Nur Sinnsuche rettet aus dem Chaos

„Rückkehr in den Abgrund, in den ich als Kind gefallen war“: Geschichten des filmbesessenen Schriftstellers Patrick Roth. Von Ilka Scheidgen

Der Schriftsteller Patrick Roth an einer Druckerpresse. Foto: dpa
Der Schriftsteller Patrick Roth an einer Druckerpresse. Foto: dpa

Nach dem vielbeachteten 2012 für den Deutschen Buchpreis nominierten Joseph-Roman „Sunrise“ legt Patrick Roth mit „Die amerikanische Fahrt“ ein Buch vor, das, wie es im Untertitel heißt, „Stories eines Filmbesessenen“ erzählt, der ersten großen Leidenschaft des 1953 geborenen Autors. Es handelt sich um teilweise bereits veröffentlichte Texte und die bisher unveröffentlichten Vorträge aus seiner (zweiten) Heidelberger Poetik-Dozentur im Jahre 2012. In diesen Geschichten, die einen gänzlich anderen literarischen Sound haben als seine Romane, erzählt der Autor direkter, beschreibt realistisch seine Erlebnisse mit Filmen, der Filmstadt Los Angeles, wo er von 1975 bis 2012 lebte. Das Filmmilieu hatte er bereits in den Erzählbänden „Die Nacht der Zeitlosen“ (2001), „Starlite Terrace“ (2004) und in der autobiographischen Erzählung „Meine Reise zu Chaplin“ (1997) thematisiert. Auch Roths literarische Kamerafahrten führen, wie es bei diesem Autor des Existenziellen nicht anders sein kann, immer wieder zum Überpersönlichen, zum Sinn hinter dem Realen, zum Wunsch „teilzuhaben an real time: am Feuer des Dauerns von Zeit“, wie es an einer Stelle des Buches heißt oder anders ausgedrückt: „Ich wollte einen Film, der mir erlauben würde, darin zu leben, das heißt, mich an seinem Feuer zu lagern, mich niederzulassen mit anderen, am Feuer zu dauern.“

Schon in jungen Jahren war Patrick Roth vom Kino, von Filmen fasziniert. Die Filmklassiker hat er im Kino um die Ecke gesehen, hat sich von ihnen entführen lassen ins Schattenreich der Imagination. Seine Leidenschaft für den Film wollte er zum Beruf machen, arbeitete bei den Bavaria-Studios in München, hatte schon kleinere Film- und Drehbucharbeiten gemacht, in Paris und Freiburg einige Semester Anglistik und Romanistik studiert, bevor er mit einem Stipendium nach Los Angeles ging, der Filmstadt schlechthin, der Stadt von Hollywood. Seit 1975 lebte Patrick Roth in der amerikanischen Filmmetropole, in der er an der berühmten Filmakademie studierte, seine ersten Drehbücher schrieb und zwei Filme produzierte. Für ihn sind die USA in diesen Jahren ebenso Heimat geworden wie das Land seiner Herkunft und Muttersprache. Stand in den ersten Jahren in Amerika naturgemäß der Erwerb der englischen Sprache im Vordergrund, merkte Roth nach drei bis vier Jahren plötzlich, dass ihm die deutsche Sprache zu entgleiten drohte. Und mit einem Mal wurde ihm bewusst, welch existenzielle Bedeutung für ihn die deutsche Sprache hatte. Denn indem sie sich langsam aufzulösen begann, drohten auch eigene Erinnerungen und dadurch seine Vergangenheit zu verschwinden, als würde ihm der Boden unter den Füßen verloren gehen. Und er erkannte, dass er sich wieder der Muttersprache zuwenden musste, was er tat, indem er Gedichte seiner Lieblingsdichter Hölderlin, Trakl, Celan auf einen Kassettenrekorder sprach und während der Autofahrten anhörte und sich damit die deutsche Sprache auf die Highways zurückholte.

Mitte der achtziger Jahre hatte er plötzlich, wie er erzählt, ganz ungeheure Träume, darunter ein ganz großer erschlagender Traum, der sich über Wochen hinzog, mit dem er überhaupt nicht fertig wurde und über den er damals auch mit niemandem reden konnte. Also begann er, seine Träume aufzuschreiben. Und er fing an, sich mit der Tiefenpsychologie von C.G. Jung zu beschäftigen. „Und es wurde mir langsam klar, wie enorm sich Motive innerhalb von Träumen über eine Traumsequenz hin entwickeln“, erzählt Patrick Roth und fährt fort: „Mit dieser Erfahrung, die man da macht, wird man sich eines zweiten Zentrums bewusst. Da ist etwas anderes, was anordnet, was einen in gewisser Weise in die Schule schickt. Und mit steigender Einsicht wird man auf eine höhere Stufe gehoben, bewegt sich quasi auf einer Spirale aufwärts.“ Zu dieser ihn zutiefst aufwühlenden Erfahrung kam die Beschäftigung mit der Bibel. Die Sprache der Bibel hatte Patrick Roth bereits während seiner Schulzeit fasziniert, neben der von Hölderlin, Trakl, James Joyce. Es war die Schönheit der Sprache, die ihn in Bann zog. „Es war ein Faszinosum der Sprache, an das man sich immer wieder anlehnen konnte, wenn man die Sprache besaß, wenn man das Vokabular besaß.“ Damals hatte Patrick Roth noch keine Ahnung, wieso die Sprache gerade ihn so anzog, für ihn so wichtig war. Er begriff sie noch nicht als Forderung.

Roth arbeitet auch beim Schreiben vielfach mit filmischen Mitteln, zum Beispiel mit Vor- und Rückblenden und dem „Dissolve“. Dieses filmische Mittel der Überblendung kommt dem, was für Roth als Erkenntnis so bedeutend ist, nämlich dass sich zwei Realitäten überlagern, am weitesten entgegen.

In seinem letzten Film „In My Life – 12 Places I Remember“ (2006) führt er in intensiven Erinnerungsbildern an die Orte seiner Wahlheimat Los Angeles, an denen er gewohnt und geschrieben hat. Auch darüber erzählt er in seinem neuen Buch. Mit dem Auto ist Roth unterwegs zu den Stationen seiner Vergangenheit. Es ist gleichsam ein Roadmovie der „Suche nach der verlorenen Zeit“, nur dass es bei Roth keine verlorene oder vergebliche Zeit gibt. Für ihn hat alles seine Bedeutung, auch wenn sie oft erst viel später oder vielleicht gar nicht erkannt wird. Beim Sammeln und Reflektieren seiner amerikanischen Vergangenheit, dem Sich-Aussetzen einer ungeheuren Bilderflut, kommt Roth zu der Erkenntnis, dass eine Rettung aus dem Chaos, aus großen und kleinen Katastrophen, nur durch Sinnsuche möglich ist. In der Schlussszene reitet ein Navajo-Indianer in einem Kirchenschiff altarwärts – die mensa des Altars wird in einer Überblendung ersetzt durch die mesa des Monument Valley, in dem Patrick Roth in der vorangegangenen Szene am Feuer gesessen hat (übrigens das Titelbild dieses Buches). Dann löst sich auch der Reiter auf. Es bleibt ein Licht. Nach der dunkelsten Nacht, so reflektiert der Erzähler und Autor des Films, könnte etwas Neues stehen, ein neues Bewusstsein. Sunrise. Was durch das Chaos Richtung weist, ist Sinn.

Aber erst in der Rückschau (im Kapitel Innen-Amerika-Nacht, das seine Heidelberger Poetik Dozentur im Jahr 2012 beinhaltet) begreift Patrick Roth diesen Navajo – „dieser noch Ungespaltene tief in dir“ – als Verkörperung eines Teils seiner eigenen Seele, der die Heilung eines kindlichen Traumas ermöglicht. Dieses hatte er als Siebenjähriger beim Ansehen eines Films über den Holocaust erlitten, beim Anblick der „Berge ausgehungerter vergaster Menschenleichen“. „Wenn man solche Bilder einmal gesehen hat, sich die Seele verbrannt hat an ihrer Flamme, lebt man weiter ohne die Seele. Ohne diesen tiefsten Teil jedenfalls, der verbrannt war.“ Und so wird Patrick Roth sich mit einer Verspätung von fünfzig Jahren erstmals bewusst, dass ihm durch diese Figur des Navajo in seinem Film ein verschwundener, ein tot geglaubter Teil seiner Seele wiedergegeben wird. Und dazwischen waren ein Suchen und ein Gang ins Dunkel, eine „Rückkehr in diesen Abgrund, in den ich als Kind gefallen war“, die seine Filme und Bücher entstehen ließen. „Hier zeigte sich etwas… – aus dem Dunkel, das alles verzehrte, tötete, sinnlos zertrümmerte, verneinte, kam etwas, stieg etwas herauf, das dem Suchenden, mir: neuen Sinn gab, neue Richtung. Um die Arbeit an den Scherben, dem zerschellten Gefäß, das nichts mehr halten konnte, neu aufzunehmen.“

Mit „Die amerikanische Fahrt“ kann man, wenn man sich Patrick Roths Sicht auf innere und äußere Bildwelten öffnet, selber das Sehen neu erleben und erlernen. „And suddenly there is a change.“ Ich glaube, das ist es – ob bewusst oder unbewusst – was Roth beim Leser in Gang setzen möchte. „Im Nachzeichnen, im Nachfeiern vielleicht, wird uns der Sinn bewusst, der Sinn – ohne den alles ein endloses Tappen im Chaos, ein Kampf gegen das Verschlungenwerden vom Bilderfluss wäre, ein Scherbenhaufen nur bliebe, nie mehr zusammensetzbar, nie zusammengesetzt. Da plötzlich, da im Dunkelsten – die Niederlage selbst zur Brücke verwandelnd – kommt Sinn. Und raubt uns die Sinne. Bildet um, was wir sehen. Lässt uns sehen, was wir wollen. Ahnen, was wir werden sollen. Was aus uns werden soll.“

Patrick Roth: Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen. Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 298 Seiten., EUR 19,90