Würzburg

Mohammeds Kriegerinnen

Feminismus und Dschihad muss kein Widerspruch sein. Ein Plädoyer für mehr Realismus.

IS-Kämpferinnen
Die Realität ist oft brutaler als man denkt: Screenshot eines IS-Propaganda-Videos. Foto: dpa

Ja doch, es gibt ihn: den Feminismus im Dschihad. Denn wer beim Frauenbild im Dschihadismus ausschließlich an devote und schwache Frauen denkt, deren einzige Aufgabe darin besteht, das Heim des Ehemannes zu putzen, für ihn kulinarische Kostbarkeiten auf den Tisch zu zaubern, die Wäsche zu waschen und im Bett gefügig zu sein, der irrt - und zwar gewaltig.

Dschihadistische Feministinnen sind starke Frauen, die sich im Namen ihres Islamverständnisses für eine konsequente Geschlechtertrennung einsetzen, bei der jeder Frau und jedem Mann eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung sowie der Verteidigung des Islams zukommt. Sie sind kompromisslose Ehefrauen, die gewaltigen Druck auf ihre Männer ausüben, wenn sie ihres Erachtens auf dem Kampffeld nicht genügend Stärke zeigen und so als Schwächlinge nach Hause zurückkehren.Sie sind glaubensstarke Mütter, die in diesem Sinne auch ihre Kinder erziehen und ihre religiösen Vorstellungen machtvoll an die nächste Generation weitergeben. Und sie können sich sogar als fanatische Kämpferinnen aufopfern wie zum Beispiel im „Islamischen Staat“, wo sie als Soldatinnen und Selbstmordattentäterinnen mittlerweile einen hohen Blutzoll für ihre Vision des „Kalifats“ zahlen.

Vorbilder aus dem Umfeld Mohammeds

Als Vorbilder dienen diesen Dschihadistinnen die starken Frauen in Mohammeds Umfeld, die maßgeblich am Aufbau der frühen islamischen Gemeinschaft mitwirkten. Und derer gab es viele: Mohammeds erste Frau Chadidscha, die als erste an Mohammed als Propheten glaubte und ihn bis zu ihrem Tod 619 n. Chr. maßgeblich unterstützte; oder Aischa, Mohammeds spätere „Lieblingsfrau“, auf die zahlreiche prägende Geschichten aus Mohammeds Leben zurückgehen (Hadithe) und die so entscheidend an der Ausformung am islamischen Brauch (Sunna) beteiligt war; oder Kämpferinnen wie Nusaybah bint Ka'ab. Bint Ka'ab kämpfte wie zahlreiche andere Frauen an der Seite Mohammeds, um ihren Propheten mit ihrem Leben zu schützen. In der Schlacht von Uhud (625 n. Chr.) forderte sie gar ihren verletzten Sohn ‘Umarah voller Kampfesmut und Leidenschaft dazu auf, im Namen Gottes mit ihr weiter an der Seite für Mohammed zu kämpfen. Zuvor noch hatte sie die Wunde ihres Kindes mit einem Fetzen ihres Rockes notdürftig verbunden. Und auch Aischa zeigte sich durchaus kämpferisch, wenn es in ihren Augen um die Verteidigung des wahren Glaubens und um Mohammeds Erbe ging. Schlachten und kriegerischen Auseinandersetzungen wich sie nicht aus und begleitete in ihrer Kamelsänfte die Kämpfer in den ersten innerislamischen Bruderkrieg 656 n. Chr. – aus Aischas Sicht daher auch „Kamelschlacht“ genannt.

Der Rückbezug auf die ersten Schlachten unter Mohammed, bei denen auch Frauen mitkämpften, dient heute Dschihadistinnen wie Dschihadisten zudem als Rechtfertigung für die Ausführung von Selbstmordattentaten durch Kämpferinnen. In Zeiten größter Bedrängnis des Islams sei die gläubige Frau ebenfalls aufgefordert, ihren Teil am Kampf zu leisten. So verkündet der saudische Gelehrte Scheich Ali al-Khudhair: „Die Frau ist nicht verpflichtet, den Dschihad mitzuführen. Aber wenn diejenigen, die den Dschihad führen, sowie ihre Gelehrten der Ansicht sind, man müsse einige Frauen beteiligen, so steht dem nichts im Wege. Denn auch einige Zeitgenossinnen des Propheten haben sich am Dschihad beteiligt.“ Der IS machte sich diese Deutung ebenfalls zu eigen und propagiert in einem bisher unbekannten Ausmaß den Einsatz von Frauen als Selbstmordattentäterinnen und damit als „Märtyrerinnen des Glaubens“.

"Der Dschihadismus bietet den Frauen
eine Waffe gegen frauenfeindliche Traditionen
und daraus resultierende Unterdrückung
innerhalb des islamischen Kulturraumes"

Ein Aspekt ist aus unserer Sicht besonders erstaunlich. Der Dschihadismus bietet den Frauen eine Waffe gegen frauenfeindliche Traditionen und daraus resultierende Unterdrückung innerhalb des islamischen Kulturraumes. Diese Traditionen haben meist wenig mit dem ursprünglichen Islam zu Mohammeds Zeiten gemein, sondern vielmehr mit patriarchalisch-archaischen Strukturen. Indem sich Dschihadistinnen auf den frühen Islam unter Mohammed berufen, auf Frauen wie die Kriegerin Bint Ka'ab oder Mohammeds Ehefrau Aisha, welche an der Eröffnung der ersten Koranschule mitwirkte, halten sie eine starke argumentative Waffe in der Hand. Denn gegen das vorbildliche Handeln der vom Propheten hoch geschätzten Frauen gibt es nicht viel einzuwenden.

Dschihadistinnen wetteifern daher mit strukturkonservativen Muslimen darum, wer den „wahren Islam“ radikaler lebe und sich somit vermeintlich näher bei Mohammed befinde. Denn es ist natürlich dadurch nicht gesagt, dass die ersten Muslima Dschihadistinnen waren oder deren heutige Gewaltexzesse und Erbarmungslosigkeit gutheißen würden! Hier geht es nur um Rechtfertigungswege – und seien diese auch pervertierte, ahistorische Interpretationen der frühislamischen Zeit.

Während unser westlicher Blick auf die Dschihadistinnen oftmals von überheblichem Mitleid für die verhüllte Frau als „schwaches Opfer“ geprägt ist, stellt sich die Wirklichkeit daher mitunter ganz anders dar – was diese landläufige Perspektive nicht völlig disqualifizieren muss, denn die überwiegende Unterdrückung von Frauen im IS zum Beispiel ist eine Tatsache. Und doch muss diese Tatsache in ihrer Ausschließlichkeit relativiert werden.

Entschlossen und kompromisslos setzen sich IS-Dschihadistinnen für ihre Vision eines Gottesstaates ein. Dort haben sie in ihrer Rolle als Mutter der „Löwen“, das heißt der zukünftigen Gotteskrieger, eine maßgebliche Aufgabe zu erfüllen: Die Kinder müssen entsprechend ihrer Islam-Vorstellungen erzogen werden. So sieht denn auch Sayyid Qutb (1906-1966), ein Begründer des modernen Dschihadismus, in der Familie die Gemeinschaft, welche die für die Gottesherrschaft gewünschten Werte hervorbringt.

Der Westen darf diese Facette nicht ignorieren

Für feministische Dschihadistinnen schließt dies daher auch die Bildung der Frau nicht aus – im Gegenteil. Sie ist ausdrücklich erwünscht und wurde schließlich auch von Anbeginn des Islams immer wieder gefordert – auch von muslimischen Gelehrten. So überrascht es nicht, dass gerade im Bildungssektor bis hin zu Universitäten viele Frauen vertreten sind, welche die entsprechenden Lehren verbreiten, sogar im erzkonservativen Saudi-Arabien oder im dschihadistischen „Islamischen Staat“. Und auf der anderen Seite des Hörsaals sind ebenfalls mittlerweile mehr als die Hälfte der saudischen Studenten Frauen.

Bildung für Frauen zu fordern ist daher auch im Islamismus, dem weiteren Rahmen innerhalb dessen sich der besonders extremistische Dschihadismus bewegt, eingesenkt. Bereits zu Entstehungsbeginn der Muslimbrüder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gründeten gläubige Muslima um Zaynab al-Ghazali in Ägypten die Muslimschwestern, die ausdrücklich auf die Bildung von Frauen hin ausgerichtet war. Für sie sind es die Frauen, welche die Männer in der zukünftigen islamischen Gemeinschaft (Umma) heranziehen, wie al-Ghazali in ihrem Werk „Tage aus meinem Leben“ konstatiert. Aber wer im Westen kennt schon al-Ghazali und ihre Mitstreiterinnen? Dabei sind die Muslimschwestern maßgeblich am Erfolg und der engen Verflechtung der Muslimbrüder in allen Teilen der Bevölkerung beteiligt: Sie seien da, wenn es um Fragen des Alltags geht; sie sorgten sich um die Werteerziehung der Kinder und gingen zu den Familien; sie seien da, wenn man sie brauche – im Gegensatz zum autoritären Staat Ägypten. Das ist die Botschaft, die sie recht erfolgreich verkünden.

Wenn hier im Westen über diese entscheidenden Facetten innerhalb des Islamismus nicht geschrieben wird, so sagt dies wohl mehr über die westliche männerfixierte Wahrnehmung aus, als über die gesellschaftliche Wirklichkeit. Diese findet eben nicht nur in öffentlichen Räumen statt, sondern wirkt besonders prägend im privaten Bereich. Dieser blinde Fleck sollte rasch beseitigt werden.

"Macht ist nicht nur männlich.
Den hohen Stellenwert von Erziehung zu erkennen,
würde einen guten Anfang bedeuten"

Leider vermochten aber gerade deutsche Sicherheitsbehörden in der Vergangenheit kein Verständnis für diese islamistische oder dschihadistische Denkweise aufzubringen. Dabei ist sie von starker fundamentalistischer Gläubigkeit durchdrungen und brachte keineswegs nur schwache Mitläuferinnen hervor. Glücklicherweise findet nun ein Umdenken statt. Und dies ist gerade im Hinblick auf die „IS-Rückkehrerinnen“ nach Deutschland dringend geboten, wie der Islamismusexperte des Landeskriminalamtes in Wiesbaden, Dr. Marwan Abou-Taam, feststellt. Frauen, die in den „IS“ auswanderten, haben diese Diktatur mitgetragen, auf welche Weise auch immer. Auch der Verein „Wegweiser“ in Nordrhein-Westfalen, einem Präventionsprogramm gegen gewaltbereiten Salafismus, betont immer wieder die gefährliche Radikalität der Frauen, die mitunter noch brutaler ist als die von Männern. Feminismus hat viele Gesichter, sogar fremde und extremistische, mit denen wir uns rasch vertraut machen sollten. Deshalb müssen wie beginnen, Frauen und ihre unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten wirklich ernst zu nehmen, im Okzident wie auch im Orient: Macht ist nicht nur männlich. Den hohen Stellenwert von Erziehung zu erkennen, würde einen guten Anfang bedeuten.