Nicht nur die Menschen, auch ihre Gefühle werden ausgestellt

Mit „Adam sucht Eva“ will RTL eine weitere Kuppelshow inszenieren – Der Sinn für Romantik scheint verloren. Von Stefan Meetschen

Nela Lee moderiert die RTL-Reihe „Adam sucht Eva“. Foto: dpa
Nela Lee moderiert die RTL-Reihe „Adam sucht Eva“. Foto: dpa

„Dschungelcamp“, „Big Brother“ – man hat sich fast schon daran gewöhnt, dass beim Privatfernsehen auf der nach unten hin offenen Geschmacksverirrungs-Skala permanent andere Peinlichkeits-Formate und TV-Tiefpunkte angeboten werden – doch mit einer neuen, sogenannten „Nackt-Datingshow“ namens „Adam sucht Eva“ hat RTL neue Maßstäbe gesetzt oder, vielleicht sollte man es lieber so schreiben, jegliche noch verbliebenen Maßstäbe des Schamgefühls und der Fernseh-Unterhaltung über den Haufen geworfen. Geht es bei dieser Sendung, die in der vergangenen Woche zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, doch darum, dass die Kandidaten ihre Kleidung ablegen, um ganz unverhüllt zu flirten. Auf einer Südsee-Insel, wo es schön warm ist und die Sonne scheint. Allerdings begleitet von einem Kamera-Team und einem Millionen-Publikum im nass-kalten Deutschland. Immerhin: Die Kameraführung hat Ricarda, die Medizinstudentin, und Thomas, den Berufsberater, nicht pornographisch vorgeführt, sondern zumeist von der Gürtellinie an aufwärts dezent eingefangen. Doch spätestens, wenn dem Dramaturgie-Konzept dieses „nach allen Regeln der Kuppelshow-Kunst inszenierten FFK-Märchens“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) folgend, ein zweiter Adam auftaucht, um Ricarda-Eva sozusagen als Ersatz-Schlange zu versuchen, zeigt sich, dass die Sendungs-Macher offensichtlich nur wenig vertraut mit der biblischen Ur-Geschichte sind. Oder steckt die wahre Schlangerei nicht eben doch im Format selbst, das nicht nur nackte Körper freizügig ausstellt, sondern auch nicht davor zurückscheut, die eventuell wahren menschlichen Gefühle der Akteure medial zu zeigen?

Doch was diesen Punkt betrifft, ist „Adam und Eva“ eigentlich nur eine konsequente Fortsetzung von Formaten wie „Traumhochzeit“ und „Herzblatt“, die in den 1980er Jahren das wahre Intime in den medialen Kreislauf einführten, oder aktuellen Privatfernseh-Sendungen wie „Bachelor“ und „Bachelorette“, die dem Zuschauer derzeit in schonungsloser Direktheit partnerschaftliche Herz- und Schmerzrituale beim Anbandeln vorführen, dass es wahrhaft keine Wonne ist und sich die Grenzen zwischen Show und Realität in seelisch ungesunder Weise vermischen. Dass dies der Fall ist, legt allein schon ein Faktum nahe: die meisten der im Fernsehen geschlossenen Beziehungen gehen kurz nach Sende-Schluss schnell wieder in die Brüche.

Die Kirche nimmt die Gefühle der Menschen ernst

Doch offenbar gibt es beim Publikum ein Bedürfnis nach solchen Formaten, denn RTL schickt derzeit nicht nur Nackte auf die Insel, in der Sendung „Take me out“ (Nimm mich heraus), moderiert von dem Komiker Ralf Schmitz, muss ein Mann sage-und-schreibe 30 Frauen von seinen Vorzügen überzeugen, bevor er sich eine aus dem Massen-Angebot auswählen darf. Eine menschlich völlig unangemessene Form des Kennenlernens, die RTL selbstironisch-sarkastisch als Form des „Speed-Dating“ (Schnell-Kennenlernen) vorstellt. Wieso Moderator Schmitz das Sendungskonzept als Alternative zum „Überangebot der Möglichkeiten“ versteht, ist ein Rätsel, das er wohl nur selbst lösen kann. Schließlich spiegelt „Take me out“ doch nur die emotionale Verzweiflung wider, die so manches Single-Wesen in der Welt von „Facebook“, „What's App“, Dating-Portalen ereilen kann. Man sucht den Richtigen oder die Richtige, doch viel Zeit, um sich auf den fremden Menschen einzulassen fehlt, weil schon wieder neue Humanangebote signalisiert werden, weitere personelle Optionen, sodass die eigentlichen Grundvoraussetzungen für das Eingehen einer Beziehung, Zeit und Aufmerksamkeit für Stärken und Schwächen des anderen, schon an der Oberfläche getilgt und verhindert werden.

So destruktiv und im Widerspruch zur menschlichen Würde scheint mittlerweile die Entwicklung der Kuppel-Shows zu sein, dass sich sogar die frühere Sexualberaterin von RTL, Erika Berger, von dem „Adam sucht Eva“-Konzept distanziert. „Ich möchte bitte niemanden splitternackt kennenlernen“, sagte die rüstige 75-Jährige gegenüber Focus-Online. „Das geht doch niemand anderen etwas an.“ Denn: „Sonst kann ich doch gleich auf den Marktplatz gehen, mich nackert ausziehen und sagen, wer will mich. Das ist eine Zur-Schau-Stellung.“

Liegt in der Verwechslung von Erotik mit Voyeurismus, von Romantik mit „Dating“ vielleicht das Missverständnis der TV-Macher, der Akteure und des Publikums? Eine deutliche Aufklärung und Korrektur kirchlicherseits würde sich lohnen. Die der menschlichen Liebe wirklich angemessenen Riten findet man genau hier. Und die Geschichte von Adam und Eva im Original.