Naturschauspiele aus Licht und Schatten

Rembrandt im Frankfurter Städel Museum: Eine Ausstellung in der Graphischen Sammlung mit den Landschaftsradierungen des Niederländers. Von Susanne Kessling

Gegen die Rationalisierungsmaßnahmen des Unternehmensberaters Dr. Kruger (Christoph Bach, rechts) wendet sich vor allem der einfache Arbeiter Mike (Sebastian Ströbel). Karin (Bernadette Heerwagen) gerät zwischen die Fronten. Foto: alpha medienkontor
Gegen die Rationalisierungsmaßnahmen des Unternehmensberaters Dr. Kruger (Christoph Bach, rechts) wendet sich vor allem ... Foto: alpha medienkontor

Mit dem Namen des Holländers Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669) verbindet der Kunstkenner im Allgemeinen großartige Porträts oder Bilder mit antiken, biblischen oder mythologischen Themen. Die „Nachtwache“ von 1642, sein wohl berühmtestes Werk, stellt gemäß Erich Hubala, dem Kenner des Barock, ein „Historienbild in der Einkleidung eines Gruppenbildnisses“ dar. Knapp 600 Gemälde, über 300 Radierungen und mehr als 1 500 Handzeichnungen zeugen von seiner hohen Schaffenskraft.

Eine kleine, aber feine Ausstellung im Frankfurter Städel widmet sich mit etwa 60 Grafiken, darunter 46 Radierungen des Künstlers, insbesondere dem Aspekt der Landschaftsdarstellung bei Rembrandt. Sie stammen ausnahmslos aus dem Bestand der Graphischen Sammlung des Städel und werden durch weitere Kupferstiche, Holzschnitte und Radierungen von Vorläufern und Zeitgenossen Rembrandts, wie um 1600 Pieter Brueghel dem Älteren, Hercules Seghers oder später Claude Lorrain ergänzt. Erst seit dem 17. Jahrhundert gibt es die Landschaft als Bildform und nach Hubala „nicht nur die Natur als Darstellungsgegenstand in Bildern... Erde, Himmel, Pflanzen und Bauwerke“ werden nicht einfach nur abgebildet, sondern wiedergegeben „wie man sie begreift, wie man sie sieht, also auch empfindet.“

Der 1606 in Leiden als Sohn eines Müllers geborene Rembrandt wird in den zwanziger Jahren bei Jacob van Swanenburgh (1571–1638) zum Maler ausgebildet und lässt sich 1626 als selbstständiger Meister in Leiden nieder. Zeit seines Lebens sollte Rembrandt in Holland bleiben. Doch das in Italien von Correggio und Caravaggio entwickelte Chiaroscuro, bei dem Hell und Dunkel die Bildkomposition in Malerei und Grafik bestimmen, wurde von den in ihre Heimat zurückkehrenden zeitgenössischen holländischen Künstlern als neues, stilbildendes Element tradiert. Maler um 1600 wie Pieter Lastman, der von Adam Elsheimer, den Carracci und vor allem von Caravaggio beeinflusst worden waren, haben auch Rembrandt in seiner Anfangsphase für diese künstlerischen Strömungen sensibilisiert. Anfänglich spiegeln seine Werke in Motiven und Farbigkeit die Bilder dieses Amsterdamer Künstlers wider. Später sollte er dann das Hell-Dunkel in seinem ganz eigenen Stil zur Geltung bringen. Rembrandt legt sich noch in seiner Zeit in Leiden eine umfangreiche Kunstsammlung mit antiken Büsten und Statuen, Gemälden und exotischen Objekten und insbesondere mit italienischer Druckgraphik zu. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters zieht der Künstler 1631 in die Metropole Amsterdam, wo er sich einen Ruf als Bildnismaler schafft. Hier tritt er in die Lukasgilde ein. Viele Aufträge mehren nicht nur sein Ansehen, sondern sichern ihm auch wirtschaftlichen Erfolg. Er heiratet Saskia van Uylenburgh und erwirbt ein großes Haus. In dem in der Ausstellung gezeigten „Selbstbildnis mit aufgelehntem Arm“ von 1639 blickt er den Betrachter selbstbewusst an. Seine ganze Haltung spiegelt dies wieder, er ist sich seines Könnens gewiss. Die von Rembrandt in der Ausstellung gezeigten Landschaftsradierungen entstanden in zwei relativ kurzen Zeitphasen. In der ersten Zeitspanne, zwischen 1640 und 1645, in der seine Frau Saskia schwer erkrankte und schließlich 1642 verstarb, unternahm er ausgedehnte Spaziergänge in der Umgebung von Amsterdam. Seine hier „in natura“ entstandenen Skizzen dienten später als Vorlagen für seine Kompositionen. Die zweite Phase lag zwischen 1648 und 1652. Rembrandt übernahm in seiner Umsetzung nicht mehr den Holzschnitt oder den Kupferstich, sondern radierte. Dies erlaubte ihm ein weitaus müheloseres Arbeiten; er konnte mit der Nadel auf der wachsüberzogenen Platte zeichnen, die er anschließend in ein Ätzbad legte, um so eine Druckvorlage zu erstellen.

In seinen radierten Werken ging es dem Künstler nicht um genaue topografische Angaben. Er, der nie die Alpen überquert hat, lässt sich bei einigen von den gedruckten „Weltlandschaften“ von Pieter Brueghel oder von venezianischen Graphiken inspirieren. Beispielsweise zeigt er in der „Landschaft mit einem Jäger und Hunden“ einen Ort östlich von Amsterdam, den er mit einem frei erfundenen Gebirge kombiniert. Bei der „Landschaft mit Kuh“ handelt es sich um das einzige radierte Werk Rembrandts, dessen Platte noch erhalten ist und das sich in einer Privatsammlung in den USA befindet. Eines der in der Ausstellung gezeigten Hauptwerke und wohl die bekannteste Radierung ist die „Landschaft mit den drei Bäumen“ von 1643. In der Weite der ebenen Landschaft ist eine Stadt zu sehen. Auf der rechten Seite steigt eine Anhöhe leicht an. Auf ihr ist eine Baumgruppe mit einem Karren abgebildet. Winzig klein sitzt ein Zeichner auf der höchsten Erhebung und lässt sich von dem Naturschauspiel aus Licht und Schatten inspirieren.

Den Heiligen Hieronymus, einen der vier Kirchenväter, hat Rembrandt, laut Martin Sonnabend, dem Kurator der Ausstellung, im protestantischen Holland ungewöhnlich häufig dargestellt. Dieser spätantike Gelehrte, der die Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen ins Lateinische übersetzt und damit die „Vulgata“ geschaffen hatte, fand als humanistischer Gelehrter bereits seit Dürer Eingang in die Motive der Druckgrafik. Auch das Attribut des Heiligen, den Löwen, dem Hieronymus einen Dorn aus der Pranke zog und der ihm dann gezähmt nicht mehr von der Seite wich, entlehnt Rembrandt von älteren Darstellungen. „Rembrandt gelang es, mit verschiedenen grafischen Strategien – wie sich überlagernden Schraffuren, bestimmten Linienmustern, mehrfacher Ätzung der Platte, Manipulationen der Plattenoberfläche, Verwendung von ,Plattenton‘ und Kaltnadelakzenten sowie durch meisterhafte Verteilung von Hell und Dunkel – ein reiches Spektrum von greifbaren und ungreifbaren visuellen Werten zu schaffen...“, so der Kurator.

Schon 2003 zeigte die Graphische Sammlung des Städel eine Präsentation der Radierungen Rembrandts. Die damalige Schau diente einem Überblick über das Schaffen des Künstlers. In den jetzt gezeigten Landschaftsradierungen kann sich der Betrachter in ein einzelnes Thema innerhalb des umfangreichen Werkes vertiefen. Künstlerisch wie ökonomisch hatten die Radierungen für Rembrandt die gleiche Bedeutung wie die Malerei. Zum einen lag es an seinem Ideenreichtum, die Kupferplatte mannigfach zu bearbeiten, auf die er seine ganze Meisterschaft legte. Diese Technik fand nicht nur bei seinen Zeitgenossen großen Anklang, sondern hatte Einfluss bis in die moderne bildende Kunst. Zum anderen lag es in der Natur der Druckgrafik, dass sie vervielfältigt werden konnte und so eine zusätzliche Einnahmequelle bot. Sein privates Glück oder auch sein finanzieller Wohlstand sollten nicht von Dauer sein. Die Lebensgefährtin seiner zweiten Lebensphase, Hendrickje Stoffels, stirbt 1663, wie auch sein Sohn Titus 1668. Die besonderen Lebensumstände in Rembrandts Biographie, er geriet in Schulden, seine Gläubiger verkauften sein Haus und seine Sammlungen wurden versteigert, führten dazu, dass er, als er 1669 starb, nur ein paar Kleider und seine Malutensilien hinterließ.

„Rembrandt: Landschaftsradierungen“, Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main, geöffnet bis 24. Oktober. Zur Ausstellung ist kein Katalog erschienen.