Mit Mutter im Ferienhaus am See

In Kai Wessels Fernsehfilm „Alles Liebe“ überwiegt trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe das Einigende in der Familie Von José García

Spielfilme über Familienfeste stellen vorwiegend im amerikanischen, aber immer mehr auch im europäischen Kino ein eigenes Genre dar, das einer einigermaßen festgelegten Dramaturgie folgt: Zunächst werden die verschiedenen Familienmitglieder eingeführt, dann fahren sie „nach Hause“ oder kommen an einem bestimmten Ort zusammen, der für die Familie eine besondere Bedeutung besitzt. Auf das erste freudige Wiedersehen folgt im Laufe der Familienfeier jedoch die Ernüchterung: Alte Wunden und Eifersüchteleien reißen wieder auf.

Innerhalb dieser Genrekonventionen bewegt sich ebenfalls das Drehbuch von Beate Langmaack für Kai Wessels Fernsehfilm „Alles Liebe“, den Das Erste am Mittwoch um 20.15 Uhr ausstrahlt. Anlass für die Familienfeier, die im Mittelpunkt von „Alles Liebe“ steht, liefert der 65. Geburtstag der verwitweten Irma Bergner (Hannelore Elsner). Zum Filmbeginn steht sie in der Küche und bereitet Kohlrouladen zu, die sie in drei Tupperware-Behälter sorgfältig verstaut. Anschließend ruft die Mutter ihre drei Kinder nacheinander an, um ihnen das Familien-Leibesgericht anzubieten – was dem Drehbuch wiederum die Möglichkeit bietet, Irmas Kinder einzuführen.

Die Älteste, Kathrin (Karoline Eichhorn), erwischt sie in dem Augenblick, als die Businessfrau beim Ratespiel mit den Mitarbeitern ihrer PR-Firma gerade auf der Stirn einen Zettel mit der Aufschrift „meine Mutter“ trägt, worauf sie nicht besonders amüsiert reagiert. So erfährt der Zuschauer: Kathrins Verhältnis zu ihrer Mutter ist alles andere als entspannt. Aber auch die zwei anderen Kinder Irmas, die alleinerziehende Mutter Annette (Julia Brendler) und der ewige Student Laurenz (Axel Schreiber), haben schnell eine Entschuldigung parat, warum sie diesmal auf die Kohlrouladen verzichten müssen. Auch unter den Geschwistern scheint der Kontakt eher locker zu sein. Da nun aber der 65. Geburtstag der Mutter naht, müssen sie sich auf ein besonderes Geschenk einigen. Sie beschließen, gemeinsam mit der Mutter in ihrem alten Ferienhaus am See ein Wochenende zu verbringen. Denn sie glauben, sie habe dort glückliche Tage erlebt, als der Vater noch lebte. Was als freudige Überraschung geplant war, entpuppt sich jedoch als totaler Missgriff: Das Haus selbst sieht ziemlich heruntergekommen aus. Aber es kommt noch schlimmer: „Ich war nie gern hier“, sagt die Mutter, kaum dass sie aus dem Auto ausgestiegen ist. Zu sehr spürt sie noch die alten Wunden, die auch der Vater der Familie zugefügt hat. Das gemeinsame Wochenende droht, in einem Trauerspiel zu enden.

Beate Langmaacks Drehbuch sorgt mit drei Überraschungsgästen für Abwechslung, mit dem plötzlichen Verschwinden von Louisa (Ricarda Zimmerer), Annettes 13-jähriger Tochter, für Spannung. Die daraus resultierende Nebenhandlung mit Louisa, die einem Geheimnis ihrer Großmutter auf die Spur gekommen zu sein meint, fügt sich hervorragend in die Dramaturgie ein. Ein anderer Nebenstrang mit dem Flirten der Freundin Laurenz', Helen (Teresa Weißbach) mit Baptiste (Thure Lindhardt), dem dänischen Freund der Familie, wirkt allerdings arg konstruiert. Die Ankunft von Irmas alter Freundin Heidrun (Peggy Lukac), die sich mit Kathrin auf Anhieb bestens versteht, mit deren Mutter aber zerstritten ist, treibt ebenfalls die Handlung voran. Sowohl die atmosphärische Zithermusik als auch die langen Einstellungen der Kamera von Judith Kaufmann unterstützen eine ruhige Inszenierung, die vor allem auf die Dialoge setzt. In ihnen werden verdrängte Wünsche offenbar, Lebensentwürfe in Frage gestellt. In der Auseinandersetzung zwischen der Mutter und der ältesten Tochter konzentriert sich „Alles Liebe“ auf die Gegenüberstellung von zwei grundverschiedenen Lebensplanungen: Indem sie wegen ihrer Familie auf Karriere verzichtete, meint Irma die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Kathrin hingegen entschied sich für ihre Karriere.

Der allgegenwärtige, manchmal in Sarkasmus überleitende Humor trägt zu einer trotz der ernsten Themen leichtfüßigen Inszenierung bei. Bei allen Differenzen, unerfüllten Wünschen und unterschiedlichen Lebensvorstellungen wird in „Alles Liebe“ das Einigende in der Familie sichtbar. Denn nach einem Wochenende voller Sticheleien sind die Familienmitglieder doch noch bereit, einander zu verzeihen und den anderen anzunehmen, wie er nun mal ist. Autorin Beate Langmaack und Regisseur Kai Wessel bleiben zwar den Konventionen des Genres treu, beleben sie aber mit einer gradlinigen Handlung und vor allem mit bemerkenswerten Fragen und lebensnahen Dialogen.

„Alles Liebe“. Regie: Kai Wessel, Mittwoch, 1. September, 20.15 Uhr, ARD