Meinungsfreiheit oder Propaganda?

In der ARD-Talkshow „Anne Will“ durfte eine Vertreterin des radikalen Islam ihre kontroversen Ansichten äußern. Von Stefan Meetschen

Umstrittener Talkshow-Gast: Nora Illi vom „Islamischen Zentralrat Schweiz“ (IZRS) sorgte mit Worten und Mode für Empörung. Foto: dpa
Umstrittener Talkshow-Gast: Nora Illi vom „Islamischen Zentralrat Schweiz“ (IZRS) sorgte mit Worten und Mode für Empörun... Foto: dpa

Die Talk-Show ist zu Ende, aber die Diskussion geht weiter: War es richtig, die vollverschleierte Schweizer Muslimin Nora Illi bei der Sendung „Anne Will“ zum Thema „Mein Leben für Allah – Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?“ auftreten zu lassen? Zahlreiche Zuschauer der ARD-Sendung vom vergangenen Sonntag äußern sich in den Sozialen Medien (Twitter, Facebook) empört darüber, dass der öffentlich-rechtliche Sender einer solch radikalen Vertreterin des Islams eine öffentliche „Plattform“ gegeben habe, um ihre demokratie- und menschenfeindliche Ideologie zu präsentieren.

Doch auch vonseiten der anderen Talkshow-Gäste gab es Kritik an der Einladung der Schweizerin, die in ihrer offiziellen Funktion als Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) auftrat – einer durchaus umstrittenen Organisation, was Anne Will in ihrer Anmoderation nicht verschwieg: So gestand der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, der während der Sendung direkt neben der Nikab-Trägerin saß, gegenüber „Focus-Online“ seine Verwunderung über die Präsenz der Dame. Eine solche „Form der Werbung für muslimische Radikalisierung“ habe er „in keiner Talk-Show erlebt“. Bosbachs Empörung, ebenso wie die des ebenfalls eingeladenen Islamismus-Experten Ahmad Mansour, entzündete sich vor allem an Aussagen Illis über die angeblichen Rechte der Frauen im Islam sowie zur „Islamophobie“ in Deutschland und über die redaktionelle Einspielung eines Textes, in dem Illi junge Menschen zur Teilnahme am Krieg in Syrien motiviert.

Dies sei „Propaganda“, kritisierte Mansour lautstark die Einspielung. Als Psychologe weiß er, wie gefährlich wirkungsvoll allein das öffentliche Zitieren derartigen Textmaterials vor einem Millionenpublikum sein kann. Anne Will verteidigte die Einspielung während der Sendung mit den Worten: „Das gehört zu unserem Werteverständnis, dass wir uns mit anderen Meinungen auseinandersetzen.“ Das Argument der Meinungsfreiheit. Ob es richtig und angemessen war, Illi einzuladen, darüber wird man aus Sicht von Bosbach „jetzt ganz bestimmt in den zuständigen Gremien intensiv diskutieren, die Redaktion wird ihre Entscheidung sicherlich verteidigen“. Ferner meint der Politiker, der in der Sendung deutlich das Thema der Christenverfolgung in Saudi Arabien ansprach, dass möglicherweise „nicht die Einladung selber das größte Problem“ gewesen sei, „sondern die mangelnde Gelegenheit, sich so ausführlich mit den kruden Thesen der Dame auseinanderzusetzen, wie dies eigentlich notwendig gewesen wäre“. Womit die Frage aufgeworfen ist, ob Talkshows das richtige Format sind, um über gesellschaftspolitisch relevante und brisante Themen mit Vertretern extremer Haltungen und Ideologien zu diskutieren. Der offene Dialog ist in einer Gesellschaft, die sich selbst als frei, offen und pluralistisch versteht, ein hohes Gut.

Für Wolfgang Bosbach hinterlässt der öffentliche Dialog mit der Vollverschleierten jedenfalls „ein merkwürdiges Gefühl“, weil „zu einem wirklich offenen Gespräch auch die Erkennbarkeit des Gegenübers gehört, in diesem Falle von Frau Illi“.