Nur die Liebe bleibt

Wunder geschehen in einer Welt von Sündern – Vier Filme des dänischen Regiemeisters Carl Theodor Dreyer in einer DVD-Edition

Carl Theodor Dreyer (1889–1968) legte zusammen mit den deutschen Regisseuren Friedrich Wilhelm Murnau (1888–1931) und Fritz Lang (1890–1976) im späten Stummfilm und dem beginnenden Tonfilm die Grundlagen europäischer Filmkunst. Durch die gelungene Verknüpfung von formalästhetischer Perfektion und tiefgründigen Themen kann darüber hinaus der Däne Dreyer als Pionier eines Kinos des Immateriellen oder gar des Spirituellen angesehen werden, das insbesondere in Andrej Tarkowskij (1932–1986), dem späteren Krzysztof Kieœlowski (1941–1996) und Theo Angelopoulos (geb. 1935) seine Fortsetzung findet.

Der nach dem Tod seiner Mutter von einer streng protestantischen Familie adoptierte Carl Theodor Dreyer setzte sich in seinen Filmen vorzugsweise mit christlichen Sujets auseinander, so etwa in dem Film, der ihn weltweit bekannt machte: „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ („La Passion de Jeanne d'Arc“, 1928).

Bei Kinowelt/Arthaus ist nun eine DVD-Edition herausgekommen, in der vier Dreyer-Filme aus einem Zeitraum von knapp vierzig Jahren zusammengefasst sind: „Du sollst Deine Frau ehren“ (1925), „Tag der Rache“ (1943), „Das Wort“ (1954) sowie „Gertrud“ (1964), der letzte Film des dänischen Regiemeisters.

„Du sollst Deine Frau ehren“ handelt von einem Familienvater, der seine Frau und Kinder tyrannisiert, weil er an ihnen seine beruflichen Misserfolge abreagiert. Durch das beherzte Eingreifen seiner alten Kinderfrau erlebt er eine Veränderung, er wird zu einem liebevollen Ehemann und Vater. In diesem Stummfilm werden bereits zwei Eigenschaften des Kinos von Carl Theodor Dreyer sichtbar: Die Konzentration auf das Wesentliche, die sich in minimalen Dekors niederschlägt, sowie die Charakterstudien, die sich im häufigen Gebrauch der Großaufnahme ausdrückt. – „Tag der Rache“ („Vredens Dag“, 1943) entnimmt seinen Titel aus der Geheimen Offenbarung („Dies irae“). Angesiedelt im Jahre 1623 handelt der Film von Hexenprozessen, aber auch von einer Dreiecksgeschichte in einem protestantischen Pfarrhaus: Anne, die junge Frau des ältlichen Pfarrers Absalon, verliebt sich in dessen Sohn aus erster Ehe Martin. Sie wünscht sich den Tod Absalons, mit dem sie gegen ihren Willen verheiratet wurde. Als sie am Sarg ihres Mannes der Hexerei bezichtigt wird, gesteht sie – als Sühne für die „heimliche Sünde“. Der bekannte Filmhistoriker Siegfried Kracauer bezeichnete den Film als „fast einen dramatisierten Bildbericht, obwohl er einer Welt gilt, die sich nur rekonstruieren, nicht berichten lässt“.

„Das Wort“ („Ordet“, 1954) wurde 1955 auf dem Filmfestival von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Die Verfilmung des gleichnamigen Stückes von Kaj Munk handelt von religiös motivierten Zwistigkeiten in einer Familie im Jahr 1929: Der jüngste Sohn Anders möchte ein Mädchen heiraten, dessen Vater einer anderen Glaubensrichtung anhängt. Die zentrale Figur ist allerdings der älteste Sohn Johannes, der nach einem Theologiestudium und der Beschäftigung mit Kierkegaard – wie es ausdrücklich im Film heißt – den Verstand verloren hat: Er hält sich für den wiederauferstandenen Messias.

In einer Welt von Sündern, die nicht an das Wunder glauben – der dritte Bruder Mikkel bekennt offen, dass er keinen Glauben habe –, wirkt Johannes durch „das Wort“ ein unfassbares Wunder, das nicht nur Naturgesetze außer Kraft setzt, sondern vor allem die Herzen der Menschen bewegt: Mikkel erlangt den Glauben, Johannes genest von seinem Wahn, und der Vater zeigt sich bereit, Anders' Verlobte als Schwiegertochter anzunehmen und sich mit deren Vater zu versöhnen. Die Quintessenz von Dreyers „Das Wort“ liegt in dessen Anliegen, das in der Liebe waltende Göttliche zu offenbaren.

Von Liebe handelt auch Dreyers letzter Film „Gertrud“ (1964): Die gleichnamige Protagonistin fordert von ihrem Ehemann die Freiheit ein, die sie sich in ihrer Ehe zugestanden hatten. Aber auf die Suche nach der perfekten Liebe scheitert sie letztlich. In seinem Minimalismus wirkt der Film über weite Strecken wie gefilmtes Theater, weshalb er bei seiner Uraufführung in Cannes auf Ablehnung stieß. Später entdeckten die Filmemacher der Nouvelle Vague in ihm eine für sie vorbildhafte, radikale Modernität.

Unter den Extras der vier DVDs ragt insbesondere das 1965 geführte Gespräch mit Dreyers Kameramann Hennig Bendtsen heraus, der den Stil des dänischen Regisseurs beleuchtet, sowie das Interview mit dem Schauspieler Baard Owe, der von seinen eigenen Erfahrungen berichtet: „Die Handschrift Dreyers war auf fast unerträgliche Weise überall präsent“.

Die DVD-Edition macht diese Handschrift eines Regiemeisters fassbar, die in der detailgenauen Bildkomposition, der Konzentration auf die Figuren und deren Gefühle sowie in der minimalistischen Betonung des Natürlichen besteht.