Meisterhafte Ordnung

Der Glaube an einen Schöpfergott steht nicht im Widerspruch zu gesicherten Erkenntnissen, die Wissenschaftler über die Entstehung des Kosmos und die Evolution gewonnen haben. Jedenfalls nicht für den, der sich weigert, seinen gesunden Menschenverstand zu suspendieren. Von Peter Blank

Glaube und Wissenschaft sind vereinbar

V orweg: Ich bin Theologe, katholischer Priester und Jurist, kein Naturwissenschaftler. Als an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen interessierter Laie gerät mein gesunder Menschenverstand jedoch regelmäßig ins Stolpern, wenn ich mich unter dem Stichwort „Evolution“ mit Thesen über Gott und die Welt konfrontiert sehe, bei denen es sich bei genauem Hinsehen nicht um wissenschaftliche Forschungsergebnisse, sondern um persönliche Ansichten und Überzeugungen handelt. Nicht, dass ich etwas gegen persönliche Ansichten und Überzeugungen hätte. Ich meine nur, diese sollten redlicherweise auch als solche kenntlich gemacht und nicht als Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung ausgegeben werden.

Als naturwissenschaftlich interessierter Laie beeindruckt es mich regelmäßig, wie viel Neues Biologen, Chemiker, Physiker und andere in der Natur entdecken und welche Unmengen an Erkenntnissen sie dabei zusammentragen. Entdeckungen, die offensichtlich klaren Gesetzmäßigkeiten und Ordnungsstrukturen gehorchen. Und als jemand, der schon beim Blick in den eigenen Kleiderschrank feststellt, dass Ordnung sich nicht von selbst einstellt, frage ich mich: Wie kommt eigentlich diese ungeheure Masse an Gesetzmäßigkeiten und Ordnung zustande? Ganz naiv gefragt: Wer zeichnet dafür verantwortlich, dass die Naturwissenschaftler nicht nur hier und dort – inmitten eines ungeheuren Chaos – „rein zufällig“ auch einmal auf ein wenig Regel, Gesetzmäßigkeit, Struktur – eben Ordnung – stoßen, sondern dass die ganzen Naturwissenschaften, dass Astronomie, Physik, Mineralogie, Chemie, Biologie und Medizin, angefangen von dem „Wunderwerk des ersten H-Atoms“ (Albert Einstein) über die DNA bis hin zum Makrokosmos des Weltalls, einem einzigen, gewaltigen Ordnungsgefüge gegenüberstehen? Schließlich war das ja nicht immer da: Es ist irgendwann, irgendwo und irgendwie in 13 Milliarden Jahren seit dem „Big Bang“ geworden. Aber wie? Ganz von selbst?

Überall, wo ich auf Ordnung und Strukturen eines sinnvollen Ineinanders stoße, schließe ich spontan auf eine ordnende Ursache. Kulturwissenschaftler betrachten heute selbst kleinste archäologische Funde, einfachste Werkzeuge oder Waffen wie kaum behauene Feuersteine und Pfeilspitzen, geschweige denn Höhlenmalereien und Grabbeigaben als zwingende Beweise dafür, dass hier gedacht, geplant und absichtlich gestaltet wurde, dass jemand eine Zuordnung von Dingen, ein Ordnungsgefüge, geschaffen hat. Ich kenne niemanden, der ernsthaft erörtern wollte, ob dieser Ziegelstein oder jenes Streichholz ungeplant, rein zufällig, eben von selbst, zustande gekommen sein könnte. Und falls doch, würde er wohl für geistesgestört gehalten.

Nun wissen wir seit der Entdeckung der DNA in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts, dass das Entstehen von Individuen mit veränderten Erbeigenschaften mit chemischen Veränderungen an der Molekülkette der DNA zusammenhängt. Veränderungen, die man heute exakt beschreiben und mit Formeln und Gleichungen berechnen kann. Es ist genauestens erforscht, wie die DNA-Moleküle strukturiert sind, wie sie genetische Information speichern und bei der Fortpflanzung weitergeben, wie diese Information in den Zellen ausgewertet wird und dergleichen mehr. Die Speicherung der Informationen innerhalb der DNA erfolgt durch eine genau festgelegte Reihenfolge von Nukleotiden: Diese bestehen aus vier Bausteinen – A, T, C und G –, die sich unterscheiden lassen und aus deren Zusammensetzung sich eine bestimmte Nukleotidsequenz ergibt. Diese Sequenzen kann man sich wie eine Schrift vorstellen. Nur, dass diese nicht auf eine Fläche aufgetragen, sondern in einer komplexen dreidimensionalen Kettenstruktur aufgezeichnet wird.

Erstaunlicherweise lässt sich das Erscheinungsbild eines solchen DNA-Anschnitts bei einem Menschen äußerlich kaum von dem eines Elefanten unterscheiden, so wie auch eine Schriftzeile von Weitem einer anderen weitgehend gleicht. Je nach Anordnung der Basen A, T, C und G innerhalb der dreidimensionalen Struktur, die im Vergleich mit einer zweidimensionalen Schriftzeile über viel mehr Speicherkapazität verfügt, enthält die DNA-Kette eine konkrete, unverwechselbare Aussage und Botschaft: einen spezifischen „Text“, die genetische Information. Sie zeichnet dafür verantwortlich, dass sich aus den kleinen, fast gleich aussehenden, befruchteten Eizellen (beim Menschen zum Beispiel sind sie nur etwa 1/10 mm groß), ein Elefant, ein Haifisch, ein Adler oder ein Mensch entwickelt. Zu Beginn ihrer embryonalen Entwicklung unterscheiden sich die Eizellen all dieser Lebewesen allein durch ihr genetisches Programm.

Und was tut dieses Programm, damit hier ein Adler und dort ein Mensch entsteht? Eine ungeheure Menge von Proteinmolekülen (zwischen einhundert Milliarden und mehreren Billionen) wird exakt so gesteuert, dass sie sich zum ersten Mal und dann von Generation zu Generation immer wieder so (und nicht anders) anordnen. Denn nur so wird daraus dieser Adler oder jener Mensch. Das letzte „Warum?“ dieses Wunders ist immer noch ein Rätsel. Vermutlich gibt es hier noch viele unbekannte und komplexe Prinzipien und Mechanismen zu entdecken, um zu verstehen, wie zum ersten Mal eine DNA entstand und wie aus dem riesigen Angebot an Proteinen das Programm zu diesem Adler oder jenem Mensch geschrieben wird.

Bekanntlich besitzen Ei- und Samenzellen des Menschen je dreiundzwanzig Chromosomen. Die befruchtete Eizelle, die aus ihrer Verschmelzung entsteht, beinhaltet etwa 6 × 10-12, also sechs billionstel (!) Gramm DNA. In diesen ist die gesamte Erbinformation eines konkreten, neu ins Dasein getretenen Menschen gespeichert, der komplette Bauplan eines einzigartigen Individuums, das – abgesehen vom Fall eineiiger Zwillinge – in der gesamten Menschheitsgeschichte so noch nie vorgekommen ist und auch nie wieder vorkommen wird.

Diese Information legt nicht nur fest, ob es sich bei dem neuen Menschen um einen Jungen oder ein Mädchen handelt, sie enthält auch sämtliche Anweisungen, die notwendig sind, damit jede der 60 Billionen Zellen, aus denen der menschliche Körper später einmal bestehen wird, das wird, was sie sein soll: ein Stückchen Knochen, Haut, Leber et cetera.

Weiter beinhalten die sechs billionstel Gramm DNA auch die Information für alle anderen Eigenschaften, die vererbbar sind: von der Haarfarbe über die Körpergröße und Gesichtsform bis zum frühzeitigen Haarausfall und dem erhöhten Alzheimer-Risiko im Alter sowie für alles andere, was an Intelligenz, Musikalität, Temperament und anderen Eigenschaften möglicherweise vererbt wird.

Zusammengefasst: Nimmt man den materialistischen Evolutionismus für bare Münze, dann hat ein planloses, rein materielles, das heißt blind zufälliges Von-Selbst nicht nur einen mikroskopisch kleinen Hochleistungscomputer und das unglaublichste aller Speichermedien, die „DNA“, erfunden und gebaut; ganz nebenbei übernimmt der Zufall auch noch die Rolle des Informatikers, der ein passendes Betriebssystem programmiert, ohne das auch dieser „Computer“ nicht laufen kann, und entwickelt zu allem Überfluss auch noch die nötigen Datenverarbeitungsprogramme. Mehr noch: Selbst wenn man annimmt, das die ganze Hardware der DNA mit ihrer faszinierenden Fähigkeit zur Aufnahme, Verarbeitung und Auswertung unglaublicher Datenmengen auf unvorstellbar kleinem Raum sowie sämtliche Programme, die diese Prozesse steuern, rein zufällig und ganz von selbst entstanden sind, dann ist damit die Frage nach der Herkunft der Information, die verschlüsselt in der Abfolge der ‚Buchstaben‘ A, T, C und G vorliegt, noch überhaupt nicht beantwortet.

Denn die Möglichkeit einer Zelle zur Aufnahme von Informationen ist ja mit der Information selbst so wenig identisch wie die Fähigkeit eines Computers zur Datenverarbeitung mit den Daten, die er verarbeiten soll. Auch der großartigste Hochleistungscomputer ist unfähig, die simpelste Additionsaufgabe zu lösen, solange er nicht von einem Programmierer mit einem Betriebssystem, Programmen zur Datenverarbeitung und – vor allem – mit den Daten versehen wird, die er verarbeiten soll. Und was sind das für unglaubliche Datenmengen, die beim menschlichen Leben ins Spiel kommen, um das Gesamt der Erbanlagen und die Koordination – den sinnvollen und fehlerfreien Ablauf aller Struktur-, Wachstums- und Regenerationsprozesse – für rund 60 Billionen Zellen des menschlichen Körper ein ganzes Leben lang zu steuern?

Die genetische Information, die sich in jeder menschlichen Zelle befindet, besteht aus etwa 20 000 Genen. Jedes dieser Gene ist einem Satz aus einigen Dutzend Wörtern vergleichbar. Nehmen wir der Einfachheit halber an, jedes Gen bestände nur aus einem Satz mit fünf Wörtern, dann fände sich bei 20 000 Genen in jeder Zelle ein DNA-Text von etwa 100 000 „Wörtern“. Diese „Wörter“ müssen, wenn sie einen Sinn ergeben sollen, analog zu einem Text in menschlicher Sprache, in einem logischen Zusammenhang zueinander stehen.

Bei einem Buch mit 300 Wörtern pro Seite füllen 100 000 Wörter rund 300 Druckseiten. Jede einzelne der 60 Billionen Zellen des menschlichen Körpers enthält also einen sinnvollen Text, der aus etwa ebenso vielen richtig geschriebenen Wörtern und einem ähnlichen logischen Sinnzusammenhang besteht wie das komplette Buch. Dieser Text war aber beim „Big Bang“ nicht vorhanden. Er ist – wie die gesamte Hardware der DNA – irgendwann, irgendwie innerhalb der 1017 Sekunden der Erdgeschichte zustande gekommen. Aber ganz von selbst? Dreihundert Druckseiten sinnvoller Text: verfasst und niedergeschrieben, ohne Autor und ohne Buchdrucker, von einem blinden Mutations- und Selektionsgeschehen?

„Ich habe die Vorstellung, dass es einen Gott gibt, immer für lächerlich gehalten. Aber sie ist doch unendlich viel plausibler als die alternative Behauptung, dass grüner Schleim, wenn er nur genügend Zeit hat, irgendwann in der Lage ist, Shakespeares Sonette zu schreiben“, meint Tom Stoppard, Autor des Drehbuchs zu „Shakespeare in Love“. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, Stoppard hat Recht.

Der Text basiert auf einem Kapitel des kürzlich erschienenen Buches des Autors: Alles ganz von selbst? Naive Fragen zur Evolution. Christiana-Verlag, Kißlegg 2018, 184 Seiten, EUR 6,95