Migrantenschicksale in Kalifornien

Mehrere Generationen der Familie Thomas Manns waren auf der Flucht – Bücher und eine Ausstellung. Von Barbara Strahm

Ein Ort der Sehnsucht und der Flucht – „Wo ich bin, ist Deutschland“, sagte Thomas Mann nach seiner Ankunft in Amerika. Unser Bild zeigt sein „Weißes Haus des Exils“, „Seven Palms“, das er 1942 für sich in Pacific Palisades baute. Foto: IN
Ein Ort der Sehnsucht und der Flucht – „Wo ich bin, ist Deutschland“, sagte Thomas Mann nach seiner Ankunft in Amerika. ... Foto: IN

Der Verlust äußerer und innerer Behaustheit und die Anstrengungen, sie für sich am neuen Ort neu zu erschaffen, sind wohl zentrales Thema jeder erzwungenen Migration. Es wird in Familien oft generationenübergreifend weitergegeben.

Die Familie Mann, ohne die die deutsche Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht wäre, was sie ist, macht da keine Ausnahme. Das Schicksal einer erzwungenen Migration nach traumatischen Ereignissen erlebte bereits die Mutter von Heinrich und Thomas, Julia Mann, auch wenn sie nicht vor Krieg, Hunger, sozialem Elend oder politischen Verhältnissen flüchtete und am neuen Ort in geordnete, wohlhabende Verhältnisse kam. Als Julia fünf Jahre alt war, starb ihre Mutter, die portugiesisch kreolische Brasilianerin Luiza da Silva, bei der Geburt des sechsten Kindes, das ebenfalls starb. Der Vater, Johann Ludwig Herrmann Bruhns, ein Lübecker Kaufmann und Patriziersohn, der in Brasilien mit Anbau und Handel von Kaffee und Zuckerrohr zu Wohlstand gekommen war, löste daraufhin den brasilianischen Haushalt auf und verfrachtete zwei Jahre später seine fünf Kinder nach Lübeck zu Mutter, Bruder und Schwägerin. Er selbst ging nach Brasilien zurück. Die drei Söhne folgten ihm wenige Jahre später. Julia da Silva Bruhns aber, die spätere verheiratete Mann, sollte, wie ihre Schwester, die Heimat ihrer Kindheit nie wieder sehen. Das vom Vater verkaufte brasilianische Familienanwesen „Boa Vista“, eine weiße, von Palmen umstandene ländliche Villa über der Atlantikküste, eingebettet in die reiche Pflanzen- und Tierwelt des Urwaldes, wurde für Julia zum verlorenen Paradies, dem sie ein Leben lang, Kindern und Enkeln mündlich und schriftlich lebhaft geschildert, als Sehnsuchtsort anhing.

Julia fügte sich, äußerlich erfolgreich, in die protestantische, hanseatisch-patrizische Lübecker Leitkultur ein, während sich ihre Verluste an vertrauten Menschen durch Abreisen und Todesfälle fortsetzten. Sie gibt die portugiesische Muttersprache und die katholische Mutterreligion hin und verzichtet, zur sangesbegabten dunkelhaarigen Schönheit mit karamelfarbenem Teint herangewachsen, auf eine heiß erwiderte, zwar standesgemäße, aber mittellose Jugendliebe. Sie heiratet stattdessen, auf sanften Druck der Familie, mit neunzehn Jahren Konsul Thomas Johann Heinrich Mann, dem sie in knapp zweiundzwanzig Jahren Ehe fünf Kinder gebiert: Heinrich, Thomas, Carla, Elisabeth und Nachzögling Viktor, von dem seine Brüder mutmaßten, er könne die Frucht einer Beziehung der Mutter mit einem ihrer musikalischen Begleiter sein. Viktor kam im Jahr des hundertjährigen Bestehens des Handelshauses Mann zur Welt. Im Folgejahr, 1891, stirbt Julias Mann an den Folgen einer Operation und überlässt Frau und unmündige Kinder testamentarisch den Zuwendungen eines Vermögensverwalters. Das prachtvolle Familienhaus sei zu verkaufen, so wie alle anderen Liegenschaften auch, die Firma zu liquidieren. Julia, nun mit vierzig Jahren Witwe und Mutter von fünf Halbwaisen, verliert zum zweiten Mal in ihrem Leben ihr Familienheim. Bis zu ihrem Tod lebt sie in gemieteten Unterkünften, die zunächst noch den großbürgerlichen Anspruch Lübeckscher Prägung aufrechterhalten, mit den Jahren aber immer unzureichender werden.

Verzweifelter Wille zum Wechsel des Domizils

Sohn Viktor, der den prachtvollen Haushalt in Lübeck nicht selbst erlebt hatte, beklagte die „immer schon“ vorhanden gewesene Bereitschaft der Mutter „zum Domizilwechsel, die zu einer fast krankhaften Unstetheit“ geworden sei. Am elften März 1923 stirbt Julia Mann, geborene da Silva Bruhns, in einem schlecht geheizten Gasthofzimmer im oberbayrischen Dorf Weßling an den Folgen einer Erkältung. Sie wird auf dem Münchener Waldfriedhof begraben.

Julias Kindern wird innere und äußere Unbehaustheit ebenfalls zum Lebensthema. In ihren Töchtern potenziert sie sich. Carla, ohne wirkliche Erfolge als Schauspielerin tätig, strebt eine Versorgungsehe an und vergiftet sich in der Wohnung ihrer Mutter, nur durch eine Zimmertüre von dieser getrennt, als die Ehe nicht zustande kommt. Elisabeth geht zur Sicherung eines standesgemäßen Lebensunterhaltes eine Ehe mit einem ihr geistig und körperlich unattraktiven Mann ein, den sie nur mit Tabletten und Drogen erträgt und dem sie drei Töchter gebiert. Dass sie sich, verwitwet, nach inflationsbedingtem Vermögensverlust erhängt, erlebt Julia nicht mehr. Die Tode von eigener Hand setzen sich in Julias Enkelgeneration fort. Zwei Söhne von Thomas nehmen sich das Leben.

Julias innere Fremdheit in der kaufmännisch geprägten, hanseatisch patrizischen Leitkultur Lübecks überträgt sie wie in einem subversiv unbewussten inneren Widerstand auf ihre beiden älteren Sohne Heinrich und Thomas. Zum Leidwesen ihres Mannes setzt sie der Verweigerung beider, Lübecker Handelsherren nach dem Beispiel von Vater und Vorvätern zu werden, nichts entgegen. Sie befördert deren gegenläufige Neigungen schon, als in den dilettierenden Talenten der Söhne noch keine wirkliche Begabung erkennbar gewesen war. Die späteren literarischen und wirtschaftlichen Erfolge beider so unterschiedlicher Menschen und Schriftsteller erlebt sie mit Genugtuung und Stolz. Dass Thomas 1929 den Nobelpreis für Literatur erhält, erlebt sie nicht mehr.

Dagmar von Gersdorff, bewährte Autorin von Biographien aus der Goethezeit, hat nun die erste Lebensbeschreibung Julia Manns vorgelegt. Die bisherige Lücke ist umso erstaunlicher, als beide Söhne sich ein Leben lang zur bedeutenden Rolle ihrer Mutter für ihr Schriftstellerleben auch öffentlich geäußert haben. Die von Gersdorff präsentierten Daten lassen eine Fülle noch ungehobener biographischer Schätze vermuten. Zu manchem wünscht man sich thematische Vertiefungen, auch erführe man gerne mehr über Julia Manns brasilianische Familie und die Schicksale von Vater und Brüdern. Dass Julia selbst in diesem Buch hinter ihre Lebensdaten zurücktritt, mag unbewusster Ausdruck einer durch traumatische Erfahrungen geprägten Lebensgeschichte sein.

1933, zehn Jahre nach Julias Tod, werden die Bücher ihrer beiden Söhne Heinrich und Thomas, wie die so vieler anderer Autoren, in Deutschland öffentlich als „undeutsch“ verbrannt.

Mit dem Bau eines Hauses die Leiden überwinden

Thomas wird 1933, Heinrich 1940 zum politischen Emigranten, während Nachzögling Viktor, studierter Landwirt und Bayer aus Überzeugung und von Dialekt, als „Karteileiche der NSDAP“ und Landwirtschaftsberater bei der Wehrmacht sein Auskommen hat. Sohn Thomas findet, nach Zwischenstationen, 1938 Aufnahme in Amerika, wohin schließlich auch Heinrich gelangt. „Wo ich bin, ist Deutschland“, gibt Thomas in Amerika kund. Finanziell vergleichsweise komfortabel ausgestattet entgeht er dennoch nicht den seelischen und praktischen Auswirkungen einer erzwungenen Migration und sucht diese durch den Bau eines eigenen Hauses für vermeintlich dauerhafte Sesshaftigkeit zu überwinden, für die er 1944 auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annimmt. Am fünften Februar 1942 beziehen Thomas und Katia Mann „Seven Palms“, ihr „Weisses Haus des Exils“, wie man es heute nennt, hoch über der kalifornischen Atlantikküste von Pacific Palisades. 1952, zunehmend vereinsamt und unter sich veränderndem politischen Klima in Amerika, verlässt das gealterte Ehepaar Thomas und Katia Mann das Haus und zieht in die Schweiz. Seven Palms wird zu einem geringen Preis verkauft. 1954 erwirbt Thomas Mann wieder ein eigenes Haus, in Kilchberg am Zürichsee, und träumt seinem großzügig luftigen, weißen Haus hoch über der Meeresküste von Pacific Palisades nach. Im Jahr darauf stirbt er.

Eine Studienstätte erinnert an die ehemalige Zuflucht

„Seven Palms“ wurde 2017 von der Bundesrepublik Deutschland gekauft und im Sommer 2018 der Öffentlichkeit als Begegnungs- und Studienstätte übergeben. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach widmet nun, in Zusammenarbeit mit dem Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich, dem amerikanischen Exil Thomas Manns und seinem dortigen literarischem und politischem Wirken, eine Ausstellung, die noch bis 30. Juni 2019 geöffnet ist.

Wie das von allen physischen Erinnerungen geleerte amerikanische Haus Thomas Manns sich kurz vor der Übernahme durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland zeigte, erschließt sich durch wunderbar minimalistische, poetische Fotografien von Sebastian Stumpf. Zusammen mit den gelungenen Texten von Francis Nenik, den neben Sprachkunst auch ein besonderes Talent zur Recherche auszuzeichnen scheint, lassen sie im Buch „Seven Palms“ – Das Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades, Los Angeles“ ein ungewöhnlich lebendig erscheinendes Bild der Geister seiner ehemaligen Bewohner aufscheinen.

Entsprechendes fehlt für die Kinderheimat der Julia da Silva Bruhns, verwitwete Mann, von der die Migrationsgeschichte der Familie Mann ihren Ausgang nahm. Um Erwerb und Rettung von „Boa Vista“ über der Bucht von Paraty an der brasilianischen Atlantikküste bemühen sich Mitglieder und Freunde der Familie Mann seit Jahren vergeblich.

– Dagmar v. Gersdorff: Julia Mann – Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann. Insel Verlag 2018, 335 Seiten, EUR 24,–

– Francis Nenik/Sebastian Stumpf: „Seven Palms“. Das Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades, Los Angeles. Spector Books, Harkorstraße 10, Leipzig, 320 Seiten, EUR 28,–

– Deutsches Literaturarchiv Marbach, Ausstellung „Thomas Mann in Amerika“, bis 30. Juni 2019.