Mein Tagesposting: Stark, aber ungeliebt

Von Klaus Kelle

Vieles spricht dafür, dass Hillary Clinton im November zur ersten Frau im Amt der Präsidentin der Vereinigten Staaten gewählt wird. Und trotz einer beachtlichen Reihe politischer Erfolge und einer von niemandem zu bestreitenden Professionalität der Kandidatin gibt es auch nach dem Nominierungs-Parteitag der Demokraten in Philadelphia keine wirkliche Begeisterung im Lande für die frühere First Lady, Senatorin und Außenministerin.

Die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ philosophierte Anfang dieser Woche in einem lesenswerten Aufsatz über die Frage, warum eine solch erfahrene, intelligente und durchsetzungsstarke Kandidatin offenbar von ihrem eigenen Volk nicht geliebt wird, außerhalb eines Jubel-Parteitags. Das Blatt schreibt: „Eigentlich ist es unbegreiflich, wie das Wahlkampfduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen werden konnte.“ Clinton werde von vielen Amerikanern als kalt, berechnend und ehrgeizig empfunden, eine Art Lady Macbeth. Und in der Tat stellt sich die Frage, weshalb bei einer Frau, deren politisches Wirken immer vom Kampf für die Rechte sozial Schwacher und Minderheiten, für die Gleichberechtigung von Frauen und den Kampf für die Rechte von Kindern geprägt war und ist, der Funke nicht überspringt. Der neue britische Außenminister Boris Johnson schrieb in seinem früheren Leben als Journalist des „Daily Telegraph“ über Hillary Clinton einmal, sie habe „gefärbte blonde Haare und einen Schmollmund und ein stahlhartes blaues Starren, wie eine sadistische Krankenschwester in einer psychiatrischen Anstalt.“ Nun, die britische Presse halt, kann man dazu denken. Aber diese Kandidatin umarmen? Darauf würde außer Ehemann Bill niemand kommen. Selbst der deutschen Regierungschefin Angela Merkel gelingt es, bei ihren eigenen Anhängern – trotz der empörenden Empathielosigkeit nach den jüngsten Terroranschlägen –, noch „Angie“- und „Mutti“-Gefühle hervorzurufen. Bei Frau Clinton wirkt das Gefühlige wie eine große Inszenierung.

Bleibt die Frage: Muss eine Präsidentin, der man jeden Morgen um sechs Uhr die bekannten und geheimen Katastrophen der Welt vorträgt, geliebt werden? Ist es nicht allemal besser, dass eine pragmatische und emotional zurückgefahrene Politikerin die Kontrolle über tausende Atomsprengköpfe innehat, anstatt ein rhetorisch holzender, politisch unerfahrener und wie es scheint unberechenbares „Political Animal“ wie Donald Trump? Wahrscheinlich schon.

Klar ist aber auch: Hillary Clinton ist noch lange nicht am Ziel. In Amerika wird weiter intensiv über ihre E-Mail-Affäre gestritten, als sie als Außenministerin dienstliche Kurznachrichten von ihrer privaten Adresse verschickt hatte. Und auch die Ermordung von vier Amerikanern im US-Konsulat im libyschen Bengasi 2012, unter ihnen Botschafter J. Christopher Stevens, durch einen islamistischen Mob, ist nicht vergessen. Außenministerin Clinton bekam schriftliche Warnungen auf einen bevorstehenden Anschlag, die Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen wurde dringend gefordert. Sie tat nichts. Wenn es um ihre Sicherheit geht, verstehen Amerikaner keinen Spaß. Der Republikaner Trump setzt alles auf diese Karte. Da kann eine Kandidatin, die bei diesem Thema Schwäche zeigt, und die man nicht wirklich mag, am Wahlabend sehr traurig aussehen.