Nach der Unendlichkeit streben

Schwermütig, und doch voll religiöser Empfindung: Zum 175. Todestag des Malers Caspar David Friedrich. Von Susanne Kessling

Caspar David Friedrich: „Selbstporträt“, um 1800. Foto: IN
Caspar David Friedrich: „Selbstporträt“, um 1800. Foto: IN

„Warum die Frag ist oft an mich ergangen, wählst Du zum Gegenstand der Malerei so oft den Tod, Vergänglichkeit und Grab? Um ewig einst zu leben, muss man sich oft dem Tod ergeben.“ Mit diesen prägnanten Sätzen hat Caspar David Friedrichs seine Auffassung von Kunst auf den Punkt gebracht, zugleich auch das Lebensgefühl der deutschen Romantik. Für ihn war neben einer gewissen Rückschau, man möchte fast von Todessehnsucht sprechen, vor allem der Mensch in der einsamen Natur ein wesentlicher Bestandteil für seine Sujets.

Für die Nachwelt lebt Caspar David Friedrich in seinen Gemälden von unschätzbarem Wert fort. In dem Dualismus von Endlichkeit und Unendlichkeit, in der Begrenzung und Weite lag das Denken seiner Zeitgenossen. Die Vorstellung, dass sich in der Schöpfung das Göttliche zeigt, beseelte jeden Teil der Natur und damit vice versa auch seine Bilder. August Wilhelm Schlegel verglich den stummen Dialog von Mensch und Natur mit der Kommunion. Ähnlich sakral mutet auch die Wirkung von Friedrichs Bildern an. Wir befinden uns in der Zeit der Frühromantik. Die Zeitschrift „Athenäum“ ist das Organ für die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel sowie für Novalis und Johann Gottlieb Fichte. Der Mensch als Gottes Schöpfung und in seiner Natur, die Rückbesinnung auf Mythen und die Suche nach dem Göttlichen in der Kunst, sowie auch eine zunehmende Wertschätzung volkstümlicher Kultur: So lässt sich die Geisteshaltung knapp umschreiben. Sie löst die rein rational sich verstehende Zeit der Aufklärung ab.

Caspar David Friedrich, der Maler aus dem Norden, stand der Italiensehnsucht seiner Zeitgenossen kritisch gegenüber. Er wollte sich nicht sklavisch der Kunst der Renaissance unterwerfen, oder sie wie Overbeck in dem Gemälde „Italia und Germania“ idealisieren. In seinen schriftlich niedergelegten Bekenntnissen zur Kunst spricht er davon, dass es deren Aufgabe sei, „als Mittlerin zwischen die Natur und den Menschen zu treten“. Die höchste Wertschätzung war für ihn, „von einem Gemälde zu sagen, es sei so schön, als wenn es Natur wäre“.

Wie wächst dieser Ausnahmekünstler auf? Was prägt ihn? Wie schlägt sich die Rezeption seiner Werke nieder? Caspar David Friedrich wird am 5. September 1774 im damals noch schwedischen Greifswald als sechstes von zehn Kindern in einem streng protestantischen Elternhaus geboren. Der Vater war ein Seifensieder und Kerzenzieher. Schon früh stirbt die Mutter, ein tiefgreifendes Erlebnis. Dann, im Jugendalter, rettet ihn der um ein Jahr jüngere Bruder vor dem Ertrinken auf einem gefrorenen See und bezahlt dadurch mit seinem eigenen Leben. Rühren daher nicht auch die Todesmelancholie und Schwermütigkeit von Friedrich? Johann Gottfried Quistorp unterweist den Jungen im Zeichnen und Malen. 1794 studiert der Zwanzigjährige in Kopenhagen und geht anschließend nach Dresden. In diesem Zentrum setzen die Dichter um Schlegel, Tieck und Novalis die von Fichte und Schelling gesetzte geistige Grundlage der Romantik in Poesie um. Ein Ideal wurde angestrebt, in dem Dichtkunst, Musik und Religion vereint werden und Zeugnis abgeben sollte vom Menschen in seinem engen Verhältnis zur göttlichen Natur.

Philipp Otto Runge trifft 1802 in Dresden ein, Friedrich und er kannten sich bereits schon aus der Zeit in Greifswald. Sogar dem bekanntlich eher der klassischen Kunst zugeneigten Goethe gefallen zwei Zeichnungen in Sepia, die der Maler auf einer Ausstellung Weimarer Kunstfreunde zeigt. Es kommt im September 1810 sogar zu einer Begegnung der beiden. Ein aktueller Roman von Lea Singer erfüllt dieses Zusammentreffen mit Leben. In der „Anatomie der Wolken“ wird kenntnisreich und interessant die Welt des aus großbürgerlichen Verhältnissen stammenden Dichterfürsten und des Malers aus einfachen Verhältnissen belebt. Caspar David Friedrich lehnte den von Goethe formulierten Wunsch nach einer wissenschaftlichen Untersuchung von Wolken ab, da er sie nicht mit der bildenden Kunst in Einklang bringen wollte. Ein Bildnis von „Caspar David Friedrich in seinem Atelier“ in der Pirnaischen Vorstadt in Dresden, von Georg Friedrich Kersting von 1819, zeigt den Maler in einem nahezu kahlen Raum vor einer Staffelei. Nur eine Palette an der Wand, ein Lineal und eine Reißschiene, die für die Malerei notwendigen Utensilien, das ist alles. Nichts sonst stört die Konzentration und belegt, dass die Landschaft „bei Friedrich nie einfache Naturnachahmung, sondern Resultat eines komplizierten Wechselspiels von Seheindruck und Reflexion“ war, bemerkt Norbert Wolf in seiner Monographie über Friedrich.

Erste Erfolge feiert der Maler in einer Ausstellung der Akademie in Berlin. Seine „Klosterruine im Eichenwald“ und der „Mönch am Meer“ werden vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. angekauft. Clemens von Brentano soll über den „Mönch“ 1810 in den Berliner Abendblättern zu seinen „Empfindungen vor Friedrichs Seelenlandschaft“ sagen: „Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis.“ Er preist die „apokalyptische Einförmigkeit“. Tatsächlich bricht das Gemälde mit der bis dahin üblichen Tradition der perspektivischen Tiefe. Die Weite des Meeres wird unermesslich, da es keine Begrenzung oder Gegenstände gibt, die in Relation gesetzt werden könnten. Einzig der Mensch sieht sich, klein und unscheinbar, mit der Unendlichkeit konfrontiert. Die Natur wird zum Sinnbild des Göttlichen, das sich als Mysterium offenbart. Zahlreiche Reisen und Wanderungen führen Caspar David Friedrich nach Nordböhmen, Neubrandenburg, Greifswald und Rügen. Doch nach Italien, dem Sehnsuchtsland fast jeden deutschen Künstlers der Romantik, verschlägt es den Maler nie.

Als Mitglied der Berliner und der Dresdener Akademie und dem Bezug eines festen Gehaltes kann Friedrich 1818 Caroline Bommer heiraten. Er ist inzwischen 44 Jahre alt und ehelicht die 19 Jahre Jüngere, über die man nicht viel weiß. Fest steht aber, dass sich von nun an Frauendarstellungen in seinem Werk häufen, wenngleich Porträts eher die Ausnahme bilden. Charakteristika von Friedrichs Gemälden sind Rückenfiguren vor grandioser Kulisse, wie beispielsweise in seinem wohl bekanntesten Bild, den „Kreidefelsen auf Rügen“ von 1818. Es entstand während seiner Hochzeitsreise im Sommer und zeigt die Klippen von Stubbenkammer und durfte in keinem Schulbuch fehlen. Beim „Wanderer über dem Nebelmeer“, um 1818, wirkt der sich auf seinen Stock stützende Mann verloren im Naturerlebnis des Wolken- und Nebelschauspiels, das sich ihm bietet. Der Betrachter wird förmlich in die Kulisse mit hineingezogen und hat Teil an der vergeistigten Landschaft. Es ist die Zeit Europas unter Napoleons Herrschaft. Die Entwicklung einer patriotischen Bewegung wird durch die Verbitterung über die französische Besatzung hervorgerufen und verstärkt. „Als Napoleon besiegt war und Metternich nach dem Wiener Kongress 1815 die gesellschaftliche Restauration etablierte, waren die Träume der Frühromantik ausgeträumt“, so Norbert Wolf in seiner Abhandlung über Friedrich. Mehr und mehr zieht sich der Maler zurück.

Ein Bild voller Symbolkraft ist das 1821 entstandene Gemälde „Eismeer“. Es ist von den Nordmeerexpeditionen Edward Perrys von 1819 und 1820 angeregt. In der Zeit der politischen Restauration und den brüchigen politischen Verhältnissen ist gleichzeitig die Hoffnung auf einen Neuanfang angelegt. Zugleich nimmt der Betrachter es als das bestürzende Erlebnis des jungen Caspar David wahr, der seinen Bruder bei der Rettungsaktion am zugefrorenen See verlor. „Der Charakter des schrecklich Erhabenen transformiert die Natur der Polarwelt zum Stimmungsgefäß menschlicher Gefühle“, schreibt Wolf.

Von Caspar David Friedrich sind neben dem eingangs zitierten Satz zu seiner Themenwahl auch andere Bekenntnisse zu seinem Kunstschaffen überliefert. Zu der Anordnung oder den Proportionen seiner Kompositionen bemerkt er: „Nichts ist Nebensache in einem Bilde, alles gehört unumgänglich zum Ganzen, darf also nicht vernachlässigt werden. Wer dem Hauptteile seines Bildes nur dadurch Wert zu geben weiß, dass er andere, untergeordnete Teile in der Behandlung vernachlässigt, mit dessen Werk ist es schlecht bestellt...“ An anderer Stelle heißt es: „...beobachte die Form genau, die Kleinste wie die Große, und trenne nicht das Kleine vom Großen, wohl aber vom Ganzen das Kleinliche“. „Erhebung des Geistes“ und „religiöser Aufschwung“ waren die geforderten Postulate, die Friedrich an ein Kunstwerk stellte.

Die Werke Caspar David Friedrichs bleiben weitgehend singulär. Sein Einfluss zeigt sich auf den norwegischen Maler Christian Clausen Dahl und auf Carl Gustav Carus. Dahl war wie Friedrich an der Akademie von Kopenhagen zum Landschaftsmaler ausgebildet worden. Er zog 1823 sogar in dessen Wohnhaus in Dresden. Carus, Naturphilosoph, Arzt und Maler, wurde von Friedrich beeinflusst und bereiste mit ihm Rügen. Ludwig Richter dagegen bemerkt in seinem Tagebuch: „Mir scheint die Auffassungsweise Friedrichs auf einen Abweg zu führen... Friedrich fesselt uns an einen abstrakten Gedanken, gebraucht die Naturformen nur allegorisch, als Zeichen und Hieroglyphen, sie sollen das und das bedeuten.“ Maler wie Carl Friedrich Lessing, Ernst Ferdinand Oehme oder Carl Blechen greifen das Vokabular Friedrichs mit seiner traumartigen und phantastisch anmutenden Ikonographie auf. Doch es fehlt ihnen jegliche Anmutung einer religiösen Empfindung.

Im Juni 1835 erleidet Friedrich einen Schlaganfall, von dem er sich nur mühsam erholt. Er geht zur Kur nach Teplitz und beginnt langsam wieder zu malen, bis ihn ein neuerlicher Schlaganfall fast vollständig lähmt. Am 7. Mai 1840 stirbt Caspar David Friedrich und wird auf dem Trinitatisfriedhof in Dresden bestattet.

Sein Wirken auf die Kunst des 20. Jahrhunderts ist immens. Beispielsweise prägt die Entgrenzung des Raumes, wie er sie im „Mönch am Meer“ gefunden hatte, die Werke des Amerikaners Mark Rothko. Auch Gerhard Richters „Seestück“ von 1975 trägt dieses Signum. Bereits die dadaistischen und surrealistischen Arbeiten von Max Ernst greifen Motive wie beispielsweise die Bäume Friedrichs auf und zeigen die Figuren ähnlich rätselhaft wie bei dem Romantiker. Doch trotz aller Vergeistigung in den Sujets, die sich als Parallele in den Werken der Moderne finden lassen, fehlt ihnen die Religiosität der Werke Friedrichs.