Melancholische Musik und königliche Ungnade

Der britische Komponist John Dowland kam vor 450 Jahren zur Welt – Sein katholischer Glaube verhinderte die große Karriere in der Heimat. Von Stefan Meetschen

„Lass mich im Dunkel weilen, der Boden soll Trauer sein; das Dach Verzweiflung alles heitere Licht von mir aussperren“. Diese düsteren Verse John Dowlands, des berühmtesten Lautenisten und Liederkomponisten der Elisabethanischen Epoche zeigen, wie groß die Hoffnungslosigkeit werden kann für denjenigen, den man religiös verfolgt oder der sich zumindest religiös verfolgt fühlt. Ein Schicksal, das dem britischen Katholiken Dowland, der vor 450 Jahren zur Welt kam, nicht erspart blieb. Galten Katholiken in seinem Heimatland doch zu seinen Lebzeiten als immense Bedrohung für die Krone. Erst mit fast 50 Jahren erhielt Dowland die langersehnte Anstellung am königlichen Hof in England. Wurde während der Regierungszeit von James I. offiziell zum „Musician for the lute“ (Musiker für die Laute) ernannt. Nebenher ein Beweis dafür, wie bedeutend und populär dieses heute nahezu an den klassischen Rand gedrängte Instrument damals war.

Dowlands kreatives Feuer war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon weitestgehend erloschen. Kein Wunder: All die Jahre zuvor hatte er sich mit strapaziösen Reisen, insgesamt aber eher hochdotierten Auftritten in Frankreich, Deutschland (am Hof von Heinrich Julius von Braunschweig in Wolfenbüttel und am Hof des gelehrten Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel), Italien und Dänemark finanziell über Wasser halten müssen. Geplagt allerdings von der Sorge, ob nicht irgendwo die Geheimpolizei Ihrer Majestät auf ihn warte und ihm nach dem Leben trachte. Eine Form von Paranoia, die vermutlich durchaus berechtigt war. Seine hohen Honorare an den ausländischen Höfen weckten zu Hause keinen Nationalstolz, sondern Skepsis.

Arbeitete der Musiker vielleicht als Agent? War sein Salär deshalb so fulminant? Gerade, weil Dowland, während seine Frau und Kinder in England weilten, in Italien die Bekanntschaft katholischer Verschwörer machte, sah er es als notwendig an, sich brieflich gegenüber Sir Robert Cecil, dem Staatssekretär von Königin Elisabeth I. als unschuldig, treu und ergeben darzustellen. Was die anglikanische Königin aber offenbar nur wenig überzeugte. Dowland sei aufgrund seiner musikalischen Fähigkeiten zwar jeden Preis wert, bekundete die kühle Herrscherin, er sei aber ein „unbelehrbarer Papist“. Ein Urteil, das nachwirkte. Auch noch viele Jahre nach ihrem Tod.

So überrascht es nicht, dass Dowland in seinen vielen Liedern und Kompositionen einer intensiven Melancholie frönte. Die damals durchaus fashionable war. Man gefiel sich zunehmend statt des Tanzes beim Lauschen von Klängen und Versen, welche die Not verzweifelter Liebhaber ausdrücken. Schon die Titel von Dowlands Liedern belegen, dass der Mann, der sein Bekenntnis zum „old faith“, eben zum Katholizismus nie relativierte, diesen schwermütigen Trend durchaus zu erfüllen wusste: „Lachrimae“ (Tränen), „Forlorn Hope Fancy“ (Die verzweifelte Hoffnung) und natürlich „Semper Dowland, semper dolens“ (Immer Dowland, immer schmerzerfüllt), ein lyrisches Wortspiel, das zu einer Art Markenzeichen wurde und sein introvertiertes Image verstärkte.

Insgesamt hat Dowland, der am 20. Februar 1626 starb und in der bis zum großen Londoner Brand von 1666 existierenden Dominikanerkirche St. Ann’s beerdigt wurde, vier Liederbücher veröffentlicht. 75 Werke für die Solo-Laute hat er komponiert und etliche Ensemble-Stücke. Heute gilt der deutsche Countertenor Andreas Scholl als vorzüglicher Interpret seiner Lieder, aber auch Barbara Bonney und die schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter. William Shakespeare, der ein Jahr nach Dowland zur Welt kam und dessen 450. Geburtstag im kommenden Jahr ansteht, gehörte übrigens auch zu den Bewunderern des, wenn man so will, ersten britischen Singer-Songwriters. Mit den Versen „Du gibst dich Dowlands Melodien hin / von ihres Wohlklangs Zauber eingehüllt“ hat er dem Musiker ein bleibendes Denkmal gesetzt.