Mysteriöse Unfälle bei Geldgeschäften

„Montecristo“ heißt der neue Roman des schweizer Autors Martin Suter, der die Handlung dieses Mal im Bankenmilieu spielen lässt. Von Susanne Kessling

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Geld und Gold wollen gut verwaltet sein. Foto: dpa
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Geld und Gold wollen gut verwaltet sein. Foto: dpa

Wer hat nicht von der Schweiz bestimmte Bilder im Kopf. Seien es die schneebedeckten Gipfel der Alpen, die mondänen Skiorte, den Exportschlager, nämlich die Schweizer Garde im Vatikan in Rom, oder last – but not least – die Schweiz als Garant eines sicheren, seriösen und gut funktionierenden Finanzplatzes in Europa schlechthin. Unter den eidgenössischen Autoren ist es Martin Suter, der seine Leser immer wieder hinter die Kulissen dieses großen Business blicken lässt. Und, um es vorneweg zu sagen, ihm ist mit seinem neuen Roman „Montecristo“ ein ganz großer Wurf gelungen.

Der Autor ist für seine brillanten und packenden Geschichten bekannt, die einem Thriller gleich, den Leser in ihrer Mischung aus Spannung und großer Dichte gefangen nehmen. Sie sind von hoher Brisanz und spiegeln mit ihren aktuellen Bezügen, wie beispielsweise in „Der Koch“, gesellschaftspolitische Verhältnisse wider. Hierin legte er Wert auf kulinarische Aspekte – aber – und das macht einen „richtig guten Suter“ aus – er stellt die Welt der Börsenhändler, Fondsmanager und Banken in den Mittelpunkt. Auch seine neueste Veröffentlichung spielt in der vermeintlich so sicheren Finanzwelt. Sein Protagonist Jonas Brand arbeitet als Video-Journalist für Highlife, einem Lifestylemagazin, und ist im Rahmen seiner Tätigkeit nach Basel mit der Bahn unterwegs, um über eine Fundraising-Party zu berichten. Plötzlich stoppt der Zug aufgrund eines Personenschadens und Brand, wie immer nah am Geschehen, hält die Reaktionen der mitreisenden Passagiere mit seiner Kamera fest. Seine Bekanntschaft mit Marina Ruiz, einer Frau, die in der Werbebranche tätig ist, scheint vielversprechend. Ihr eröffnet er seine wirklichen Ziele. Er möchte einen Film drehen, den er „Montecristo“ nennt, der aber in heutiger Zeit spielt. Ähnlich wie in der Dumas-Vorlage sitzt ein junger Mann unschuldig hinter Gittern. Dem durch eine Dotcomfirma zu Millionen gekommenen Mann wird bei einer Reise nach Thailand Heroin untergeschmuggelt. Er wird als Dealer verhaftet und kommt ins Gefängnis.

Und dann widerfahren Brand unerwartete und merkwürdige Dinge, die ohne einen Zusammenhang zu sein scheinen, und denen er mit journalistischem Gespür auf den Grund zu gehen versucht. Zunächst entdeckt er zwei Hundertfrankenscheine mit identischer Seriennummer, dann wird in seiner Wohnung eingebrochen, schließlich wird er überfallen und ausgeraubt. Er sucht Max Gantmann auf, einen Kollegen, der als Wirtschaftsredakteur arbeitet und zeigt ihm die beiden Hunderter mit der gleichen Nummer. „Gib sie so schnell wie möglich aus“, riet er (Max Gantmann) Jonas, „das ist nichts fürs People-Business.“

Dann ereignen sich weitere mysteriöse Unfälle. Da kommt Pedro Birrer bei einem Autounfall ums Leben, nachdem an seinem Fahrzeug manipuliert worden war. Er war seit zwanzig Jahren bei der GCBS als „Mann für alle Fälle“ angestellt. Die GCBS ist die Bank, deren immense Anzahl an Doppelnummerierungen von Geldscheinen er schreddern sollte. Er war der Versuchung erlegen und hatte sich immer wieder von dem zu vernichtenden Geld genommen, so dass im Laufe der Zeit hunderttausend Franken zusammengekommen waren.

Als Jonas Brand das im Zug gedrehte Video für seine Reportage bearbeiten möchte, stößt er auf weitere Details, die die Zweifel erhärten, dass es sich bei dem Verunglückten Paolo Contini nicht um einen Selbstmord handelte. Ein Besuch bei der Witwe nährt noch seinen Verdacht. Contini, bei der GCSB angestellt, hatte sich mit hohen Summen verspekuliert.

Noch während seiner brisanten Recherche um den Todesfall Contini erfährt Brand, fast aus heiterem Himmel, dass Moviefonds sein Projekt „Montecristo“ fördern will und die Gelder dafür bereitstellt. Ohne zu Zögern nimmt Brand das Angebot an und fliegt zu Dreharbeiten nach Thailand. Wie immer ist es Max Gantmann, der ihm die Brisanz, die die Realisierung des Filmes mit sich bringt, vor Augen führt. Hinter Moviefonds stecke GBCS, deren führende Köpfe Brand von seiner weiteren Recherche um den tragischen „Unfall“ abhalten wollen. Zunächst glaubt Jonas Brand Max Gantmann nicht und schilt ihn einen Verschwörungstheoretiker. Doch er entdeckt in seinem Filmequipment einen Beutel mit weißem Pulver und kann ihn gerade noch in der Toilette entsorgen, als die thailändische Polizei auftaucht. Erst jetzt werden ihm die Zusammenhänge klar. Fast hätte ihn das gleiche Schicksal wie seinen Protagonisten in „Montecristo“ ereilt, und er wäre unschuldig hinter Gittern gelandet. Brand steht vor der Entscheidung. weiterhin sein Filmprojekt „Montecristo“ voranzutreiben, oder im Fall Contini zu recherchieren. Er entscheidet sich für seinen lange gehegten Traum und damit für „Montecristo“. Über seinen Bankberater von der GCBS, Herrn Weber, den die Bank fristlos entlassen hatte, kommt Jonas Brand an einen Mitarbeiter von Coromag, der Druckerei, die für das Drucken der Banknoten verantwortlich zeichnet. Er war langjähriger Mitarbeiter und verlor seinen Arbeitsplatz aufgrund einer Restrukturierung im Betrieb. Das ist für ihn Motivation genug, über die Machenschaften auszuzpacken. „Und das Geld wurde direkt an die GCBS geliefert? Ist das ungewöhnlich?“ „Ungewöhnlich? Und wie! In meinen neunzehn Jahren noch nie vorgekommen. Ich habe einen Freund aus der Produktion gefragt, seinen Namen sage ich nicht, was das für eine Lieferung sei. Und der hat gesagt, Doppelzifferungen. Die Nationalbank lasse in letzter Zeit Doppelzifferungen drucken. Für irgendwelche Tests. Ich habe ihm nicht gesagt, dass die Lieferung nach Nuppingen (d.h. zur GCSB) ging.“

Die Summe, die Continis Spekulationen nach sich zog, war so immens, „dass die GCSB einen Bankrun befürchten musste, falls die Sache ans Licht kam“. Erst als Max Gantmann bei einem Brand in seiner Wohnung ums Leben kommt, sucht Jonas Brand die Polizei auf. Die Kette der Verstrickungen reißt nicht ab.

Der schlüssige und durchaus glaubwürdige sowie logisch konsequente Plot am Schluss von „Montecristo“ lässt den Atem stocken. Er sei an dieser Stelle nicht verraten. Zu sehr würde dies der Spannung den Wind aus den Segeln nehmen. Nur soviel sei an dieser Stelle der Vorhang gelüftet. Es geht nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich, sondern vor allem auch an den Finanzmärkten um Vertrauen. Dies wurde auch beim Zusammenbruch von Lehman Brothers und der damit ausgelösten Krise deutlich. So sagt Hanspeter Anderfeld, im Roman von Martin Suter der Präsident der Schweizerischen Nationalbank: „Glauben Sie nicht, dass ich keine Anrufe der Bank of England bekomme, der Deutschen Bundesbank, des Internationalen Währungsfonds, der Europäischen Zentralbank. Die wissen zwar nichts, aber es gibt Gerüchte. Das Gerücht, Herr Brand, ist der Todesengel der Finanzwirtschaft.“

Die dicht verwebte Erzählstruktur macht „Montecristo“ zu einem Lesevergnügen der besonderen Art. Die Handlung entwickelt Martin Suter mit Hilfe des journalistischen Spürsinns seines Protagonisten Jonas Brand, dessen Enthüllungen den Leser immer tiefer in die Verstrickungen der Finanzwelt eintauchen lassen. Überraschende Wendungen bestimmen das Tempo der Handlung und sorgen dafür, dass der Spannungsbogen aufrechterhalten wird und der Leser den Strudel aus Ungereimtheiten verfolgen kann. Dabei nimmt er den Blickwinkel des neugierigen und enthüllenden Videojournalisten Brand ein und kann dessen Wandlung bis zum überaus überzeugenden Plot am Schluss nachvollziehen.

Martin Suter, Jahrgang 1948, wurde in Zürich geboren. Er arbeitete als Creative Director bis 1991 und entschied sich dann fürs Schreiben. Sein letzter Roman „Die Zeit, die Zeit“ glich einem interessanten Gedankenexperiment. In seinen Business-Class Geschichten zeigt er sein ganzes Insiderwissen der Welt der Finanzen und der Politik.

Martin Suter: Montecristo. Diogenes Verlag. Roman. Hardcover, Leinen, ISBN: 978-3-257-06920-4, EUR 22,90