Nachdenken über die Natur Gottes

An mehreren Universitäten: Analytische Theologie im Christologie-Projekt. Von Barbara Stühlmeyer

Wer ist Gott und wie kann man vernunftgemäß über ihn reden? Eine große Frage, die eine Fülle weiterer hervorruft, weshalb sie im Rahmen eines Internationalen Forschungsprojektes mit dem Titel „Nature of God“ seit Dezember 2015 an einer Reihe von Universitäten, darunter an der Katholisch-Theologischen Fakultät Innsbruck, der Hochschule für Philosophie München und der Universität Regensburg thematisiert wird.

Aus katholischer Perspektive kann die Natur Gottes, wenn auch nie vollständig, nur im Blick auf Jesus Christus begriffen werden. Deshalb finden im Juni und September an der Universität Paderborn und der Katholischen Akademie Schwerte im Rahmen des Teilprojektes „Analytic Christology“ ein allen theologisch Interessierten zugänglicher Workshop, ein Abendvortrag und eine Konferenz statt, die sich mit den Themen der menschlichen und göttlichen Natur Christi und der Sündlosigkeit und menschlichen Perfektion in Islam und Christentum auseinandersetzen. Das von der John Templeton-Stiftung geförderte Forschungsprojekt wird von Johannes Grössl von der Universität Siegen sowie Professor Klaus von Stosch von der Universität Paderborn geleitet und geht der Kernfrage nach, wie das Verhältnis der zwei Naturen Jesu Christi zu verstehen ist. Hätte er, der wahrhaft Mensch und wahrhaft Gott ist, und, wie der Hebräerbrief betont, wie wir in Versuchung geführt wurde, ihr wirklich erliegen können? Der Workshop „Menschliche und Göttliche Natur(en) Christi“ an der Universität Paderborn hatte sich soeben mit diesem Thema beschäftigt.

Der Referent, Timothy Pawls, Associate Professor of Philosophie an der University of St. Thomas in Minnesota USA, der über die Wahrheitstheorien im Thomismus promoviert hat und zwei Monografien zur Denkbarkeit der christlichen Zweinaturenlehre verfasste, stellte den Teilnehmern des in englischer Sprache stattfindenden Intensivtages als Arbeitsgrundlage zwei noch unveröffentlichte Kapitel seines zweiten Christologiebuches zur Verfügung. Eine Ursache für das Wegbrechen der Fähigkeit zu grundlegenden Debatten ist das zunehmend defizitäre Sprachvermögen. Nehmen wir etwa das Thema „Sündlosigkeit oder Unsündlichkeit Christi – zur Denkbarkeit der Zwei-Naturen-Lehre“, dem Johannes Grössl sich im Januar diesen Jahres in einem öffentlichen Vortrag an der Universität Würzburg stellte. „Ist Unsündlichkeit ein deutsches Wort?“, fragte ein an der Thematik durchaus Interessierter. Es „wurde von neuscholastischen Autoren so verwendet, aber ist natürlich sonst nicht gebräuchlich“, antwortet der Wissenschaftler. „Impeccantia wird dort als Sündlosigkeit, impeccabilis als Unsündlichkeit übersetzt.“ Und er verweist auf das Englische, das dank seiner Nähe zum Lateinischen die Unterscheidung zwischen sinlessness und impeccability noch kennt.

Sündlosigkeit und menschliche Vollkommenheit sind Themen, die auch im jenseits tagesaktueller Fragen geführten interreligiösen Dialog relevant sind. Deshalb beschäftigt sich die ebenfalls für alle theologisch Interessierten offene Konferenz als vierter Teil des Workshopclusters vom 4. September 12.30 Uhr bis zum 5. September um 15.00 Uhr in der Katholischen Akademie Schwerte mit genau diesem Thema. Hierzu kann man sich im Sekretariat unter siepmann@akademie-schwerte.de anmelden. Denn die Frage, ob ein Mensch jenen Grad von Vollkommenheit erlangen kann, den man in der katholischen Kirche mit dem Begriff Heiligkeit assoziiert, die das Ziel jedes christlichen Lebens ist, ist auch für den Islam von Interesse. Hier ist keineswegs nur von nachahmenswerten Persönlichkeiten die Rede. In der schiitischen Imamologie wird vielmehr eine engagierte Debatte darüber geführt, ob ein wahrhaftiger Mensch sündlos sein kann oder ob es denkbar ist, dass ihm die Fähigkeit, zu sündigen, völlig fehlt.

Für Christen kann der Austausch der Standpunkte innerhalb dieses Themenbereiches durchaus erhellend sein, hilft er doch, tiefer in die Fragen um die scheinbare Inkompatibilität von sündiger menschlicher und unsündlicher göttlicher Natur einzutauchen. Für Muslime wiederum ist es erhellend, das Vollkommenheitsideal ihrer Religion vom Begriff der Heiligkeit her zu denken. Der Zuschnitt der Veranstaltung als Kooperationsprojekt des Fachbereichs Systematische Theologie des Seminars für Katholische Theologie der Universität Siegen sowie der Professur für Systematische Theologie und ihre Didaktik am Institut für Katholische Theologie der Universität Paderborn und der Katholischen Akademie Schwerte sorgen ebenso für die notwendige Vernetzung der mitdenkenden Kräfte wie die Empfehlung der Veranstaltung als Trainingsfeld für Nachwuchswissenschaftler im Austausch mit theologisch Interessierten. Die Tagungssprache ist Englisch und neben den Konferenzleitern Johannes Grössl, Klaus von Stosch und Ulrich Dieckman können die Teilnehmer als Referenten Mohammad-Taghi Ansaripour sowie Muhammad Legenhausen, beide aus Qom und Jeffrey Silker aus Los Angeles erleben.

Die Teilnahme gerade intellektueller Katholiken an Projekten dieser Art kann wesentlich dazu beitragen, der Kirche hierzulande jenseits zeitgeistorientierter Alltäglichkeiten wieder eine profilierte Stimme zu geben. Denn ungeachtet manch einer unbedachten Äußerung gilt ja immer noch der Grundsatz: Erst denken, dann reden.