Mit Kindern richtig fernsehen

Ein Sonderheft präsentiert neueste Ergebnisse der Medienforschung – Castingshows stehen hoch im Kurs. Von Max-Peter Heyne

Vor allem am frühen Abend schauen Kinder fern. Foto: dpa
Vor allem am frühen Abend schauen Kinder fern. Foto: dpa

Die neueste Ausgabe der Heftreihe „tv diskurs – Verantwortung in audiovisuellen Medien“, die in regelmäßigen Abständen von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) mit Sitz in Berlin herausgegeben wird, widmet sich ausführlich der Rolle, die das Fernsehen im Alltag von Kindern spielt. Neben lesenswerten Essays und Artikeln über die unterschiedliche historische Entwicklung des Kinderfernsehens in der Bundesrepublik („Willkommen im Paradies“) und der DDR („Zwischen Pittiplatsch und Propaganda“) sowie der gegenwärtigen Situation der Kinderprogramme in den USA, werden im Heft „Kinder vor der Kiste“ vor allem die Ergebnisse mehrerer aktueller medienwissenschaftlicher Studien sowie medienpädagogische Initiativen und Modelle zur qualitativen Bewertung von Kinderfernsehangeboten präsentiert.

Immer noch mehr TV-Konsum als Computernutzung

Zu Letzterem zählt das medienübergreifende Empfehlungssystem Mediasmarties aus den Niederlanden, das positiv wirkende Kindermedien auf einer Website ausweist, deren Ausbau sich angehende Lehrer und Erzieher für eine medienpädagogische Qualifizierung in ihrem Studium als Leistungsnachweise anrechnen lassen können. Anders als die in Holland, aber auch Deutschland üblichen Altersempfehlungen von Gremien wie der Freiwilligen Selbstkontrolle, die lediglich darüber informieren, dass Filme, DVDs, Computerspiele, Internetseiten oder Fernsehsendungen für Kinder eines bestimmten Alters als unbedenklich erachtet werden, empfiehlt Mediasmarties gezielt jene Medienangebote, die für die Kinder nachweislich besonders geeignet oder vom medienpädagogischen Standpunkt aus als nützlich erachtet werden. Die Bewertungen in dem System gehen sehr ins Detail, berücksichtigen die jeweiligen Themen, Charaktere und Handlungsverläufe von dargebotenen Geschichten und werden von Studentinnen und Studenten der Pädagogik erfasst, die dafür eigens entwickelte Onlinekurse über die sozial-emotionale, kognitive und motorische Entwicklung von Kindern absolviert haben. Anschließend dienen diese Wertungen in den Onlinelisten anderen Pädagogen, aber natürlich auch Eltern, als Leitfaden für eine Auswahl von Medienangeboten für Kinder. Die seit 2009 existierende Mediasmarties- Online-Akademie wird mit 700 000 Euro vom niederländischen Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft finanziert.

Detaillierte Ergebnisse verschiedener empirischer Studien, unter anderem die sogenannte KIM-Studie (Kinder + Medien + Computer) eines württembergischen Forschungsverbundes, erläutern im Heft verschiedene Medienforscher: Dabei zeigt sich, dass der Fernsehapparat mit 100 Prozent nicht nur die höchste Verbreitung in deutschen Haushalten genießt, in denen Kinder zwischen 6–13 Jahren aufwachsen, sondern auch in Bezug auf die Nutzungsdauer den Computer und das Internet (noch) deutlich hinter sich lässt. Allerdings sinkt die Rate der Kinder, die in der Altersklasse zwischen 3–13 Jahren den Fernseher an einem Durchschnittstag einschalten, seit zehn Jahren kontinuierlich: Zu Beginn des Jahres 2011 liegt sie bei 54 Prozent und nicht mehr bei über 60 Prozent wie noch im Jahre 2000. Dafür hat sich die durchschnittliche Verweildauer vor dem Fernseher nur wenig verändert: Mit etwa 160 Minuten 2011 ist dies keine zehn Minuten höher als vor zehn Jahren – und geht möglicherweise sogar auf die exaktere Messung der Forschungsinstitute zurück, die nunmehr auch die zeitversetzte Nutzung von Fernsehsendungen via Festplattenrekorder berücksichtigen können. Die Unterschiede sind zwar nicht so groß wie beim Leseverhalten, aber auch Fernsehen ist für Mädchen attraktiver als für Jungen (60 gegenüber 56 Prozent). Bei ihnen stehen Musik- und Castingshows ganz hoch im Kurs, während Jungen eher Abenteuersendungen bevorzugen.

Der ergänzend im Heft präsentierte sogenannte Kids-Report über den Fernsehkonsum von Kindern wird regelmäßig von einem Institutsverbund zusammen mit dem Kindersender Super RTL neu erstellt und bietet daher Aufschluss über Entwicklungen und Tendenzen der letzten zwanzig Jahre: Drei Viertel des gegenwärtigen Programmvolumens werden von den speziell auf Kinderprogramme ausgerichteten Sendern Ki.Ka (der Kinderkanal der öffentlich-rechtlichen Anbieter), Super RTL und Nickelodeon aufgebracht. Sie vereinigen denn auch sagenhafte 95 Prozent der insgesamt von Kindern mit fernsehen verbrachten Zeit auf sich. Bei den Vorschülern zwischen 3–5 Jahren, die laut Befragung beziehungsweise Messung durchschnittlich – und über Jahre konstant – immerhin rund 90 Minuten pro Tag fernsehen, ist Ki.Ka mit nahezu 50 Prozent der verbrachten Zeit einsamer Spitzenreiter.

400 Stunden Kinderprogramm in der Woche

Da aber insbesondere die Dritten Fernsehprogramme der ARD jeden Tag, vor allem werktags in den Morgenstunden, viele Programmstunden mit Kindersendungen füllen, ergibt sich eine denkwürdige Schere: Die Zahl der Programmstunden, die sich speziell an Kinder wenden, liegt derzeit bei circa 400 Stunden wöchentlich. Wie der Medienforscher Dr. Ole Hofmann erläutert, relativiert sich die imposante Zahl allerdings deutlich, wenn man die täglichen Reichweiten genauer darstellt: Kinder sehen eben nicht morgens und mittags, sondern am frühen Abend am meisten fern. Das heißt, der Großteil des Angebotes wird – insbesondere von den Dritten Programmen – versendet, ohne dass es die Zielgruppe überhaupt erreicht, vermutlich weil „das Kinderprogramm zu dieser Zeit einfach das kleinere ökonomische Übel ist“, so Hofmann, und den Programm-Flow bei den erwachsenen Zuschauern nicht stört, „der mittlerweile für alle Sender im Streben nach einem höheren Gesamt-Marktanteil entscheidend ist“.

Sehr interessante Ergebnisse präsentiert auch die Medienforscherin Lena Hirschhäuser von der Universität Hamburg aus ihrer Untersuchung des Einflusses von Online-Rollenspielen bei der Identitätsbildung bei Jugendlichen, die zum Großteil „trotz gewisser Gefahren ohne Probleme und mit positiven Gefühlen das Spiel ins eigene Leben integrieren“.

Das Heft Nr. 1/2012 in der Reihe tv diskurs – Verantwortung in audiovisuellen Medien, „Kinder vor der Kiste“, kostet 24 EURO. Es ist zu beziehen über die UVK Verlagsgesellschaft mbH in Konstanz, Tel.: 075 31/9 05 30.