München feiert Buße

Erstmals mit Marx: Der „Aschermittwoch der Künstler“ in der bayerischen Landeshauptstadt

Festlicher, glänzender dürfte ein Bußtag selten begangen worden sein. Wer am vergangenen Aschermittwoch in München den Dom und im Anschluss daran den Empfang im Bayerischen Staatsschauspiel besuchte, der bekam eine Ahnung von einer Festkultur, wie sie nur eine im Kern barocke, im Kern katholische Stadt zu leisten vermag. Kirche, Kunst und Wissenschaft: sie alle hatten jeweils hohe Repräsentanten entsandt, um gemeinsam mit etwa eintausend geladenen Gästen ein siebenstündiges Künstlerfest zu feiern, von dessen schlichtem inneren Glanz die, die dabei sein durften, wohl noch lange zu erzählen wissen werden. Die Feiern der vergangenen Jahre, die der bescheiden im Hintergrund anwesende Kardinal Wetter über Jahre in München etabliert hatte, waren nüchterner, kleiner, mehr von Einkehr geprägt. Jetzt kommt Marx – und ihm zu Ehren ist diesmal alles anders.

Nachmittags um vier: Domwächter wachen streng über den Zugang der Ehrengäste ins mit Kordeln abgesperrte Mittelschiff, der Bayerische Rundfunk überträgt live, eine größere Menschenmenge als wohl je im Dom besetzt stehend die Seitenschiffe. Denn die Münchner sind gekommen, ihn zu sehen: Erzbischof Reinhard Marx, der hier sein erstes reguläres Hochamt hält. Der begrüßt denn auch die Feiernden „in seiner Kathedrale“, bevor er rasch klar macht, in welchem Stil er sein neues Amt zu führen gedenkt: Seine Predigt ist überraschend kurz – aber dicht, prägnant, wesentlich.

„Große Kunst hilft zu existenzieller Erschütterung“

„Wenn wir wirklich über unser Menschsein im Tiefsten nachdenken wollen, wenn wir nicht nur einfach dahinleben wollen, sondern auf der Höhe der Möglichkeiten leben wollen, dann müssen wir uns die Frage stellen: Gott oder das Nichts?“ Auf diese einzige zentrale Frage lasse sich die Suche zwischen Glauben und Unglauben zurückführen, für sich beantworten könne sie nur, wer bereit sei, sich einer „existenziellen Erschütterung“ auszusetzen. Und – an die anwesenden Künstler gewandt: „Die große Kunst, glaube ich, hilft uns zu eines solchen existenziellen Erschütterung, die heilsam ist, führt uns vor die großen Fragen unseres Lebens, lässt uns erkennen, was gefordert ist von uns.“ Überraschend persönlich wirkt das: gerade weil da einer nicht bis „auf Tuchfühlung“ herankommen, sondern für seine neuen Gläubigen am tiefsten Grunde ihrer Existenz Verantwortung übernehmen will. Achtzehn Uhr: „Künstlerische Akademie“ im Residenztheater. Wer auch hier strengste Einlasskontrollen überwunden hat, bekommt ein echtes Fastenbuffet – so bescheiden und nahrhaft, dass auch das wieder als Zeichen dient. Der Zeremonienmeister dieses Aschermittwochs, Künstlerseelsorger Pater Georg Maria Roers, schenkt dem neuen Erzbischof eine Radierung des österreichischen Malers Arnulf Rainer: ein changierend blutrotes Kreuz auf weißem Grund. Für den vor allem durch seine komplexen „Übermalungen“ bekannt gewordenen Rainer ist dies eine ungewöhnlich einfache Arbeit – und damit für Marx, der in seiner Predigt das Kreuz als schlichtestes und zugleich abgründigstes Zeichen interpretiert hatte, exakt das richtige Geschenk. Heiter, souverän, sympathisch dankt er denn auch.

Neunzehn Uhr: es gilt der Kunst. Passend zum Anlass hat das Bayerische Staatsschauspiel seit Dezember eine Produktion im Programm, die sich mit Widerstand aus christlichem Geist auseinandersetzt. George Bernard Shaws Komödie „Androklus und der Löwe“ spannt im Kolosseum der Tierhatzen und Gladiatorenkämpfe einen Bogen vom kämpferischen Christentum der ersten Jahrhunderte bis zu dessen Etablierung als Staatsreligion. Vor der Vorstellung jedoch fällt noch der Wissenschaft die Ehre zu, mit der traditionellen, hochrenommierten „Künstlerrede“ ihren Beitrag zum Fest darzubringen. Die Reden der vergangenen Jahre, allesamt zum Thema „Kunst und Religion“ erscheinen in eigenen, hochwertigen Publikationen; heuer fiel die Ehre dem bekannten Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald zu. Dieser knüpft zunächst an Shaws Drama an, wo er den Formen der Verfolgung vom Urchristentum bis zum Nationalsozialismus nachspürt, und rückt von dort aus mit immenser Allgemeinbildung zum Thema vor. Quasi im Negativ zu Marx, der Kunst als Glaubensmittel in seine Predigt eingeführt hatte, verweist der Literaturwissenschaftler auf die Begrenzung der Kunst. Ihre Schönheit erwachse aus dem Wissen um die Vergänglichkeit des Menschen; diese wiederum vermöge nur der Glaube aufzuheben. „Die Kunst schenkt Dauer im Gedächtnis der Menschen, der Glaube Dauer im Gedächtnis Gottes. Und diese Dauer, eingeschrieben zu sein in die Hand des Schöpfers von Anfang an, auch dann, wenn der Mensch glücklos, ungeliebt und unbeachtet durch die Welt und aus dieser Welt geht, ist unabhängig von Menschenbrauch und Menschengedenken.“

Hochbarockes Ineinander von Inhalt und Pracht

Zwanzig Uhr, großes Finale auf der Bühne: Hausherr Dieter Dorn, der es sich als bedeutendster Repräsentant des Münchner Theaterlebens nicht nehmen lässt, das Publikum persönlich zu begrüßen, folgt stilsicher Shaws schwarzem britischen Humor. Ein Theaterwunder: das mehrheitlich gläubige Abendpublikum lacht herzhaft über die verfolgten Christen, über ihre Starrköpfigkeit, ihren missionarischen Eifer, ihre Glaubenszweifel in einer ungläubigen Welt – und nimmt gerade darin zärtlichsten Anteil an ihnen, spiegelt sich in ihnen. Regisseur Dorn entdeckt mit Shaw die Komik in der Religion. Er macht Christentum fröhlich, sympathisch, lebendig, zeitgemäß – und nimmt von dessen grausamer Zumutung kein Jota zurück. „Androklus und der Löwe“ ist ein Fest für die Augen, ein phantastisches, rauschhaftes Spektakel: Mit den versammelten Münchner Staatsschauspielern, über fünfzig Statisten, großer Bühnenmusik und last not least einem riesenhaft tanzenden Löwen (dargestellt von einer Kung-Fu-Akademie) dürfte dies nicht nur die derzeit beste, sondern auch aufwändigste Theaterproduktion Münchens sein. – Und passt damit hervorragend zu diesem „Aschermittwoch der Künstler“, fasst abschließend zusammen, was dieses schlichte und überquellende, sinnhafte und sinnliche Fest ausmacht: Das hochbarocke Ineinander von Inhalt und Pracht.

Nachts um halb elf: München leuchtet. Und es lacht breit und heiter in der ersten Reihe des Theaters sein neuer Erzbischof. Sie werden sich wohl verstehen: er und München.