Mit Kindern Härte demonstrieren

Jugendmedienschützer warnen vor der Verbreitung grausamer Gewaltvideos des „Islamischen Staats“. Von Alexander Riebel

Demonstration des Islamischen Dschihad
Propagandavideo des „Islamischen Staats“, das seine Gewaltbereitschaft beweisen soll. Foto: dpa
Demonstration des Islamischen Dschihad
Propagandavideo des „Islamischen Staats“, das seine Gewaltbereitschaft beweisen soll. Foto: dpa

Neben Hassmails spielen auch Hassvideos eine immer größere Rolle für den Jugendschutz. Sie sind geschickt gemacht und mit Angeboten aus der Jugendkultur unterlegt. Es sind Propagandafilme des „Islamischen Staates“, nicht nur zum Zweck der Anwerbung oder der Drohung, sondern ebenso zeigen sie Exekutionen mit Popmusik, Folterszenen oder antisemitische Comics. Erschießungen mit irrem Gelächter, unterlegt mit Rapmusik, sollen einen Rausch der Gewalt darstellen, wie er ähnlich auch bei Computerspielen empfunden werden kann. Der Unterschied zwischen Hinrichtungsvideos und Werbevideos des „Islamischen Staates“ vermischt sich dabei.

Auf der Internetseite www.jugendschutz.net weisen die Jugendschützer auch ausdrücklich darauf hin, dass immer mehr Jugendliche und sogar Kinder zu IS-Kämpfern herangezogen werden. Das wird dann in den Videos veröffentlicht. Die ausbildenden Dschihadisten kümmern sich dann mit Süßigkeiten oder Spielsachen um die Kleinen. Ein Zwölfjähriger in einem Video wird mit den Worten zitiert: „Ich werde derjenige sein, der euch schlachten wird, oh Ungläubige.“ Mit den Videos will die Terrororganisation beweisen, dass gerade die kommende Dschihadisten-Generation herangezogen wird. „Dass angeblich selbst Kinder bereit sind, für Gott und ihre ,Glaubensgeschwister‘ zu kämpfen und zu sterben, soll vor allem männliche Jugendliche animieren, sich der Organisation anzuschließen... Die Instrumentalisierung von Kindern als Henker soll zeigen, wie entschlossen und überlegen die Terrororganisation ist. Schrecken und Schockwirkung, den Hinrichtungsvideos generell erzeugen, werden dadurch noch weiter gesteigert.“ Die Jugendlichen selbst sollen lernen, mutig zu sein, um auch in die Lage zu kommen, dem „Feind“ ins Gesicht zu sehen. Das war etwa beim Anschlag im Pariser Bataclan nötig. Wie der japanische Fernsehsender NHK nach dem terroristischen Anschlag berichtet hatte, zitterten die Minderjährigen am ganzen Leib vor dem Gemetzel, während sie unter Aufsicht von älteren Dschihadisten standen, die mit dem Schießen in die Menge der Musikfans begonnen hatten.

Die Propaganda des „Islamischen Staats“ ist technisch hochprofessionell gestaltet. Jugendschützer beobachten die Zunahme von drastischen Gewaltdarstellungen, sagte Stefan Glaser, stellvertretender Leiter von jugendschutz.net am Donnerstag in Berlin. Professionell produzierte Videos würden über soziale Medien gezielt eingesetzt, um bei Kindern und Jugendlichen Wut zu schüren, zum Hass anzustacheln, aber auch um zu verängstigen und zu schockieren.

Insgesamt 1 050 Verstöße gegen den Jugendschutz hat jugendschutz.net in den Jahren zwischen 2012 bis 2015 registriert. Die Hälfte davon seien Darstellungen von Krieg und Gewalt gewesen, deren Aufarbeitung an Hollywood-Filme oder gewalttätige Musikclips erinnern. Von Gewaltvideos, die sich Jugendliche auf ihre Handys herunterladen, wissen die Eltern in der Regel nichts. Dabei kommt laut jugendschutz.net vor allem reichweitenstarken Plattformen wie Facebook, YouTube oder Twitter eine Schlüsselrolle zu. Auch neue Dienste wie Sendvid oder Telegram würden bevorzugt von Islamisten genutzt, um menschenverachtende Propaganda zu verbreiten. Glaser forderte die Betreiber der Plattformen auf, nicht nur auf Hinweise hin Hassvideos zu löschen. Vielmehr sollten die Anbieter von sich aus aktiv werden und die Verbreitung der Inhalte mit ihren technischen Mitteln verhindern. Das Internet sei das „zentrale Medium für den Islamismus“, erklärte auch die Leiterin des Fachbereichs Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung, Hanne Wurzel. Ob man mit Gewaltvideos auf die Gewalt aufmerksam machen muss, ist in Frage zu stellen. Denn so potenziert sich nur das Problem, das man gerade verhindern will.