung oder Außenpolitik, sondern in der Kultur hinterlassen. „Wir sind noch fünf Tage von einer grundlegenden Umgestaltung der Vereinigten Staaten von Amerika entfernt.“ Dies erklärte Barack Obama in Columbia, Missouri, am 30. Oktober 2008 auf dem Scheitelpunkt seiner historischen Präsidentschaftswahl.

Es war eine kühne, sogar revolutionäre Äußerung, die nur noch von der Reaktion jener Anwesenden überboten wurde, die – anstatt über eine derart waghalsige Behauptung innezuhalten, um darüber nachzudenken –, stürmisch Beifall spendeten. Sicher hätten diese begeisterten Obama-Verehrer verzückt allem zugejubelt, was er zu diesem Zeitpunkt sagte.

Damals war ein regelrechter Personenkult im Gange. Der neue Präsident hätte buchstäblich alles versprechen können und daraufhin eine schwindelerregende Reaktion bekommen. Obama gab selbst zu, als eine Art „leerer Bildschirm“ zu dienen, auf dem die Amerikaner, die sich nach einer warmen und wohligen „Hoffnung und Veränderung“ sehnten, das projizieren konnten, was immer sie wollten.

Doch selbst dann hätten die Worte „grundlegend umgestalten“ alle alarmieren sollen. Denn wir Amerikaner nehmen uns grundsätzlich keine grundlegende Umgestaltung vor. Wir nehmen Veränderungen vor, das schon, kleine und große, doch wer von uns – außer die radikalsten Revolutionäre – will tatsächlich die Nation von Grund auf umgestalten? Viele Leute glauben, dass Amerika viele Probleme hat – doch diese können ohne eine grundlegende Umgestaltung angegangen werden. Fragen Sie Professoren, die Geschichte oder politische Ideologien lehren (wie ich es seit zwei Jahrzehnten tue), und wir werden Ihnen sagen, dass der Totalitarismus diejenige Ideologie ist, die von Grund auf umgestaltet.

Denn der Totalitarismus ist definitionsgemäß – wie ich es seit 1997 in jedem Herbst- und Frühlingssemester an die Wandtafel kritzle – bemüht, grundlegend umzugestalten – insbesondere die menschliche Natur grundlegend umzugestalten mittels einer gewissen Form eines politisch-ideologisch-kulturellen Umbruchs.

Da zuckte ich also zusammen, als Barack Obama das sagte, und hatte dann wirklich Bauchschmerzen, als ich sah, wie die Leute glückselig und blind applaudierten, ohne nachzufragen oder zu widersprechen. Und jetzt ist es nun soweit, am Ende von zwei Präsidentschaftsamtszeiten Obamas, und es drängt sich die Frage auf, über die nachgedacht werden sollte: Hat Barack Obama die Vereinigten Staaten von Amerika grundlegend umgestaltet, wie er es versprochen hatte? Die Antwort lautet: Eindeutig Ja.

Diese grundlegende Umgestaltung hat jedoch nicht in Bereichen stattgefunden, in denen viele im Jahr 2008 sie möglicherweise erhofft oder befürchtet haben. Es hat keine grundlegende Verhaltensänderung bei der großen Mehrheit gegeben hinsichtlich der Rolle der Regierung, der steuerlichen Bestimmungen, der Wirtschaft, des Bildungswesens oder sogar des Gesundheitswesens, wo Obama seinen unverkennbaren legislativen Erfolg hatte. Die Umgestaltung hat sich auch nicht in der Außenpolitik ereignet, obwohl Obama einen ernsthaft schädlichen Einfluss auf die Regionen von Osteuropa bis zum Nahen Osten genommen hat.

Tatsächlich hat die wirkliche grundlegende Umgestaltung auf dem Gebiet der Kultur, besonders in den Bereichen der sexuellen Orientierung, der Ehe und Familie stattgefunden. Die Veränderung dort ist beispiellos und übertraf vor acht Jahren jedermanns Vorstellungsvermögen. Im Rückblick glaube ich, dass genau auf das Obamas Herz hin ausgerichtet war und dass dort sein stärkster Einfluss zu spüren sein wird. Mehr als irgendwo sonst scheinen die dortigen Veränderungen durch nichts anderes mehr rückgängig zu machen sein als durch die übernatürliche, wenn auch noch so geringe religiöse Erneuerung oder dramatische Wende im geistlich-moralischen Denken.

Obamas Kulturrevolution an der sexuellen-Gender-Familien-Front umgibt uns überall. Wir erleben sie bei der Kultur der Angst und Einschüchterung durch die Kräfte der „Vielfalt“ und der „Toleranz“, die jeden brutal zu denunzieren, zu entmenschlichen, zu dämonisieren und zu vernichten versucht, der mit ihrem neuartigen unverschämten Konzept von Ehe und Familie nicht einverstanden ist – selbst dann, wenn unsere (nicht ihre) Position die vorherrschende Meinung von 99, 99 Prozent der Menschen ist, die seit dem Beginn der Menschheit auf Erden gelebt haben.

Stattdessen sind in der Ära Obama wir diejenigen, die als Sonderfälle, als abartig, als Extremisten, als „Hasser“ dargestellt werden. Wer von diesem neuen, lautstark krakeelenden Menschenschlag abweicht, der die menschliche Natur neu definiert, wird verklagt, eingesperrt, verunglimpft, boykottiert, schikaniert und ruiniert – und man tut das (ohne Gespür für seine eigene Scheinheiligkeit) im Namen der „Toleranz“ und der „Vielfalt“.

Ob man nun eine baptistische Großmutter ist, die Kekse backt, oder ein katholischer Fotograf, der Hochzeitsfotos macht, oder ein mormonischer Florist, der ein Blumengesteck arrangiert – man verweigert diesen Menschen, sich auf ihr Gewissen zu berufen; man walzt sie nieder. Die von Obama und seinen Bundesgenossen hier durchgeführten Veränderungen haben zu einem Großangriff auf die Religionsfreiheit geführt, insofern als dass 200 Jahre alte Garantien des 1. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten von modernen Kulturkämpfern abgefackelt wurden, die vordem unbekannte übergeordnete Rechte wie eine „Gleichstellung der Ehe“ und gemischt-geschlechtliche Toiletten offiziell anerkannten. Dies ist eine grundlegende Umgestaltung einer Kultur und einer Nation, die es vor Barack Obamas Aufstieg nicht gegeben hat.

Ihre Erscheinungsformen sind so allgegenwärtig, dass es nicht nötig ist, sie hier darzulegen, doch ich möchte einfach einige kleine Illustrationen und Abbildungen anführen: Die erste war die Titelseite des Newsweek-Magazins vom Mai 2012, auf der Barack Obama mit einem Regenbogen-Heiligenschein über seinem Kopf mit den Worten „Der erste schwule Präsident“ abgebildet war. Das war die Reaktion auf Obamas Bekenntnis zur gleichgeschlechtlichen „Ehe“, die er fünf Jahre lang behauptet hatte abzulehnen. Dieser öffentliche Wandel geschah, als Obama seinen Wahlkampf zur Wiederwahl intensivierte, genauso, wie es Hillary Clinton in jenem Jahr tat, als sie ihren Wahlkampf für 2016 ankündigte.

Nach dieser Ankündigung setzte Obama ein aggressives Programm zu einer grundlegenden Umgestaltung an der sexuellen-Gender-Familien-Front ein, das während seiner gesamten zweiten Amtszeit noch an Geschwindigkeit, Intensität und Anmaßung Fahrt aufnahm.

Die zweite Illustration ist ein weiteres Bild, das noch tiefgründiger ist als die Kreation/Krönung des Newsweek-Magazins, da es ein echtes Foto war. Es stammte aus dem Juni 2015, als das Weiße Haus Obamas, das wichtigste Haus des Landes, am Tag der Obergefell vs Hodges-Entscheidung in den Farben des „LGBTQ“-Regenbogens angestrahlt wurde. Damals führte der katholische Richter am Obersten Gerichtshof, Anthony Kennedy, den liberalen Block des Gerichtshofs dazu, die Ehe neu zu definieren und dieses nicht existierende „Verfassungsrecht“ allen 50 Bundesstaaten aufzuzwingen. Wenn es jemals ein zutreffenderes Bild von Obamas grundlegender Umgestaltung Amerikas gegeben hat, dann war es dieses.

Drittens gab es den Toilettenbeschluss, als – laut Obamas Anordnung – sämtliche öffentlichen Schulen angewiesen wurden, ihre Toiletten und Umkleideräume zu revolutionieren, um sie Jungen im Teenageralter, die als Mädchen (unter weiteren Genderneuheiten) bezeichnet werden möchten, zur Verfügung zu stellen. Ein surrealeres Beispiel eines exekutiven Zu-weit-Gehens ist nur schwer vorstellbar. Fürwahr, George Washington würde sich im Grabe umdrehen.

Viertens gibt es da einen ironischen Moment bei Obamas eigenem Handeln, über den in der Presse praktisch nicht berichtet wurde. Es passierte im letzten April auf einer Bürgerversammlung in London, als Obama von einem jungen Mann beschimpft wurde, nicht genug dafür getan zu haben, „nichtbinäre Menschen“ wie ihn anzuerkennen. Dieser junge Mann wollte, dass die britische Regierung „Pronomen respektiert“ – indem sie nicht mehr Wörter wie „he“ oder „she“ verwendet, sondern vielmehr „hir“ oder „ze“ –, um sich darüber hinaus „für genderneutrale Toiletten einzusetzen“.

„Ich wünschte mir wirklich so sehr, dass Sie und [der britische Premierminister] David Cameron uns als Transgender-Menschen ernst nähmen“, legte sich der Student ins Zeug. „Und vielleicht können Sie uns erklären, was Sie tun können, um über das hinauszugehen, was als Bewegung für die Rechte von LGBTQ anerkannt ist, einschließlich der Menschen, die sich außerhalb der gesellschaftlichen Normen befinden.“ Es war schon fast höchst amüsant mitanzusehen, wie ausgerechnet Barack Obama für Unzulänglichkeiten in diesem Bereich gemaßregelt wurde, was mich zu meinem letzten Beispiel führt.

Dieser Londoner Zwischenfall könnte einige Wochen später das Weiße Haus Obamas zu einer bemerkenswerten Maßnahme veranlasst haben, über die in den Nachrichten ebenfalls so gut wie nicht berichtet wurde: Die Pressestelle des Weißen Hauses veröffentlichte zwei ungewöhnliche Informationsblätter, in denen Obamas umfangreiche Bemühungen, „LGBT“-Rechte im In- und Ausland zu fördern, ausführlich beschrieben wurden. Nicht nur stand darin, dass das Weiße Haus eine solche Liste zusammenstellt und dafür wirbt, sondern die bloße Länge der Liste ist auch frappierend. Es ist schwierig, eine vergleichbare Aufstellung derart dramatischer Veränderungen durch das Weiße Haus Obamas in irgendeinem anderen Politikbereich zu finden. Die Liste ist seitenlang.

Kurzum, was wir hier sehen, ist das wahre Vermächtnis Barack Obamas, die wirkliche grundlegende Umgestaltung. Obama hat es nicht in der Wirtschaft, in der Regierung oder Außenpolitik hinterlassen, sondern in der Kultur.

Wenn wir auf die acht Jahre von Barack Obama zurückschauen, sollten wir uns nicht Obamacare oder irgendetwas aus der Außenpolitik vor Augen halten, sondern das am 26. Juni 2015 in Regenbogenfarben angestrahlte Weiße Haus oder einen als „erster schwuler Präsident“ gefeierten, Regenbogen-nimbierten Obama.

Das sind die Krönungsbilder der grundlegenden Umgestaltung Amerikas, die Barack Obama erzielt hat.

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft und geschäftsführender Direktor des Center for Vision & Values am Grove City College. Dieser Essay erscheint mit freundlicher Genehmigung des „National Catholic Register“ (www.ncregister.com). Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt.