Moskaus Kampf gegen die Kirche

Am 7. November jährt sich die russische Oktoberrevolution zum hundertsten Mal. Die Folgen des Umsturzes für Christentum und katholische Kirche waren verheerend. Von Professor Rudolf Grulich

100. Jahrestag Oktoberrevolution
Der Winterpalast in St.Petersburg ist anlässlich des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution rot illuminiert. Der Sturm auf das Palais bildete den Auftakt zur Revolution. Ein blutiger Kreuzweg für das Christentum folgte. Foto: dpa
100. Jahrestag Oktoberrevolution
Der Winterpalast in St.Petersburg ist anlässlich des 100. Jahrestages der Oktoberrevolution rot illuminiert. Der Sturm a... Foto: dpa

Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution wird Russland wieder feiern. Die Februarrevolution 1917 hatte der orthodoxen Kirche zwar erstmals wieder eine Patriarchenwahl erlaubt und Hoffnungen geweckt. Bald nach der Machtübernahme der Kommunisten begann aber eine Zeit der Verfolgung aller Gläubigen bereits zu Lebzeiten Lenins, nicht erst unter Stalin. Besonders betroffen war die katholische Kirche.

Am 31. März, dem Karfreitag des Jahres 1923, liquidierte ein GPU-Mann im MosRudolkauer Sokolniki-Gefängnis den 56-jährigen Prälaten und Generalvikar Konstantin Budkewicz durch Genickschuss. Das Vergehen des Angeklagten bestand darin, dass er Religionsunterricht erteilt hatte, was nach einem Dekret vom 21. Januar 1921 an Personen unter 21 Jahren verboten war, und dass er sich auch geweigert hatte, kirchliche Wertgegenstände wie Kelche und Monstranzen an den Staat abzuliefern. Mit dem Generalvikar stand auch sein Bischof Jan Cieplak vor Gericht, auch er wurde zum Tode verurteilt, aber gegen einen polnischen Kommunisten nach Warschau ausgetauscht. Mit diesem Prozess gegen den Bischof, den Generalvikar und weitere Priester der Erzdiözese Mohilev setzte die erste Etappe des Kampfes gegen die katholische Kirche in Russland ein. Damals wurden die alten Diözesen liquidiert und die Bischöfe vertrieben; in der zweiten Etappe gelang es Stalin, die von dem Geheimbischof Michel d'Herbigny geheim geweihte Hierarchie zu zerschlagen. Der dritte Abschnitt begann seit 1939 beziehungsweise 1940, als mit Ostpolen und dem Baltikum bis dahin intakte katholische Gebiete und Diözesen erstmals unter sowjetische Herrschaft gerieten und dies 1944/45 ein zweites Mal erfolgte.

Wie entschlossen die Sowjets waren, zeigt ein Bericht der Moskauer Prawda einen Tag nach der Hinrichtung von Budkevicz: „Warum eröffnet man keinen Prozess gegen den Papst von Rom? Der Prozess Cieplak hat bewiesen, dass die verantwortlichere Person in dem von gegenrevolutionären Priestern organisierten Widerstand gegen die Beschlagnahme des Kirchenbesitzes der Papst von Rom ist. Er sollte von einem Revolutionsgerichtshof abgeurteilt werden. Der Prozess und das jüngst verkündete Urteil haben bewiesen, dass der katholische Klerus ein unbändiger Feind der Armen und der Regierung der Bauern und Arbeiter ist.“

Bei der Machtübernahme der Bolschewisten 1917 durch die Oktoberrevolution gehörten zum damaligen Russland auch Teile von Polen, die baltischen Staaten, Weißrussland und die Ukraine. Es gab eine Kirchenprovinz Mohilev, zu der neben der Erzdiözese Mohilev die Suffraganbistümer Wilna, Samogitien, Lutzk-Shitomir und die 1848 gegründete russlanddeutsche Diözese Tiraspol mit Sitz in Saratow an der Wolga gehörten. 1 801 Priester betreuten in 1 051 Pfarrkirchen, 258 Filialkirchen und 717 Kapellen fast fünf Millionen Katholiken. Sitz des Erzbistums Mohilev war die kaiserliche Hauptstadt St. Petersburg, das auch eine Kaiserliche Römisch-katholische Geistliche Akademie und das Priesterseminar beherbergte. Ein weiteres katholisches Priesterseminar gab es in Saratow an der Wolga für die Russlanddeutschen der Diözese Tiraspol. Die Diözesanstruktur Russlands war im 18. Jahrhundert entstanden. Nach der ersten polnischen Teilung ernannte Zarin Katharina die Große einen Bischof für Weißrussland, den sie 1782 zum Erzbischof von Mohilev machte. Nach der zweiten und dritten Teilung Polens kamen fünf lateinische Diözesen an Russland: Livland, Samogitien, Wilna, Lutzk und Kamenetz. Mohilev war damit die größte Diözese der Welt, da sie bis Alaska reichte. Für die Katholiken des russischen Königreiches Polen gab es nach dem Wiener Kongress eine eigene Kirchenprovinz Warschau. Zar Nikolaus I. (1825–1855) ging von Beginn seiner Regierungszeit an nicht nur unversöhnlich gegen die Unierten vor, sondern schloss auch seit 1832 zahlreiche katholische Kirchen. 1839 verleibte er die unierte Kirche auf russischem Boden ganz in die orthodoxe Kirche ein. Trotzdem kam der Zar im Dezember 1845 nach Rom und besuchte zweimal Papst Gregor XVI. Nach dessen Tode 1846 gab es weitere Verhandlungen unter Pius IX. und es kam am 3. August 1847 zum Abschluss eines Konkordates. In diesem sicherte der Zar die Beibehaltung der Kirchenprovinz Mohilev zu sowie die Neugründung eines Bistums Cherson beziehungsweise Tiraspol. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges gab es in St. Petersburg 13 katholische Kirchen und acht Kapellen. Kathedralkirche war die Katharinenkirche auf dem Newski-Prospekt, außerhalb der Hauptstadt gab es in der Umgebung katholische Kirchen in Kronstadt, Jamburg, Zarskoje Selo und Oranienbaum. Das Dekanat Moskau zählte 33 000 Gläubige, davon 27 700 in Moskau, die übrigen Dekanate waren Nischni Novgorod, Rjasan und Twer. Dekanatssitze waren hinter dem Ural in Irkutsk, Tomsk und Omsk; Gemeinden gab es im asiatischen Teil auch in Nikolajevsk am Amur, in Harbin und Taschkent, im europäischen Russland in Archangelsk, Vladimir, Kasan, Kaluga,Tula, Ufa und vielen anderen Städten.

Als erster katholischer Bischof wurde schon 1919 der Erzbischof von Mohilev, Eduard von Ropp, verhaftet und nach mehrmonatiger Haft ausgewiesen. Sein Nachfolger Johann Cieplak wurde 1922 angeklagt, er habe versucht, „eine konterrevolutionäre Organisation mit dem Ziel einer Revolte gegen die Gesetze und Verordnungen der Sowjetregierung“ zu gründen. Heute können wir anhand der KGB-Akten und russischen, polnischen und deutschen Studien das Ausmaß der damaligen Verfolgung erahnen. I. Osipova hat dies bereits in einem 1996 in Moskau erschienenen Buch dokumentiert, von dem eine deutsche Ausgabe vorliegt. In der Dokumentation „Zeugen für Christus“ von Helmut Moll findet man auch viele russlanddeutsche Märtyrer.

Um eine Seelsorge unter den veränderten Bedingungen des neuen Regimes zu gewährleisten, teilte Rom die Sowjetunion in neun neue kirchliche Sprengel auf: Erzdiözese Mohilev, Diözese Kamenetz, Diözese Minsk, Diözese Shitomir, Diözese Tiraspol, Diözese Wladiwostok, Apostolisches Vikariat Kaukasus-Krim, Apostolisches Vikariat Sibirien, Apostolische Administratur für die Gläubigen des armenischen Ritus. Daneben zählte man zehn Priester (Ukrainer und Russen) des slawisch-byzantinischen Ritus. Bis 1925 wurden aber alle katholischen Bischöfe vertrieben und ausgewiesen. Deshalb versuchte der Vatikan durch den Präsidenten der päpstlichen Kommission für Russland, den Jesuiten Michel d'Herbigny, eine Reorganisation der kirchlichen Verwaltung. Anstelle der alten Diözesen Mohilev und Tiraspol sollten folgende neue Bezirke geschaffen werden: Moskau, Leningrad, Mohilev-Minsk, Charkov, Kasan-Samara-Simbirsk, Odessa, Saratow, das Kaukasusgebiet und Georgien. Vier der dafür vorgesehenen Administratoren erhielten die Bischofsweihe im Geheimen durch d'Herbigny, der vom Nuntius in Berlin, Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., die Bischofsweihe erhalten hatte und dreimal in der Sowjetunion war. Der für Moskau geweihte Alexander Neveu war ein Franzose, der Jahrzehnte bei den Donkosaken als Seelsorger gewirkt hatte, Bischof Boleslas Sloskans für Mohilev-Minsk war Lette, sprach aber gut russisch und weißrussisch. Bischof Anton Malecki (für Leningrad) war Pole und Alexander Frison von Odessa entstammte einer russlanddeutschen Familie. Die sowjetischen Behörden verhafteten aber bald drei dieser Bischöfe, von denen Malecki und Sloskans nach mehrjähriger Haft gegen in Polen und Lettland inhaftierte kommunistische Spione in ihre Heimatländer ausgetauscht wurden. Bischof Neveu lebte bis 1936 in Moskau, bis er krankheitshalber nach Frankreich ging, von wo aus man ihm die Rückkehr nach Moskau verwehrte. Bischof Frison wurde nach langer Haft 1937 hingerichtet.

Seitdem war die katholische Kirche Russlands ohne Hierarchie und begann der totale Kampf der sowjetischen Behörden gegen die Seelsorger in den Pfarreien. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es viele Prozesse gegen Priester als „Spione und Geheimagenten ausländischer Mächte“. Es begann damals die Zeit der Untergrund-Diaspora vor allem in den Zwangsarbeitslagern, von der Walter Kolarz feststellt: „In Sibirien und in der europäischen Arktis, besonders im Workutagebiet, improvisierten gefangene Priester Gottesdienste, hörten Beichte, tauften sogar eine Anzahl von Menschen und nahmen nichtkatholische Christen in die Kirche von Rom auf. Das Messopfer wurde an den unmöglichsten Stellen gefeiert, in Bergwerksstollen, in der Ecke einer Gefangenenbaracke, und sogar in Büros, die mit Gefangenen besetzt waren. Wer nicht selbst an den Gottesdiensten teilnehmen konnte, empfing die heilige Kommunion von den Mitgefangenen. Kelche und Altartücher waren äußerst primitiv, der Messwein wurde aus getrockneten Weintrauben hergestellt, wenn er nicht ins Lager geschmuggelt werden konnte, und die Hostien wurden aus Weizenmehl gebacken. Die Amnestien nach dem Tode Stalins, die den meisten gefangenen Katholiken die Freiheit brachten, beendeten dieses heroische Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche.“

Als Beispiel, wie sehr die katholische Kirche in der Sowjetunion zugrundegerichtet wurde, erwähnen wir Leningrad: Im alten St. Petersburg, das nach Lenins Tod in Leningrad umbenannt wurde, hatte es einen Erzbischof, ein Domkapitel, eine geistliche Akademie, ein Priesterseminar und 13 katholische Kirchen gegeben. Völlig verschwunden waren seit 1923 außer Erzbischof, Domkapitel und Akademie die Kirche des hl. Kasimir und die Bonifatiuskirche. Die Katharinenkirche auf dem Nevski-Prospekt, die 1783 eingeweiht wurde, war seit 1922 geschlossen. Im Inneren befand sich bis zum Ende der Sowjetunion ein Fahrradlager. Die Kirche Maria Himmelfahrt wurde ein Studentenheim, das ehemalige Priesterseminar ein Institut der Metallarbeiter. Die St.-Stanislaus-Kirche diente als Pelzlager. Von der St.-Marien-Kirche war nur noch eine bewachsene Wildnis zu sehen, da die Kirche 1925 ausbrannte und als Steinbruch diente. Die Herz-Jesu-Kirche wurde ein Wohnhaus. Übrig blieb nur die sogenannte französische Kirche Notre Dame de France. Die Kirche stammt aus dem Jahre 1880. Neben den 13 Kirchen (davon 8 Pfarrkirchen) gab es bis 1917 neun weitere katholische Kapellen und zwei katholische Schulen, die ebenfalls verstaatlicht wurden. Die bischofslose Zeit dauerte bis 1989, als erstmals wieder im Zuge der Perestrojka mit Thaddäus Kondrusiewicz ein katholischer Bischof in Weißrussland ernannt werden durfte. Er wurde später Erzbischof in Moskau und war für das europäische Russland zuständig, während seit 1991 in Sibirien Bischof Josef Werth von Novosibirsk aus die Katholiken zwischen dem Ural bis Wladiwostok betreute. Erst 1999 und 2002 wurden zwei weitere Diözesen in Saratow und in Irkutsk eingerichtet. Außerdem entstanden in den 1991 selbstständig gewordenen Staaten im Baltikum, Weißrussland, der Ukraine und in Kasachstan neue Diözesen und im Kaukasusgebiet und in Zentralasien neue Jurisdiktionsgebiete.

Artikel 124 der Verfassung der alten UdSSR besagte: „Zum Zwecke der Gewährleistung der Gewissensfreiheit für die Bürger sind in der UdSSR die Kirche vom Staat und die Schule von der Kirche getrennt. Die Freiheit der Ausübung religiöser Kulthandlungen und die Freiheit antireligiöser Propaganda werden allen Bürgern zuerkannt.“ Hier lag während der Sowjetherrschaft Einseitigkeit und Diskriminierung vor: Beschränkung auf Kulthandlungen für die Gläubigen, aber Möglichkeit der Propaganda für Atheisten. Die erste sowjetische Verfassung von 1918 hatte auch den Gläubigen noch die Möglichkeit von „religiöser Propaganda“ gewährt. Aber die Verordnung über die religiösen Vereinigungen vom 8. April 1929 schränkte die Tätigkeit der Kirchen ein und unterstellte sie total der Kontrolle des Staates. Religionsunterricht für Jugendliche unter 18 Jahren war verboten.

Neben dem eingangs genannten Generalvikar Budkevicz gibt es auf dem Gebiet der Russischen Föderation eine ganze Reihe von Blutzeugen und Märtyrern verschiedener Volksgruppen: Polen und Litauer, aber auch russische Konvertiten, Deutsche, Armenier und Georgier. Jede seelsorgliche Tätigkeit war schon unter Lenin erschwert, aber dennoch gab es noch Priester, bis seit 1937 mit Stalins Säuberungen auch Massenhinrichtungen einsetzten. Damals starb Bischof Alexander Frison, der aus der Siedlung Baden im Gebiet Odessa stammte und am Seminar in Saratov studiert hatte. Er hatte 1902 in Rom das Doktorat der Philosophie und 1904 der Theologie erlangt, war Professor am Seminar in Saratow und nach Verlegung des Seminars nach Odessa auch Rektor. 1926 geheim zum Bischof geweiht, wurde er mehrfach verhaftet, aber wieder freigelassen, bis er 1937 die Todesstrafe erhielt. Wie er wurden auch andere russlanddeutsche Priester hingerichtet: Georg Baier, Adam Bellendir, Adam Wagner, Peter Weigel, Michael Wolf, Alexander Dornhof und viele andere. Andere starben in Lagern am Eismeer oder hinter dem Ural. Priester des armenisch-katholischen Ritus war Ter-Arsen Ter-Karapetian aus Eriwan, der auf die Solowki-Inseln verbannt war und 1937 in Leningrad erschossen wurde. Sein Mitbruder Stjepan Erojan, der Pfarrer in Tiflis gewesen war, ehe er nach Solowki deportiert wurde, erlitt das gleiche Schicksal. Der georgische Priester Schio Batmanischwili wurde 1937 hingerichtet, sein Nachfolger in Tiflis, Stepan Demurow, 1938 erschossen.

Besonders groß ist die Zahl der russischen Märtyrer, die zur katholischen Kirche konvertiert und zum Teil Priester geworden waren oder als orthodoxe Priester katholisch wurden. Igor Akulow, 1897 in St. Petersburg geboren, war als Priestermönch 1922 katholisch geworden und war 1923 erstmals verhaftet, einen Monat später aber freigelassen worden. 1924 kam er erneut in Haft und erhielt nun fünf Jahre Zuchthaus; die Strafe verbüßte er in Irkutsk und Nasimovsk. Nach der Entlassung kehrte er nach Leningrad zurück und wurde 1937 wieder verhaftet und am 27. August erschossen. Iwan Deibner, aus einer adligen Familie geboren, war 1899 katholisch geworden. Er wurde als Priester 1936 ermordet. Wladimir Klöpfer aus Livland war 1910 zum orthodoxen Priester geweiht worden. 1926 trat er zum Katholizismus über. Er wurde zweimal inhaftiert und starb 1936 im Kerker in Odessa. Groß ist auch die Zahl russischer Frauen, die in die katholische Kirche eintraten und Nonnen wurden: Anna Abrikossowa war die Frau von Wladimir Abrikossow und wurde mit ihm katholisch. Sie wurde 1913 Nonne und seit 1922 Äbtissin einer katholischen Frauengemeinschaft in Moskau. Auch sie wurde 1923 verhaftet und starb 1936 im Butyrka-Zuchthaus in Jaroslawl. Allein im Buch von I. Osipova tauchen unter den Märtyrern mehr als 50 Frauennamen auf, die meisten von ihnen waren Konvertitinnen.