Würzburg

Missionarisch und auskunftsfähig

Christen besitzen im säkularisierten Europa kein Monopol, sind nicht unangefochten. Dennoch ist der Rückzug ins Ghetto keine Option. Denn die Kirche hat nicht das Recht, ihr Licht zu verstecken.

Sonnenuntergang am Brandenburger Tor
Sonnenuntergang am Brandenburger Tor in Berlin. Foto: meitantei/stock.adobe.com

Ob in Italien, Frankreich, Deutschland oder Österreich: Wir alle leben in einer weithin säkularisierten Gesellschaft, die ihre wesentlichen privaten wie öffentlichen Lebensvollzüge ohne Rückgriff auf Gott und Seine Offenbarung gestalten zu können meint. Diese Aussage ließe sich relativieren mit dem zutreffenden Argument, dass der europäische Säkularismus selbst eine Frucht des Christentums ist, weil er seine Quelle in jener Unterscheidung zwischen sakral und profan, göttlich und weltlich hat, die Jesus selbst setzte: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ (Mt 22,21). Tatsächlich gibt Jesus mit dieser für seine damalige Zuhörerschaft verblüffenden Unterscheidung die Möglichkeit zu einem Raum des Säkularen frei. Aufklärung und Säkularismus sind Kinder des Christentums, pubertierende Kinder allerdings, die sich mit der Pubertierenden eigenen Härte und Irrationalität gegen die eigenen Eltern wenden.

Womit wir uns als Christen zeitkritisch auseinandersetzen dürfen, ist das unbewiesene und doch geglaubte profane „Dogma“, Fortschritt sei unlösbar mit Säkularisierung, Modernität unweigerlich mit dem Zurückdrängen des Religiösen aus dem öffentlichen Raum verbunden. Der Soziologe Ulrich Beck fasst dies so zusammen: „Die Aufklärung hat den Menschen von Gott befreit und ihm zur Autonomie in allen Bereichen verholfen. Religiöser Glaube ist atavistisch, ein Produkt des schlechten Gewissens (…) Zum Bild des modernen, aufgeklärten Europäers gehört es, den vormodernen Aberglauben überwunden zu haben.“ Daran glaubten zunächst Eliten und glauben nun längst auch die Massen in Europa.

Jedoch nur hier: In den USA etwa käme niemand auf die Idee, die öffentliche Präsenz von Religion für ein Zeichen von Rückschrittlichkeit und religiöse Menschen grundsätzlich für vormodern zu halten. Afrika und Asien sind ohnedies Räume pulsierender Religiosität.

Was die Welt nicht aus sich selbst hervorbringen kann

Doch auch für das alte Europa gilt, dass die Kirche sich weder als „heiliger Rest“ aus der vermeintlich unheiligen Gesellschaft zurückziehen darf, noch sich wie ein Chamäleon bis zur Ununterscheidbarkeit der Oberflächenfarbe dieser oder einer beliebigen anderen Gesellschaft anpassen kann. So oder so nämlich würde sie aufgeben, „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ (Mt 5,13–14) zu sein. In beiden Bildern steckt die notwendige Solidarität der Christen mit „der Erde“, „der Welt“, wie auch das Anders- und Unterscheidbar-Sein von Kirche. „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ sein heißt, „Erde“ und „Welt“ zu geben, was sie nicht aus sich bereits in ausreichendem Maße haben oder hervorbringen können.

Die Kirche hat nicht das Recht, ihr Licht zu verstecken, weil es nur in einem lunaren Sinn ihr Licht ist. Kardinal Kurt Koch hat das einmal so formuliert: „Wie der Mond sein ganzes Licht von der Sonne empfängt, um dieses in die Nacht hineinstrahlen zu lassen, so liegt die Grundsendung der Kirche darin, das Licht der Christussonne in die Weltnacht der Menschen hineinzustrahlen und erleuchtete Hoffnung zu ermöglichen.“ Das Licht des Mondes ist von der Sonne aufgefangenes und reflektiertes Licht. Ob Tag oder Nacht: Immer ist es das Licht der Sonne, das wir empfangen und ohne das es auf der Erde keinerlei Leben gäbe. Das blässere, kalte Licht des Mondes erinnert noch an das lebensspendende, kraftvolle, Helligkeit und Farben und Wärme schenkende Licht der Sonne: des gestrigen wie auch des morgigen Tages.

Dieses Bild macht die Kirche nicht klein, zeigt aber ihre dienende Rolle. Die Kirche kann sich nicht reibungsfrei in die Gesellschaft einordnen, etwa als Sozial- oder Bildungseinrichtung neben anderen, als Partei unter Parteien, als religiöser oder spiritueller Verein unter Vereinen. Sie passt in kein antikes oder modernes Pantheon. Die Postmoderne hätte ja kein Problem damit, die Kirche als eine Schattierung auf ihrer Farbskala zu akzeptieren, als Teil ihres postmodernen Kuchens der Sinnangebote. Aber die Kirche ist nicht Teil von etwas. Sie gewinnt ihr Selbstverständnis nicht von einer Platzzuweisung seitens der Gesellschaft, sondern von Gott her. Genau dies machte sie Diktatoren von Nero bis Stalin immer so verdächtig. Die Kirche ist „pilgerndes Gottesvolk“ und „Leib Christi“. Insofern sie Christus gehört, verweigert sie sich den Partikularismen und richtet sich auf das Ganze.

Heiliger Geist statt Zeitgeist

Die Kirche rechtfertigt sich auch nicht vor dem Geist der Zeit, sondern vor dem Heiligen Geist, dessen Beistand ihr der Herr zugesagt hat (Joh 16,7.13). Sie bezeugt, dass das Wirken Gottes nicht „von gestern“ ist, so als habe Gott am Anfang etwas geschaffen und dann uns überlassen. Die Kirche ist kein bloßer Geschichts- und Gedächtnisverein, weil Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben auch für den Menschen von heute ist. Der „logos“ des Anfangs, durch den alles geworden ist (Joh 1,3), ist auch das Ziel unseres Lebens. Das ist eine befreiende Botschaft: Sie befreit uns von der Manie, alles selbst retten, richten, lösen oder gar erlösen zu müssen. Sie befreit uns zu der Erkenntnis, dass Gott der Herr und das Ziel der Geschichte bleibt – und zwar der Geschichte unseres eigenen Lebens wie der Menschheit als ganzer.

Weil die Botschaft der Kirche keine Erfindung oder Auffindung von Menschen ist, keine Ideologie, kein Gedankenkonstrukt, sondern souveräne Offenbarung Gottes, deshalb ist und bleibt die Kirche inmitten dieser Welt Fingerzeig über diese Welt hinaus. Dass das oft nicht gerne gehört und gesehen wird, dass es phasenweise auch tödlich endet, ist mit Blick auf den Gekreuzigten und die zahllosen Märtyrer in Seiner Nachfolge keine Überraschung.

Weil die Botschaft nicht von uns und nicht bloß für uns ist, sondern von Gott und für „alle Völker… alle Menschen“ (Mt 28,19), sind Verkündigung und Mission nicht fakultativ, sondern obligatorisch. Die Kirche kann verkündigen, sie muss es aber auch. Christsein ist wesentlich missionarisch. Es geschieht auf unterschiedliche Weise, zunächst vor allem Tun durch das Sein der Kirche. Sie erinnert nicht nur an Christus, sondern setzt ihn seiend und feiernd präsent in jeder Zeit.

Europas Christen müssen wissen, was sie glauben

Dem Sein folgt das Tun: Wir Christen müssen erneut auskunftsfähig werden. „Niedrigschwellig“ sollte der Zugang zum Glaubensgespräch sein. Niedrigschwellig sollte unsere Vermittlung christlicher Kernbotschaften werden. Das bedeutet, dass sich Verkündigung und Religionsunterricht weniger mit Gefühltem und mehr mit Wissensvermittlung befassen müssen. Die Auskunftsfähigkeit der Christen über ihren Glauben ist nämlich dramatisch geschwunden.

Was käme heraus, wenn wir auf den Straßen Berlins oder Wiens willkürlich Menschen über ihr Glaubenswissen befragen würden? Nicht zu ihrer Meinung zu kirchenpolitischen Themen, sondern über Schlüsselbegriffe des christlichen Glaubens: Was bedeutet Inkarnation, und was hat das mit Weihnachten zu tun? Was bedeutet Auferstehung, und was hat das mit Ostern zu tun? Was bedeutet Dreifaltigkeit, und was hat das mit unserem Leben zu tun? Und wie würde die Umfrage wohl ausfallen, wenn wir in der Innenstadt von Kairo, Istanbul oder Amman Muslime zum Kern ihres Glaubens befragten?

  • Schlüsselbegriffe des christlichen Glaubens - erklärt im Youcat-Glaubenskurs

Nicht „niedrigschwellig“ sollten wir das Heilige präsentieren. Was nichts kostet, ist nichts wert! Wer Sakramente ohne gediegene Vorbereitung, ohne ein Mindestmaß an geistiger und zeitlicher Anstrengung bekommt, wird nicht den Eindruck gewinnen, Wertvolles erhalten zu haben. Sakramente sind keine Waren im Supermarkt, die man nach Zahlung des Kirchenbeitrags in den Einkaufswagen legen kann. Sakramenten-Spendung ohne gediegene Vorbereitung verstößt gegen die Würde des Sakraments – und gegen die Würde dessen, der es empfängt.

Mit der Respiritualisierung, die die Postmoderne kennzeichnet, hat das Wallfahrtswesen einen neuen Boom erreicht. Könnte vielleicht auch das Andachtswesen wiederentdeckt werden? Würden wir die traditionell „niedrigschwelligen“ Formen von Gebet und Liturgie wieder stärker pflegen, könnte die Eucharistiefeier an sichtbarer, spürbarer Vertikalität gewinnen.

Herausgefordert zum Gespräch - und Widerspruch

Wir Christen müssen wieder mehr von Gott reden und Seine Botschaft wenn möglich nicht allzu sehr verstellen. Wir tun dies in dieser Gesellschaft weder unangefochten noch besitzen wir ein Monopol. Von der einen Seite schlägt uns ein Atheismus ins Gesicht, der Gott zur Bedrohung der Freiheit des Menschen erklärt, sowie ein Agnostizismus, der uns sagt, es sei alles gleich gültig und gleichgültig. Von der anderen Seite werben Islam und Esoterik mit konkurrierenden Gottes-Vorstellungen. Da sind wir als Christen herausgefordert: zum Gespräch und auch zum Widerspruch. Das geht nicht ohne Eintauchen ins Eigene, auch nicht ohne die Großzügigkeit, gewonnene Einsichten und geschenkte Wahrheit zu teilen und weiterzugeben.

Nicht nur die Auskunftsfähigkeit und das Glaubenswissen der Christen sind geschmolzen wie der Schnee in der Frühlingssonne. Auch die christliche Praxis und das Mitschwingen der Christen im Kirchenjahr sind stark rückläufig. Das ist keine Einladung zum Jammern, sondern zu bewusster Stellvertretung. Wie Abraham vor seinen Gott tritt und mit ihm sogar handelt, wie die zwölf Apostel für die zwölf Stämme Israels stehen, dürfen Christen bewusst stellvertretend für die Vielen vor Gott treten: anbetend, lobpreisend, dankend, bittend.