Nach der Traumzeit

Vor einem Jahr hat sich die australische Regierung bei den Aborigines für die Verbrechen der Vergangenheit entschuldigt – Dennoch stehen die Ureinwohner

im heutigen Australien am Scheideweg zwischen Assimilation und Verlorenheit – Wie ihnen die Kirche dabei hilft, sich nicht zu verlieren

„Rassismus“ schreibt Melissa Bricknell von der katholischen Jugendfürsorge in Melbourne wortlos auf das Papier, als sie nach dem Grund für die immer noch immensen Schwierigkeiten von Aborigines im heutigen Australien gefragt wird. Sie ist selbst eine Angehörige des Koori-Volkes, das im Süden Australiens lebt. Eine moderne, gebildete Frau, deren Kinder studieren. Repräsentativ ist sie indes nicht. Etwa 300–400 000 Aborigines gibt es noch. Australien hat eine Gesamtbevölkerung von 21 Millionen. Doch ist die Lage vieler Aborigines nach wie vor schwierig. So liegt die Lebenserwartung 20 Jahre unter der weißer Menschen. Die Arbeitslosigkeit liegt mit etwa 38 Prozent weit über dem Landesdurchschnitt von sechs. Besserung kommt nur langsam.

Dabei war 2008 das Jahr der Aborigines. Zuerst die Entschuldigung des neuen Premierministers Kevin Rudd für das Unrecht, das sie in Jahrhunderten erleiden mussten. Am 13. Februar 2008 sagte er: „Wir entschuldigen uns für die Gesetze und die Politik der verschiedenen Parlamente und Regierungen, die diesen unseren australischen Mitbürgern tiefe Trauer, Leid und Verluste zugefügt haben.“ Nicht nur den Aborigines standen Tränen in den Augen. Im Juli dann der Weltjugendtag, der die Aufmerksamkeit der Welt auf die Situation der Aborigines lenkte. Exotische Bilder von Eingeborenen und dem Papst gingen um die Welt. Selten wurde ihnen und ihrer Kultur so viel Respekt bezeugt. Denn bis 1967 durften sie noch nicht einmal wählen. Im Staat New South Wales etwa wurden ihre Angelegenheiten bis dahin über den „Flora and Fauna Act“ geregelt. Menschen auf der Ebene von Pflanzen und Tieren. Sie fristeten ihr Dasein als billige Farmarbeiter und rechtlose Hausmädchen der weißen Mittel- und Oberschicht. Bis 1970 wurden sie häufig ihrer Kinder beraubt. Legal und staatlich autorisiert kamen Polizisten am helllichten Tag in ihre Siedlungen, um die Kinder in Schulen und Heimen oft am anderen Ende des Landes unterrichten zu lassen. Der Film „Australia“, der vor kurzem in deutschen Kinos lief, erzählt davon. Ziel war es, sie vom schädlichen Einfluss ihrer als minderwertig betrachteten Kultur zu bewahren. Als „Stolen Generation“, gestohlene Generation, sind die Schicksale dieser Kinder – Opferverbände sprechen von über 100 000 Fällen – in die australische Geschichte eingegangen.

Und die begann für die weißen Entdecker erst 1788. Australien, das war Terra nullius, Niemandsland. Dass Menschen bereits seit 50 000 Jahren auf dem Kontinent lebten, war ohne Bedeutung. Sie galten als Wilde. Entsprechend wurden sie behandelt. Wie Vieh wurden sie zu Zehntausenden erschossen. Schon Captain Cook, der Entdecker des Kontinents, ließ pockenverseuchte Decken an die Eingeborenen austeilen. Zahllose wurden dahingerafft. Mit Gewehren gingen weiße Siedler auf Menschenjagd. 1838 massakrierten ein paar Engländer in Myall Creek Männer, Frauen und Kinder zu Dutzenden. Erstmals wurden sie dafür – von einem katholischen Richter – belangt. Die Rechtlosigkeit der Ureinwohner sollte aber noch viele Jahrzehnte andauern.

„Ich bin 1988 aus Südafrika weggegangen. Das war zur Zeit des letzten repressiven Aufbäumens des Apartheid-Regimes. Ich bin Weißer. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, wie die Schwarzen behandelt wurden. Als ich dann 1990 nach Australien kam, war ich schockiert: Auch hier gab es Bürger zweiter Klasse.“ Michael Johnson ist Journalist beim liberalen „Sydney Morning Herald“. Er berichtete für Sydneys größtes Blatt vom Weltjugendtag. Johnson: „Ich stehe der katholischen Kirche sehr kritisch gegenüber. Aber ihr Engagement für die Ureinwohner ist bemerkenswert.“

Die katholische Kirche und die Aborigines: Das ist die Geschichte einer Anwältin und ihres Klienten. 1992 wurde NATSICC gegründet. Der Rat vertritt die katholischen Aborigines auf der Ebene der Bischofskonferenz. Immerhin ist jeder fünfte Ur-Einwohner katholisch. Michael Putney, Bischof der nordostaustralischen Diözese Townsville, ist mit 415 Pilgern zum Weltjugendtag nach Sydney gekommen. 50 davon waren Aborigines. Es gibt viele in seinem Bistum. „Die Kirche hat sich von Anfang an um sie gekümmert. Es sind sehr spirituelle und religiöse Menschen. Sie haben das Evangelium deswegen leicht angenommen. Wir waren Missionare. Jetzt sind wir Anwälte ihrer Rechte. Die Kirche ist ihr Partner. Wir kämpfen gegen den Rassismus. Das Gesetz hat sie gleich gemacht. Die Gesellschaft hat das aber immer noch nicht akzeptiert.“

Davon weiß Sylvia Brown aus eigener leidvoller Erfahrung: „Ich war froh, als seit den 70ern dunkelhäutige Menschen nach Australien kamen“, sagt die resolute Mittfünfzigerin, die heute bei der katholischen Kinderfürsorge für Aborigines in Melbourne arbeitet. „Da war ich wenigstens nicht mehr die Einzige, der in Melbourne auf der Straße nachgeschaut wurde, weil sie schwarz war.“ Ob sie sich als Australierin fühle. „Ja“, sagt sie mit Nachdruck, „als indigene Australierin.“

Erst langsam beginnen sich die Ureinwohner mit dem Land zu identifizieren, das bis in die fünfziger Jahre seinem eigenen Selbstverständnis zufolge ein weißes, angelsächsisches Land war. „Come, let's build a new Britain“, lasst uns ein neues Britannien bauen, steht auf den Werbeplakaten, die im Immigrationsmuseum in Melbourne ausgestellt sind. Angesprochen waren Engländer und Schotten, die der Armut und Enge der britischen Inseln nach dem ersten Weltkrieg entfliehen sollten, um in die Weiten des Kontinents unter dem südlichen Sternenhimmel zu kommen. Für Aborigines war in diesem Verständnis von Nation kein Platz. „We bring the black out of you“, wir treiben euch das Schwarze aus, war einer der rassistischen Slogans. Um ihn zu verwirklichen, wurden Ehen zwischen weißen Männern und indigenen Mischlings-Mädchen arrangiert. Den sozialdarwinistischen Ideen der Zeit entsprechend nahm man an, dass sie noch am ehesten zivilisiert werden könnten.

Offener Rassismus ist heute selten geworden. Latente Ablehnung hingegen prägt das Verhältnis der weißen Mittelschicht zu den Ureinwohnern nach wie vor. Ein Beispiel dafür ist die freundliche ältere Dame, die mit ihrer ebenso gut gekleideten Freundin eine Reise zum Ayers Rock unternommen hat – dem Uluru der Aborigines, wie der heilige Berg im Herzen Australiens jetzt politisch korrekt heißt. „Oh nein, ich habe nichts gegen Aborigines“, meint sie, als sie den legendären Sonnenuntergang vor dem Wahrzeichen Australiens erwartet. „Aber die meisten sind faul und kriminell. Bei uns in Freemantle wurde eine Frau auf offener Straße mit dutzenden Messerstichen getötet. Von einem Aborigine. Er war betrunken und wollte ihre Handtasche. Das Schlimme ist: Sie machen uns Weiße für seine Tat verantwortlich.“

Margaret Ardley stimmt dem zu. Die Schuld dafür sieht sie aber bei den Weißen. Die in Melbourne tätige weiße Juristin sitzt unter den Zuschauern im Royal Court in Melbourne. Es geht um einen Einbruch. Der Angeklagte – ein Aborigine – plädiert auf schuldig. „In manchen Gefängnissen machen die Aborigines 90 Prozent der Insassen aus. Wir haben sie dazu gemacht.“ Sie ist tätig als Verteidigerin straffälliger Kinder, auch vieler Aborigines. „Früher gab es in den Gerichtssälen oft unschöne Szenen. Die Richter wiesen die Angeklagten zurecht, weil sie sie nicht ansahen. Dabei gilt genau das in ihrer Kultur als unhöflich.“ Aber es gibt Fortschritte. So besteht seit einiger Zeit der Koori Children's Court. Anders als in herkömmlichen Verfahren gegen Jugendliche sitzen dort „Elders“ dem Verfahren vor. Diese Älteren spielen in der Eingeborenen-Kultur eine große Rolle. Sie sind natürliche Respektspersonen. Es kommt dies aus einer Zeit, als man auf das Wissen der Älteren angewiesen war, um zu überleben. Anders auch als in den britischer Tradition entstammenden Gerichtssälen sitzen die Richter nicht hoch erhoben auf einem Podest, sondern mit dem jungen Delinquenten an einem Tisch. „Das ändert atmosphärisch viel.“ Doch es sind nur kleine Zeichen der Anerkennung, die vor allem unter dem jetzigen Premier Kevin Rudd vorankommen. Unter der national-liberalen Vorgängerregierung von Premierminister John Howard war das anders. „Das war ein typischer Abkömmling der aus England importierten Public-School-Erziehung. Versnobt, ohne Sensibilität für die Probleme des Landes. Er war davon überzeugt, dass Australien ein weißes Land ist. Für eine Entschuldigung bei den Aborigines sah er keinen Grund.“

Aborigines in den großen Städten des Südens: Sie versuchen, modernes Leben und traditionelle Kultur zu vereinbaren. Gesellschaftliche Ächtung und Benachteiligung kennt die jüngere Generation dort kaum noch. Anders in der Mitte und im Norden des Landes, im Northern Territory. Quer über den Kontinent muss fliegen, wer in Australiens staubtrockenes Herz gelangen will. Der Flug von Sydney lässt die unermesslichen Weiten des Kontinents erahnen. Die saftigen grünen Wälder fransen bald aus und gehen über in die rot-braune Erde, die Australiens Charakteristikum bildet: das Outback.

Sein Zentrum ist Alice Springs. Die öde Stadt in der Mitte Australiens ist Anziehungspunkt für Backpacker und Rucksacktouristen aus aller Welt. Tourismus bestimmt den Ort. Eingeborenenkunst mit ihren Motiven von Schlangen und Krokodil – Wesen der mythischen Traumzeit, die die Schöpfung der Welt erklärt – bildet das Angebot vieler Geschäfte entlang der gesichtslosen Hauptstraße. An der Seite kauern Aboriginesfrauen. Ärmlich und verwahrlost sehen sie aus. Es ist eine Begegnung mit einer fremden Kultur. Sie sehen einem nicht in die Augen, wenn man sie nach den Preisen der Bilder fragt, die sie verkaufen. Viele der jüngeren sprechen kaum Englisch. Anders als die ältere Generation besuchen sie die Schule nur unregelmäßig. Alice Springs: Nirgends wird einem die Verlorenheit der Aborigines in der modernen Kultur deutlicher vor Augen geführt. Weiße fahren in dicken Jeeps durch die Straßen und wohnen in gepflegten Einfamilienhäusern. Aborigines kommen aus der Trostlosigkeit ihrer umliegenden Camps in die Stadt, um Kunstwerke zu verkaufen – oder zu trinken. Hässliche Szenen spielen sich nachts ab. Der öffentliche Alkoholkonsum ist strafbar in Alice. Polizisten nehmen deshalb betrunkene Eingeborene fest und sperren sie in die Käfige auf ihren Pickups. Bei dem Handgemenge fallen unschöne Worte gegen die Polizisten. Inmitten ihres angestammten Landes sind sie Fremde geworden.

„Dirt road“ heißt die unbefestigte Straße, die nach Santa Teresa führt. 100 Kilometer südöstlich von Alice Springs. Der Jeep wirbelt riesige Staubwolken auf. Gewaltige Schlaglöcher erfordern volle Konzentration. Während der zweistündigen Fahr begegnet kaum ein Auto. Ohne Passierschein darf man das Gebiet des Aranda-Volkes nicht betreten. Ein großes Schild warnt vor der Einfuhr von Alkohol und Pornografie. Empfindliche Geldstrafen werden fällig. Zu groß waren die Verwüstungen in der Gemeinschaft, die beide anrichteten. Plötzlich taucht ein weißes Kreuz am Horizont auf einem Berg auf. Zu seinen Füßen liegt die Siedlung. Die Wellblechdächer der Häuser glänzen in der Mittagssonne. Mitten im Nirgendwo. Pater Michael Loke ist Steyler Missionar. Er stammt aus Indonesien. Seit Weihnachten 2007 ist er Pfarrer der 600 Seelen des Ortes, der aus einer Missionsstation der 20er Jahre hervorgegangen ist. Ausschließlich katholische Aborigines leben hier. Sonntags kommen indes nur 40–50 Leute zur Messe. Unter der Woche sind es oft nur sechs. Hauptsächlich Frauen. „Es ist nicht einfach, mit den Leuten in Kontakt zu kommen“, meint Pater Michael. „Sie sind sehr verschlossen.“ Tatsächlich werden Grüße nicht erwidert. Die Frauen schauen scheu weg. Pater Michael führt durch die Kirche. Bilder stellen Jesus und Maria mit den Zügen der Eingeborenen dar. „So können sie Jesus als einen von ihnen sehen.“ Überhaupt bemüht sich Pater Michael, Evangelium und traditionelle Spiritualität zu verbinden. „Sie finden Zugang zur Bibel etwa durch die großen Traumgeschichten, die dort geschildert werden. Jakobs Gottesleiter etwa. Sie denken dabei an die Traumzeit-Erzählungen ihrer Vorfahren und erkennen: Gott ist uns nahe.“ Auf die Frage, ob nicht die Gefahr des Synkretismus bestehe, meint Michael lachend: „Ein bisschen mischen die Leute schon. Sie nehmen es nicht so genau mit allem. Gottesdienst und der Besuch von Medizinmännern mit ihren magischen Praktiken stehen nebeneinander.“

Den Weg der Inkulturation hält er aber für unumkehrbar. „Papst Johannes Paul II. hat Alice Springs 1986 besucht und den versammelten Aborigines zugerufen: Jesus ruft jeden von euch, seine Botschaft und seine Werte aufzunehmen in eure ureigene Kultur. Auf diesem Weg fortzuschreiten und Euch zu entwickeln, heißt mehr denn je zu wirklichen Aborigines zu werden.“ Der Papst habe in ihrer Kultur nicht nur Aberglauben gesehen, sondern auch spirituelle Wahrheit. „Das ist es, was ich hier tue.“ Dazu lernt er auch Aranda, die Sprache der Eingeborenen dieser Region.

Pater Michael führt in die wenige Schritte von der Pfarrkirche entfernte Schule. Fröhlich spielen Kinder im Pausenhof. „Ihr Lebensprinzip ist es, sich zu erhalten, nicht sich zu verbessern“, weiß Anthony Caddy, Maristenbruder und Manager der katholischen Schule von Santa Teresa. Die Fehlzeiten der Schüler sind enorm. Kaum jemand besucht den Unterricht regelmäßig. „Wir müssen Anreize schaffen“, sagt Bruder Anthony. No school, no pool: Keine Benutzung des Bassins ohne Schulbesuch. „Die meisten verbringen wie ihre Eltern den Großteil des Tages vor dem Fernseher.“ Ehrgeiz und Zukunftsplanung ist der Mentalität der Aborigines fremd. Auf die Universität hat es noch niemand aus dem Ort geschafft. Bruder Anthony macht sich keine Illusionen: „Aborigines leben in zwei Kulturen. Aber sie wissen, dass sie sich anpassen müssen. Der kulturelle Druck ist einfach zu groß. Wir als Kirche tun, was wir können. Aber es geht so langsam.“ Aborigine in Australien zu sein: Das bedeutet, sich entscheiden zu müssen. Die Traumzeit ist endgültig vorbei.