Niemand darf die Religion missbrauchen

Der Großmufti von Syrien sprach im Europäischen Parlament aus Anlass des „Europäischen Jahrs zum interkulturellen Dialog“

Mit einer Vielzahl von Veranstaltungen und Aktivitäten begann das Europäische Jahr zum interkulturellen Dialog (EJID 2008). Letzte Woche eröffnete der Präsident der EU-Kommission Manuel Barroso mit dem Präsidenten des Europaparlaments, Professor Hans-Gert Pöttering, das Jahr des interkulturellen Dialogs in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana (Laibach). Gastgeber war der derzeitige Ratspräsident und slowenische Ministerpräsident Janez Jansa. Am Dienstag sprach der Großmufti von Syrien, Sheikh Ahmad Badr Al-Din Hassoun, vor dem Plenum des Europäischen Parlaments in Straßburg im Rahmen des interkulturellen Jahres 2008.

Parlamentspräsident Professor Hans-Gert Pöttering (CDU) aus Deutschland begrüßte seinen syrischen Gast mit der „tiefen Überzeugung, dass ein friedliches Zusammenleben von Kulturen und Religionen möglich und nötig ist; sowohl in der Europäischen Union als auch mit den Völkern der Welt, insbesondere jenseits des Mittelmeers, im Nahen Osten“.

Er würdigte die Arbeit von Sheikh Ahmad Badr Al-Din Hassoun, dem früheren Mufti von Aleppo, mit den Worten: „Dr. Hassoun gilt als herausragender Verfechter des interreligiösen Dialogs in einem Lande, wo die religiösen Gemeinschaften in ihrer Vielfalt bis heute friedlich zusammenleben und -wirken“. Ein deutliches Zeichen dafür sei auch die Tatsache, dass der Großmufti bei seinem heutigen Besuch von hochrangigen religiösen Führern begleitet werde, insbesondere vom Bischoff Antoine Odo, dem Präsidenten der chaldäischen Bischöfe von Syrien, so Pöttering.

Pöttering forderte „gemeinsam eine geistige und kulturelle Brücke über das Mittelmeer zu bauen“, die durch einen ständigen, ehrlichen und offenen Dialog zu mehr gegenseitigen Verständnis führe. Der Kern des interkulturellen Dialogs sei die Toleranz. Toleranz bedeute nicht Beliebigkeit, Toleranz bedeute eigene Standpunkte zu vertreten und die Überzeugung des anderen zu hören und zu respektieren. „Wir müssen unsere Gemeinsamkeiten betonen“ wie die Würde des Menschen und die Verteidigung der unveräußerlichen Menschenrechte, erklärte Pöttering.

In seiner Rede vor dem Europaparlament betonte der Großmufti, er glaube nicht an den „heiligen Krieg“. Niemand dürfe die Religion missbrauchen, um zu töten. Vielmehr müsse jeder das Leben unterstützen. Zudem unterstrich er, dass „die Frau von den Menschen und nicht von der Religion unterdrückt“ werde.

Er wolle dem Europäischen Parlament „von tiefsten Herzen danken“, dass er diesen interkulturellen Dialog eröffnen dürfe. Er wolle dabei vor allem den Begriff der „Kultur“ hervorheben. Es gebe nur „eine Kultur“, die der Mensch geschaffen habe, so Hassoun. Seiner Meinung nach gebe es auch keine Konfrontation der Kulturen. „Es gibt nur eine einzige Religion und diese Religion stammt von Gott“, so Hassoun. Die Religion gebe der Kultur Werte. „Wir sollten eine gemeinsame Kultur für diese Welt schaffen.“ Alle Menschen seien „Brüder, Väter, Mütter, Töchter und Söhne“. Nun müsse man eine Generation aufziehen, die den Menschen in den Mittelpunkt stelle.

„Ich glaube nicht an den heiligen Krieg. Friede ist das einzige, was heilig ist“, so der Großmufti. Gott habe den Menschen geschaffen und jeden Mord an einem palästinensischen, einem israelischen, an jedem Kind auf dieser Erde, verurteile er „zutiefst“. Er wolle an die Parlamentarier appellieren, dass der Dialog keine Grenzen haben dürfe. Keiner dürfe gezwungen werden, sich für eine Religion zu entscheiden, denn diese werde allein in der Beziehung zu Gott entschieden.

Mit einem Zitat des Heiligen Vaters forderte der syrische Großmufti, dass es im „Land des Friedens“, in Palästina und Israel, keine Mauer geben dürfe, sondern eine „Brücke der Freundschaft“. Er glaube daran, dass „wir eine einzige Familie sind, die im Haus des Lebens wohnt“.

Auch er sei zehn Jahre lang Abgeordneter im syrischen Parlament gewesen. Er sei „unabhängig“ gewesen und habe „jeden einzelnen Menschen vertreten“. Daher appelliere er an die Parlamentarier, nicht nur Parteien und Völker zu vertreten, sondern „alle Menschen und Völker“ im Bereich des Friedens, der Gerechtigkeit und des Glaubens.

Die Lage im Nahen Osten sei weiterhin „hochexplosiv“. Heute gelte es, den Frieden zu verteidigen und diejenigen, die Terror ausübten, zu ächten. Diese verstünden weder das Christentum, noch den Islam oder das Judentum.

Was in den letzten Jahrzehnten in Europa geschah, sei das „Wunder des 20. Jahrhunderts“. Die Berliner Mauer wurde weggerissen ohne Blutvergießen. Ein Europa des Friedens und der Freiheit entstand. Alle Völker Europas seien heute in einem Parlament vereinigt und sein Land, Syrien warte auf die Hilfe Europas, so der Großmufti.

Kulturelle Vielfalt respektieren

Der Besuch fand im Rahmen des „Europäischen Jahres des Interkulturellen Dialogs“ statt, zu dem das EP bedeutende Persönlichkeiten einladen wird. Mit dem EJID 2008 soll die europäische Öffentlichkeit sensibilisiert werden für eine weltoffene, aktive europäische Bürgergesellschaft, die die kulturelle Vielfalt weltweit respektiert im Wissen um das eigene gemeinsame Erbe Europas. Als Zielgruppen sollen besonders junge Menschen und sozial benachteiligte Gruppen im Fokus der Aktivitäten stehen. Im Vorfeld erklärte der zuständige Europa-Kommissar Jan Fígel, dass im 21. Jahrhundert Europa vor neuen Herausforderungen stünde: Es müsse zu einer interkulturellen Gesellschaft werden, in dem sich verschiedene Kulturen konstruktiv austauschen und interagieren und der Respekt vor der Menschenwürde Allgemeingut sein müsse, so der slowakische Christdemokrat.

Laut der neuesten Eurobarometer-Umfrage, die repräsentativ in allen Mitgliedsstaaten erhoben wird, haben zwei Drittel aller Europäer täglich mit mindestens einer Person eines anderen kulturellen Hintergrunds zu tun: sei es ethnisch, religiös oder national bedingt. Mehr als 70 Prozent der Befragten empfanden diese Beziehungen als positiv und bereichernd. Vor diesem Hintergrund ist interkulturelles Agieren quasi Alltag in Europa.

Auf der extra eingerichteten Internetseite, die aber leider noch etliche Lücken hat, ist aufgeführt, was sich die europäischen Institutionen für das EJID 2008 überlegt haben: vom Terminkalender bis hin zu den Einzelprojekten, vom „Schaufenster“ bis zu den sogenannten „Botschaftern des Jahres“, unter ihnen Künstler, Filmemacher, Publizisten, und Schriftsteller wie Paulo Coelho. Während des EJID 2008 werden in Brüssel sieben Debatten rund um den interkulturellen Dialog veranstaltet und auf der Website wird ein Fotowettbewerb zum Thema beworben.