Mit Romanen auf die friedensstiftende Kraft der Worte hoffen

Zum 60. Geburtstag des israelischen Schriftstellers David Grossman, der auch Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels ist. Von Johannes Zang

Das kürzlich zu Ende gegangene Jahr 2013 liest sich in der Statistik der israelischen Menschenrechtsorganisation B'Tselem so: 69 palästinensische Wohneinheiten wurden in Ost-Jerusalem zerstört, 296 Menschen sind nun obdachlos; im palästinensischen West-Jordanland versperren 99 permanente Kontrollpunkte den Weg für Menschen und Waren und 143 Palästinenser sitzen in israelischer „Administrativhaft“, sprich: ohne Anklage und Prozess, manche schon über ein Jahr. Das ist ein kurzer Auszug aus dem seitenlangen Statistikteil der Menschenrechtsgruppe, dessen beratendem Gremium David Grossman angehört.

Grossman kennt Israels Abgründe und Widersprüche nur zu gut. Nicht nur, weil er selbst einen Sohn verloren hat – in Israels zweitem Libanonkrieg 2006. Damals fiel Uri in den letzten Stunden des Krieges durch eine Hizbollah-Rakete – nach Ausrufen der Waffenruhe, aber noch vor deren Inkrafttreten.

Trotz allem möchte der nun 60-Jährige an keinem anderen Ort der Welt leben, „auch wenn mich ein Teil dieses Daseins hier wahnsinnig macht“. Das hat er im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ der Journalistin Sandra Kegel anvertraut. Israel sei der einzige Ort auf der Welt, an dem er sich nicht fremd fühle. Die Erfahrung der Juden in den letzten 2 000 Jahren sei immer die des Fremden gewesen. Israel könnte nach Grossman „wirklich der Ort sein, an dem wir Juden uns zu Hause fühlen. Noch ist es nicht so weit, wegen der Kriege, der ungelösten Probleme mit den Nachbarn.“

Für eine Aussöhnung mit diesen setzt sich der Bestsellerautor seit Jahr und Tag ein. Ja selbst zu einem Dialog mit der Hamas hat er schon aufgerufen und protestiert gegen die seit 1967 bis heute andauernde Besiedlung des West-Jordanlands und Ost-Jerusalems: „Ein enormer Apparat von Propaganda, Verführung und Überzeugung, ideologischer, religiöser und nationaler Natur, wurde von sämtlichen Regierungen Israels lanciert, ob rechts oder links, um die Israelis massenweise in diese Siedlungen zu locken.“ Die bereits zitierte Organisation B'Tselem liefert dazu die Zahlen: 125 von der „Regierung abgesegnete Siedlungen“ sowie etwa 100 „Siedlungsaußenposten“.

Der in Jerusalem geborene Grossman arbeitete nach einem Studium der Philosophie und Theaterwissenschaften zunächst bei Israel Radio, bevor er 1979 Erzählungen zu veröffentlichen begann. Bereits 1984 erhielt er für Das Lächeln des Lammes den Preis für Hebräische Literatur. Drei Jahre später folgte Stichwort: Liebe und damit sein internationaler Durchbruch. 1989 wird dem Radioredakteur vom Sender gekündigt, weil er Yassir Arafats Ankündigung, einen palästinensischen Staat zu gründen, als erste Nachricht vermelden wollte.

Zu den Auszeichnungen sind in den letzten Jahren viele weitere dazugekommen, darunter der Nelly-Sachs-Preis, der Manés-Sperber-Preis, der Geschwister-Scholl-Preis. Seine Kinderoper Itamar trifft einen Hasen wurde vom Philharmonischen Orchester Israels uraufgeführt. 2009 erschien der Monumentalroman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, in der der Autor den Verlust seines Sohnes verarbeitete. Ein Jahr später wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für sein Bemühen um den israelisch-palästinensischen Dialog verliehen.

Seitdem hat er ein weiteres Buch vorgelegt – und wieder geht es um Trauer, Verlust und letztlich um Uri. „Aus der Zeit fallen“ (Hanser), kürzlich als Bühnenfassung am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt, ist ein poetisches Werk über den Versuch, Worte für eine Situation zu finden, die einen sprachlos macht. Für die Journalistin Kegel ist das Büchlein ein „Requiem“. Grossman selbst bekennt, dass er durch das Schreiben zwar weder die Wirklichkeit verändern noch jemanden zurückbringen könne, aber „ich bin auch kein Opfer meiner Angst und meiner Trauer“. Er, der sich wie ein auf die Insel der Trauer Verbannter fühlt, will mit seinem neuesten Buch versuchen, „das Leben im Bewusstsein des Todes zu begreifen“. David Grossman kleidet nicht nur Zugestoßenes in Worte, bisweilen analysiert er auch, und manchmal hebt er den mahnenden Zeigefinger, wie einmal bei einer Gedenkfeier für den ermordeten Premierminister Jitzhak Rabin. Fast kann man den Schmerz spüren, die sich hinter folgender Erkenntnis verbergen mag: „Der Tod junger Menschen ist eine furchtbare, zum Himmel schreiende Verschwendung. Aber nicht weniger ist das Gefühl, dass der Staat Israel seit vielen Jahren auf kriminelle Weise nicht nur das Leben seiner Söhne verschleudert, sondern auch das Wunder, das ihm widerfuhr – dass er die große, seltene Chance vertut, die ihm die Geschichte schenkte, eine Chance, hier einen aufgeklärten, demokratischen Rechtsstaat zu schaffen, der nach jüdischen und universellen Werten handelt.“

Die Unfähigkeit, sich als Täter im Nahostkonflikt zu sehen, ist für Grossman Israels „größte Schwäche“. Wiederholt hat der Autor von über einem Dutzend Jugendbücher, Romanen und Essays israelische Politiker aufgefordert, sich in die Palästinenser hineinzufühlen und ihr Leiden zu erkennen und anzuerkennen. Beim derzeitigen Premier Netanyahu stößt er damit auf taube Ohren. Der verknüpfe alle Gefahren, die Israel zu befürchten habe, „mit den großen Traumata, allen voran der Schoa“. Dieses Trauma zu stimulieren mache die Israelis jedoch hilflos. Dagegen will Grossman weiter anschreiben.

Von David Grossman ist jetzt erschienen: Aus der Zeit fallen. Hanser Verlag, München 2013, 126 Seiten, EUR 16,90