Nicht mit der Überlieferung brechen

Die Schriftsteller Martin Mosebach und Christian Lehnert diskutierten in Hannover über die „katholische Lebensgestalt“. Von Alexander Riebel

Martin Mosebach und Christian Lehnert diskutierten in Hannover
Diskutierten über religiöse Identität und katholische Lebensgestalt, von links: Der Schriftsteller und evangelische Theologe Christian Lehnert sowie Büchnerpreisträger Martin Mosebach. Foto: Katholisches Forum Niedersachsen

Gibt es noch so etwas wie eine katholische Lebensgestalt? Und hat sie sich bruchlos bis heute erhalten können? Diese Fragen wollte das Katholische Forum Niedersachsen im Tagungshaus der Basilika St. Clemens in Hannover am Wochenende nicht Theologen, sondern diesmal Schriftstellern überlassen, wie der Direktor des Forums, Jens Lüpke, einführend sagte. Zu einer spannenden Diskussion trafen sich die Schriftsteller Martin Mosebach und Christian Lehnert unter Moderation von Ingo Langner, Regisseur und Publizist, auf dem in violettes Licht getauchten Podium. „Römisch – Zwischenbericht zur katholischen Lebensgestalt“ war das Thema.

Wie ist das mit der Häresie der Liturgie, wollte der Moderator von Martin Mosebach wissen und spielte damit auf eines der Bücher des Büchnerpreisträgers, auf die „Häresie der Formlosigkeit“, an? Was bedeutet es also, dass der außerordentliche Ritus nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder zugelassen wurde? „Der Gesetzesakt von Papst Benedikt XVI. entsprach seiner persönlichen Anschauung, wie ein Papst handeln sollte“, führte Mosebach aus. Dabei sei Benedikt XVI., der die Liturgiereform als großes Unglück betrachtet habe, ausdrücklich gegen einen „diktatorischen Akt“ gewesen. Vielmehr habe er ein geistliches Wachstum beabsichtigt mit der Wiedereinführung der Alten Messe, das Ruder herumwerfen wollte er damit nicht. Beide Formen des Ritus – Mosebach hat auf deren Verschiedenheit hingewiesen – seien nun vollkommen gleichberechtigt und es gebe jetzt eine große Freiheit, von der aber nicht viel Gebrauch gemacht werde. Der evangelische Pfarrer und Lyriker Christian Lehnert aus Leipzig fühlte sich dem Alten Ritus schon immer nahe. „In Sachsen haben wir die Lutherische deutsche Messe, und die steht dem Alten Ritus näher als dem neuen. Ich bin also da zu Hause“, meinte Lehnert und bezeichnete es als einen Fehler der protestantischen Kirche, den Gottesdienst immer verständlich machen zu wollen. Ja der protestantische Gottesdienst sei geradezu eine Reflexionsform. Er schätze am katholischen Ritus, dass mehr auf Formen vertraut werde, die für sich stehen. Dennoch, meinte Lehnert, seien Formwandlungen nicht ausgeschlossen – das Gewachsensein der Liturgie bedeute auch Veränderung.

Damit war Mosebach gar nicht einverstanden, weil es für ihn darauf ankommt, nicht wie sich die Kirche in den vergangenen 2 000 Jahren gewandelt hat, sondern wie sie sich nicht gewandelt hat. Er könne sich mühelos in der orthodoxen Messe orientieren und was sich da unterscheide, sei bedeutungslos – der Opfercharakter, die Sakralsprache, die Zelebrationsrichtung seien gleich geblieben. Auch eine romanische Kirche sehe ja anders aus als eine barocke, aber das Entscheidende ist doch für Mosebach gleich – die Anwesenheit des Mystischen.

Ist denn nun die Kirche das allein Seligmachende, außer der es kein Heil gibt, wollte der Moderator wissen. Lehnert fand die Frage etwas „übergriffig“, denn die Kirche sei immer unbestimmt. Auch für Paulus war sie das schon, und man könne nie wissen, wie sie sich erfüllt.

Aber noch einmal zurück zur Frage nach der Veränderung der Kirche durch das zweite Vatikanische Konzil – ist es feststellbar, dass sich die Kirche verändert hat? Für Mosebach ist klar, dass Benedikt XVI. eine „Hermeneutik der Kontinuität“ vertreten hat: „Er musste behaupten, dass es keinen Bruch gibt, weil es keinen Bruch geben darf. Die Kirche darf nicht mit dem Überlieferten brechen.“ Aber, fügte Mosebach hinzu, „der Bruch mit der Tradition hat jetzt Wind in den Segeln“. – „Sie sind ein Teil des großen Bruchs, empfinden Sie, dass das Zweite Vatikanische Konzil auf sie zugeht?“, wollte Langner von Lehnert wissen. Von außen, vom Protestantismus aus gesehen, wundert sich Lehnert über die Diskussion zu Fortschritt oder Rückschritt in der Kirche – das seien nur weltliche Beurteilungen. Gott sei doch immer gleich unmittelbar. Luther habe jedenfalls keinen Bruch empfunden. Lehnert will daher auch lieber von Übersetzung als von Bruch sprechen und bemerkte, die katholische Identität schärfe sich mit bestimmten Feindbildern wie dem Protestantismus. „Es hat doch einen Bruch gegeben“, entgegnete ihm Mosebach direkt. Dazu genüge ein Blick auf die Sakramentsauffassung, auch dass am Altar jemand als zweiter Christus stehe und handle: „Die Eucharistie kann objektiv erreicht werden, selbst ohne den Glauben der noch Anwesenden.“

Langner sprach nun sein Gefühl aus, dass der Herr Veränderung in der Kirche wolle. Martin Mosebach übernahm die Antwort; in die Gedanken von Papst Franziskus können er nur schwer eindringen. Konsistenz könne er beim Papst nicht entdecken. Es sei bei Franziskus nur wenig Durchdachtes festzustellen, eher der große Wirbel, um dann zu schauen, was passiert. Im Augenblick nimmt Mosebach ein Überführen der Kirche in das Reich des Unvorhersehbaren wahr, das man ja herbeiführen könne. Und Mosebach ergänzte: „Wenn Franziskus diese Politik noch ein paar Jahre weitertreibt, werden wir vieles nicht mehr wiedererkennen.“ Lehnert dagegen wunderte sich über die „hoch emotionalisierte Diskussion“. Er habe gedacht, für Katholiken sei der Papst eben der Papst und sieht bei Benedikt XVI. wie bei Franziskus Stärken und Schwächen. Bei Benedikt schätzt er das starke liturgische Ethos, die Sicht auf die Weltkirche in theologischer Einheit, an Franziskus mag er das Eintreten für Pluralität und der erst einmal lausche, wohin die Gesprächsprozesse laufen und der ein weltweites Interesse an der Beseitigung von Armut habe. Aber von Wachsen oder Schrumpfen der Kirche zu sprechen fand Lehnert zu zeitgeistig: „Das Böse ist besiegt, der Herr ist auferstanden.“ So konnte Moderator Ingo Langner zusammenfassen, dass sich beide immerhin darin einig seien, dass sich das Christentum nicht in Kategorien von Fortschritt und Rückschritt denken lasse.

Das Schlusswort hatte der Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer SCJ, der den Begriff Gestalt als etwas sehr Katholisches bezeichnete – der biblische Gott ist Gestalt geworden. Hierbei sei der existenziell gewendete Glaube entscheidend. Bei allem Wandel sei doch hervorzuheben, dass Gott anweise, wie es im Prolog zur Benediktusregel heißt, aus dem der Bischof zitierte: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!“ Die Einheit von esse et essentia, von Sein und Wesen, sei schon immer ein urkatholisches Prinzip.

Und die katholische Lebensgestalt? Es wurde an diesem Abend nicht nur um sie gerungen, sie konnte auch als das ewig Gültige vorausgesetzt werden. Der Mensch gewordene Gott hat Gestalt angenommen, wie Mosebach formuliert hatte, und auch die Kirche sei eine Gestalt, als anschaubarer Leib Christi. So ist in jeder Gestalt eben mehr als die Gestalt, nämlich auch das, was sie in Bewegung setzt, wie Lehnert es sah.