Meisterwerke aus der Nähe betrachtet

In Köln „Der andere Blick“ auf Fresken von Michelangelo, wie sie in der Sixtinischen Kapelle zu sehen sind – Die Ausstellung konzipierte Ingo Langner. Von Heinrich Wullhorst

Die Fresken von Michelangelo lassen sich in Köln bequem betrachten; Fotografien wurden auf Stoff reproduziert. Foto: Museum
Die Fresken von Michelangelo lassen sich in Köln bequem betrachten; Fotografien wurden auf Stoff reproduziert. Foto: Museum

Betritt der Besucher die Sixtinische Kapelle bei einem Gang durch die Vatikanischen Museen in Rom, so ist er zumeist wie geblendet durch die künstlerische Vielfalt, die ihm in dem gerade mal 41 mal 13,5 Meter großen und knapp 21 Meter hohen Sakralraum entgegenspringt. Das führt in der Regel zu einem ehrfurchtsvollen Staunen, das etwa so lange andauert, bis man von der Menschenmasse einmal quer durch die Kapelle geschoben wird und so dann sein eigenes „extra omnes“ erlebt. Am Ende bleiben meist nur Vokabeln wie „gigantisch“, „großartig“ und „wunderbar“ übrig, weil für ein Vertiefen in die kleinen Feinheiten der Kunst einfach die Zeit und die Muße fehlen.

An dieser Stelle wünscht sich jeder, der beim Betrachten der Deckenfresken in der Sixtina nach einem langen Museumstag einen steifen Nacken mit in den römischen Abend genommen hat, einmal einen anderen Blick auf die Kunstwerke. Um diese veränderte Draufsicht auf die Kunstwerke in der bekanntesten Kapelle der Ewigen Stadt geht es bei einer Sonderausstellung im Kölner Abenteuermuseum Odysseum. Sie trägt den Titel „Der andere Blick“ und läuft noch bis zum 23. Oktober.

„In dem Werk Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle wird die Weltschöpfung dargestellt, deshalb ist es so faszinierend“, sagt Ingo Langner. Er ist der Kurator, der die Ausstellung entwickelt hat. Und so nimmt er die Besucher des Museums mit in die Gedankenwelt Michelangelos. Begleitet wird dieser Ansatz dadurch, dass der große italienische Künstler, der am 6. März 1475 in dem toskanischen Dorf Caprese zur Welt kam, als Ich-Erzähler seine Gäste, die ihm auf dem Audio-Guide folgen, durch die Ausstellung führt.

„Zeitlebens ist ,la belleza‘, die Schönheit, das Ziel meiner künstlerischen und religiösen Überzeugungen gewesen“, lässt Langner den Maler und Bildhauer sagen, den Papst Julius II. beauftragte, die Sixtinische Kapelle neu zu gestalten. Als Michelangelo Buonarroti das Gotteshaus erstmalig betrat, fand er einen im Gewölbe aufgemalten Sternenhimmel vor. An den Seitenwänden hatten sich bereits 25 Jahre zuvor vier verschiedene florentinische Maler mit Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament künstlerisch verewigt.

Diese Bilder stehen daher, quasi als Status quo zum Start der Arbeiten Michelangelos im Jahre 1508, am Anfang der Ausstellung. Sie sind nicht etwa in künstlerisch wertvolle Rahmen gefasst, sondern in Baugerüste eingespannt. Dies schafft eine Brücke zum Werk Michelangelos, der selbst vier Jahre lang auf einem Baugerüst gestanden hat, um seine Deckenfresken in der Sixtina zu malen.

Wie sind nun die Bilder aus der Kapelle im Vatikan in das 1 400 Kilometer entfernte Köln gekommen? Selbstverständlich nicht im Original, da die Gemälde unmittelbar auf die Wände der Kapelle aufgebracht wurden und nicht wie Leihgaben von Leinwandexponaten durch die Welt geschickt werden können. Mehr als eineinhalb Jahre dauerte es, bis die Planer der Ausstellung die vom Vatikanischen Museum zur Verfügung gestellten Fotos aus der Sixtinischen Kapelle aufwändig überarbeitet hatten. Danach erfolgte die Reproduktion der Aufnahmen auf Stoffbahnen. So entfalten die Bilder eine ganz eigene Wirkung und ermöglichen eben genau diesen „anderen Blick“, den die Ausstellung ermöglichen will.

Berühmte Künstler gehörten zu der florentinischen Malergruppe, die vor Michelangelo die Seitenwände in Angriff genommen hatte. Papst Sixtus IV. beauftragte so klangvolle Namen wie Perugino, Botticelli, Rosselli und Ghirlando mit der Gemeinschaftsaufgabe. Die beiden Zyklen mit zwölf Fresken aus dem Leben des Mose und dem Leben Jesu bebildern bereits eindrucksvoll Schlüsselszenen aus der Bibel. Darin enthalten sind so prägende Ereignisse wie der Auszug aus Ägypten, die Übergabe der Gesetzestafeln an Mose oder der Tanz ums Goldene Kalb. Mit der Taufe Jesu beginnt der Bilderzyklus aus dem Neuen Testament. Die Versuchung Jesu ist ebenso eindrucksvoll in Szene gesetzt, wie die Berufung des ersten Apostels oder die Übergabe der Schlüsselgewalt an Petrus.

Typisch für die Kunst der Renaissance ist das Erscheinen zeitgenössisch gekleideter Personen in unterschiedlichen Bildszenen. Diese Figuren ziehen sich durch beide Bildzyklen und schaffen so die Brücke vom Vergangenen in die Zeit. So wird deutlich, dass das, was damals geschah, die Menschen über alle Jahrhunderte weiter betrifft und bewegt.

Nachdem die Kapelle also bereits mit den großen Geschichten der Bibel bestückt war, stellte sich für Michelangelo die Frage, womit dann das zum Himmel zeigende Deckengewölbe ausgestattet werden sollte. Eigentlich blieb da nur noch die zentrale Schöpfungsgeschichte: die Entstehung der Welt, die Erschaffung der Menschen und der Sündenfall mit der Vertreibung aus dem Paradies. In der Hinführung auf diesen Höhepunkt, der auch das zentrale Ereignis der 1 200 Quadratmeter Fläche einnehmenden Ausstellung bildet, zeigt das Odysseum jedoch zunächst die malerische Brücke von den Wandzyklen zum Deckengewölbe.

Hier findet sich der Betrachter in der Zeit zwischen der Erschaffung der Welt und dem Wirken von Mose und Jesus wieder. Es sind die großen Geschichten und Persönlichkeiten des Alten Testaments, die man hier findet. Sieben der siebzehn im Buch der Bücher beschriebenen Propheten sind dort in unterschiedlichen Posen abgebildet. Fünf der Sybillen, die mit ihren mystischen Weissagungen die alte Zeit geprägt haben, hat Michelangelo an der Decke der Kapelle verewigt. Daneben findet sich der eindrucksvoll interpretierte Kampf zwischen David und Goliath und die Enthauptung des assyrischen Feldherrn Holofernes durch Judith. Die Kupferne Schlange des Moses verbindet die Bilder im Deckengewölbe inhaltlich ebenso mit den Wandbildern wie der Stammbaum Jesu.

Den Höhepunkt der Ausstellung haben sich die Gestalter selbstverständlich für den Schluss aufgehoben. Das rechteckige Baugerüst bietet die Möglichkeit, aus einer Höhe von 1,75 Metern die weltberühmten Fresken über die Schöpfungsgeschichte zu betrachten. Aber eben nicht mit dem bekannten Blick nach oben, der die Nackensteifheit verursacht, sondern mit dem „anderen Blick“ zum nahen Boden, auf dem die Stoffbahnen mit den Fotos der Fresken angebracht sind. Das eröffnet dem Betrachter die Chance, jedes einzelne Detail des Gesamtkunstwerkes zu studieren, jede faszinierende Kleinigkeit. So gelingt aber auch der Blick über das Werk hinaus, der das Verstehen der Kunst und des Künstlers und das Begreifen der dahinterstehenden großen Geschichte Gottes ermöglicht.

Im ersten Bild schiebt Gott mit seinem mächtigen Arm die Finsternis zur Seite. Dieser Satz aus Genesis 1, 3–5 „Und Gott sprach, es werde Licht!“ wird durch das Werk Michelangelos künstlerische Wirklichkeit. Vertieft man sich in die Bilder, ist es fast wie bei einem großen Kinoereignis. Die Geschichte spielt sich vor den Augen des Betrachters noch einmal ab. Das gilt ebenso für die Erschaffung der Himmelskörper. Gottes wallendes Gewand steht für die präsente Energie, die durch ihn auf Sonne und Mond übergeht. Mit dem dritten Schöpfungsfresko wendet Gott dann erstmals sein Gesicht dem Betrachter zu. Er segnet sein bisheriges Werk und unser Blick wandert zu dem sicher bekanntesten Bild aus dem Gemäldezyklus. Allein die beiden aufeinander gerichteten Finger reichen vielen Menschen aus, um zu erkennen: Hier geht es um die Erschaffung des Adam. Mit festem Blick schaut Gott sein Schöpfungswerk an. Dem Betrachter wird deutlich: Gott will etwas von diesem Menschen, er fordert ihn heraus, er stößt ihn an, lebendig zu werden. Der schlafende Adam und neben ihm die gerade geschaffene Eva, der sich Gott wie zum Gruß zuwendet, bestimmt das nächste Bild. Danach ist die Schlange, die sich um den Baum der Erkenntnis windet, im Mittelpunkt der Betrachtung. Auf der einen Seite des Bildes sind Adam und Eva noch mitten im Genuss des Apfels, auf der anderen Seite weist ihnen der Cherubin den Weg aus dem Paradies. Das nächste Fresko zeigt in beeindruckender Weise mit der Sintflut gleich die nächste Menschheitskatastrophe. Die Angst der Menschen in ihrem kleinen Boot, in dem sie sich zu retten versuchen, ist in diesem Bild greifbar. Eine Chance haben aber nur die Menschen und Tiere in der Arche. Der Deckenzyklus endet mit zwei weiteren Bildern aus der Noah-Geschichte: Einmal das Brandopfer mit Noah und der Bund, den Gott mit den Menschen schließt mit dem neuen Band, das durch den Regenbogen symbolisiert wird. Im letzten Deckenbild wird die Trunkenheit Noahs dargestellt.

Die Kölner Ausstellung beeindruckt, weil sie tatsächlich den „anderen Blick“ auf ein unglaubliches Kunstwerk ermöglicht. Am Rande hat man dann sogar noch die Möglichkeit, das spätere Werk Michelangelos in der Sixtina zu betrachten: das Altarbild vom Jüngsten Gericht. Den Besuch der Sonderausstellung im Odysseum kann man daher nur empfehlen. Man sollte die notwendige Zeit mitbringen, um in die Bildwelt Michelangelos tief eintauchen zu können. Für Kinder gibt es übrigens einen eigenen Audiokanal mit kindgerechter Darstellung der Kunstwerke. Johann Wolfgang von Goethe hat es auf den Punkt gebracht: „Ohne die Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Blick machen, was ein Mensch vermag.“ Und dazu muss man im Moment nicht einmal nach Rom fahren und sich in die Schlange vor den Vatikanischen Museen einreihen.

Abenteuermuseum Odysseum, Köln, Corintostraße 1, geöffnet bis 23. Oktober. Weitere Infos zu der Ausstellung „Der andere Blick“ im Internet unter www.michelangelo-derandereblick.de