Michael Triegel: Der Widersager

Am 13. Dezember wird der Maler Michael Triegel 50 Jahre alt. Sein Maßstab ist nicht die Moderne, sondern Albrecht Dürer. Eine Würdigung. Von Ingo Langner

Zum 50. Geburtstag Michael Triegels
Von seinen Vorbildern hat Triegel das Altmeisterliche und die Bildwelten des Christentums übernommen. Foto: arifoto UG (dpa)

Stilleben mit Ente" hat Michael Triegel ein 2012 datiertes Gemälde genannt und in Klammern "für Dürer" dazugesetzt. Es ist derzeit, zusammen mit mehr als 70 Gemälden im Erfurter Angermuseum im Kontext einer umfassenden Werkschau ausgestellt. Darauf hängt eine tote Wildente an einem Bindfaden kopfunter. Ein heller Flügel berührt den Boden, während der nach oben gerichtete andere uns sein dunkelblaues Gefieder zeigt. Die Spitze des Entenschnabels liegt vor einer großen Muschel, daneben acht weitere jeweils sehr unterschiedliche Schwestern. Rechts davon bedeckt ein auch mit Bindfaden verschnürtes Päckchen zwei Kunstpostkarten. Gleichwohl gut zu erkennen sind auf der oberen zwei gezeichnete Hände. Eine davon hält einen feinen Pinsel, die andere zeigt uns ihre Innenfläche. Auf der fast vollständig verdeckten Karte rechts daneben ist ein kleiner Polyeder zu sehen. Dort hat Michael Triegel das Gemälde mit einem großen T signiert.

Worauf die Widmung "für Dürer" schon hinweist: auf beiden Postkarten hat Michael Triegel zwei Studienblätter von Albrecht Dürer kopiert. Wir alle kennen Dürers "Betende Hände". Doch nur Fachleute wissen, der Nürnberger Maler war von dem auch Vielflächner genannten Polyeder fasziniert, der auf eine lediglich von geraden Flächen begrenzte Teilmenge des dreidimensionalen Raumes verweist. Auf Dürers "Melancholia", wo die zentrale Gestalt, ein sitzender Engel, einen Zirkel hält, ist ein Polyeder zu sehen, und mit seinem Entenflügel zitiert Triegel Dürers Aquarell "Blaurackenflügel".

Der Maßstab für Michael Triegel

Bereits in diesen Details zeigt sich, woraus Triegel Themen und Motive schöpft, darüber hinaus, dass für ihn ein Künstler wie Albrecht Dürer der Maßstab ist, an dem auch er gemessen werden möchte. Andere Namen in diesem Zusammenhang sind die bedeutenden italienischen Maler der Renaissance. Michelangelo Buonarroti hat er ein eigenes Porträt gewidmet. Raffaels Papst Julius II. findet in Triegels Benedikt XVI. seinen Widerhall, und Jacopo da Pontormos "Grablegung Christi" ist von ihm kongenial mit dem Hier und Heute verbunden worden.

Doch auch an Malern des 16. Jahrhunderts nimmt Michael Triegel Maß: Agnolo Bronzinos "Bildnis eines jungen Mannes mit Laute", 1532 entstanden, spiegelt Triegel in seinem Gemälde "Selbst in Schwarz". Wo er Bronzinos Laute gegen einen Kompass austauscht, den sein "Selbst" in der Hand hält. So als wolle er zeigen: Ich weiß genau, wohin meine Fahrt geht.

Die Antikensehnsucht

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass zu Triegels Inspirationsquellen bis heute auch etwas gehört, was wir seine Antikensehnsucht nennen möchten. Die hat in Bildern ihren Niederschlag gefunden, die "Persephone im Hades" oder "Schlafende Ariadne" heißen. Im "Der Gesichtssinn" sehen wir als Bild im Bild Weintrauben in einem reich geschnitzten alten Rahmen, und in der Manier des "Trompe-l  il" einen beiseite gezogenen Vorhang. Mit diesen Motiven zitiert Triegel eine von Plinius überlieferte Anekdote, bei der es um einen Wettstreit zwischen den beiden griechischen Künstlern Zeuxis und Parrhasios geht. Zeuxis malte Trauben so lebensecht, dass sogar Vögel herbeiflogen, um davon zu naschen. Parrhasios wiederum täuschte Zeuxis mit einem gemalten Vorhang, den sein Rivale für einen wirklichen hielt.

Orientierung an Vorbildern

Von seinen Vorbildern hat Triegel das Altmeisterliche und die Bildwelten des Christentums übernommen. Zunächst nur in den Sujets, nach seiner katholischen Taufe in der Osternacht 2014 auch als geistig-geistliches Erbe. Er ist, wenn man so will, über das Malen ad fontes gegangen und zu jenem lebendigen Wasser gelangt, von dem Jesus sagt: "Das Wasser, das ich ihm geben werde, wird ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das bis ins ewige Leben quillt."

Sichtbarer Ausdruck dessen sind die Altarbilder, die Triegel inzwischen für evangelische und katholische Kirchen gemalt hat, und gewiss auch das Andachtsbild "Barmherziger Jesus" für die Würzburger Kirche Sankt Peter und Paul, das auf Visionen der im Jahr 2000 heiliggesprochenen polnischen Ordensschwester Faustyna Kowalska (1905 1938) zurückgeht, und von der Arbeit daran sagt Triegel, es sei eines seiner "schönsten und aufwühlendsten Projekte".

Die Namen der Bilder

Triegel nennt seine Bilder "Ave", "Heimsuchung", "Anbetung", "Transfiguration", "Abendmahl", "Ecce Homo", "Karfreitagsstillleben", "Am Grabe", "Ostertraum", "Glaube Liebe Hoffnung" oder Kreuzigung. Das zuletzt genannte hat Diego Velasquez  berühmtes Kreuzigungsbild zum Vorbild und ist deshalb eine doppelte Paraphrase darauf, weil Triegel nicht bloß eine freie Übersetzung des berühmten spanischen Vorbildes wagt und wie in der musikalischen Bedeutung der Paraphrase die vom Spanier vorgegebene Auffassung des Themas gleich mehrfach ausschmückt. Er tut das zum einen, indem er das mit einer Dornenkrone gekrönte Haupt Christi mit einem durchscheinenden weißen Blatt Papier bedeckt und es so mit dem Schweißtuch der heiligen Veronika und der daraus entspringenden ungemein vielschichtigen Thematik "Vera Icon", des wahren Abbildes, verquickt; gleichzeitig verweist er damit auch auf die Praxis beim Restaurieren alter Gemälde, wo solche Papierblätter Verwendung finden.

"Per lumina vera ad verum lumen", durch das sichtbare Licht zur Erkenntnis des wahren Lichts, diesen zentralen Gedanken christlichen Denkens hat Abt Suger 1143 an die Westfassade von St. Denis geschrieben. In seinen Visionen zum Bau dieser Perle der französischen Gotik schreibt der mit Bernhard von Clairvaux eng verbundene französische Kirchenfürst und Staatsmann, man möge "Per visibilia ad invisibilia" kommen, also vom Sichtbaren zum Unsichtbaren. Damit ist auch treffend auf den Punkt gebracht, was in nuce Michael Triegels künstlerisches Credo ausmacht.

Die Körperlichkeit so genau wie möglich darstellen

Unentwegt arbeitet er daran, Gegenstände oder Personen in ihrer Körperlichkeit so genau wie möglich darzustellen, jedoch ohne allein die Hülle zu geben. "Schön wäre es, wenn es gelänge, das Physische ins Metaphysische zu überführen, wie es auch die alten Spanier wie Zurbar n gemacht haben", sagte er einmal und fuhr fort: "Sehen Sie sich mein Karfreitagsstillleben an: Herz und Fische, Holzleisten und Nägel, spärlichste Zusammenstellung für ein Küchenstillleben   oder mehr?"

Ob es zu diesem "Mehr" kommen wird, hängt gewiss auch von der geistigen Disposition des Betrachters ab. Triegels Bilder sind nämlich Rebus und menschenkritische Reflexion zugleich. Seine Kunst gibt nur denen schier unlösbare Rätsel auf, die sich um des Linsengerichts einer menschlichen Allmachtsautonomie willen von den christlich-abendländischen Wurzeln losgesagt haben und im Wortsinne "nichts mehr wissen". Trost und Aufmunterung ist sie dagegen für all jene, die fürs Metaphysische offen geblieben sind.

Das Porträt von Papst Benedikt XVI. 

Vier Jahre vor seiner Taufe in der Leipziger Hofkirche hat Michael Triegel ein medial weit über die deutschen Grenzen hinaus beachtetes Porträt von Papst Benedikt XVI. gemalt. Wie Raffael Julius II. hat auch Triegel seinen Papst auf einen Prunkstuhl gesetzt. Julius II. schaut den Betrachter nicht an. Das aber tun Tizians Paul III. oder Innozenz X. von Vel zquez  oder Clemens IX. von Marattas oder Pius VII. von David auch. Triegels Benedikt XVI. hält ein weißes Blatt Papier in der Hand. Das tun auch Innozenz X. und Pius VII., während Clemens IX. ein Buch mit der Rechten auf die Armlehne stützt. Auch diese Bezüge zeigen, in welche Tradition sich Michael Triegel stellt und an wem er gemessen werden möchte.

Als Triegel 2010 sein Gemälde präsentierte, regierte Benedikt XVI. noch. Wer heute davor meditiert, dem wird es womöglich schwerfallen, das Blatt Papier in den Händen des Pontifex nicht für jenes Schriftstück zu halten, auf dem der deutsche Papst jene lateinischen Sätze notiert hatte, mit denen er am 11. Februar 2013 der Stadt Rom und dem Weltkreis seinen Amtsverzicht verkündete. In diesem Kontext betrachtet, hat Triegels Porträt etwas Prophetisches. Hier scheint es tatsächlich gelungen zu sein, "das Physische ins Metaphysische zu überführen".

Rund 1500 Jahre waren Kunst und Kirche ein Paar, dessen Symbiose bis zum Jüngsten Gericht hätte halten können. Doch die Reformation zerstörte nicht nur die Einheit der Christenheit. Mit Martin Luther und seinen Nachfolgern begann auch das, was der Psychojargon Entfremdung nennt. Für die atheistische Aufklärung, deren erklärtes Ziel auch heute noch die gottgleiche Selbstermächtigung jedes Erdenbürgers ist, war es nach dem protestantischen Zivilisationsbruch relativ leicht, auch der Kunst den Scheidungsbrief nahezulegen.

Ein eigener Weg jenseits von Zeitgeist und Moden

"Christus hat Fleisch angenommen und ist Mensch geworden   sollte man ihn nicht wie einen Menschen darstellen?" In Martin Mosebachs bemerkenswertem Buch "Die Häresie der Formlosigkeit" findet sich dieser Satz. Er gilt dort einer verlorenen Bataille gegen den Ikonoklasmus der Moderne, die mit ihrer inzwischen vollständigen Zerstörung erkennbarer Abbilder von Mensch und Natur auch reichlich über hundert Jahre nach ihrem ersten Fanfarenstoß immer noch glaubt, über die allein selig machenden Konzepte für die zeitgenössische Kunst zu verfügen. Zwar ist die Standarte "Avantgarde" längst fadenscheinig geworden, doch das wollen "Avantgardisten" und ihre Propagandisten landauf, landab nicht zur Kenntnis nehmen.

Triegel hat sich schon in seinen Studienjahren entschlossen, Zeitgeist und Moden zu widersagen und einen ganz eigenen, wirklich autarken Weg jenseits davon zu gehen. Von seinen Bildern sagt er, sie sind "vielleicht so etwas wie Schutzschilde, die mich vor meinen Ängsten bewahren und zugleich etwas von meinen Sehnsüchten erzählen, ohne dass ich vollkommen nackt dastehe.
Die Kunst schenkt mir im Bild Schutz, eine Maske." Am 13. Dezember wird Michael Triegel 50 Jahre alt.