Mein Tagesposting: Leere Hocker lassen hoffen

Von Prälat Wilhelm Imkamp

Was bleibt übrig vom 100. Katholikentag? Sicherlich mehr als Spesen, Reisekostenabrechnungen und Medienpräsenzen. Es wäre zu einfach und wohl auch verfehlt, dieses Großereignis auf den „tanzenden Jesuiten“ und den „Erfahrungsaustausch für homosexuelle Frauen“ zu reduzieren. Es gab schließlich auch jenseits von „Beten mit Martin Luther“ und einem „anderen Blick auf die Bibel“ mit einem Vertreter des europäischen Forums der christlichen LGBT-Gruppen (Lesben Schwule Bisexuelle Transgender Gruppen) und einem Professor aus Tübingen ein schönes spirituelles Angebot. Wer fromm sein wollte, konnte es sein und fand sogar Anregungen. Im Gegensatz zu den politischen Talkrunden, die vor allem durch leere Zuschauerstühle auffielen, wurde das spirituelle Angebot auch intensiv in Anspruch genommen. So sehr, dass bewährte Katholikentagsveteranen meinten, darüber müsse man nachdenken. Dieses Nachdenken ist nötig, denn der Charme des Katholikentags bestand ja lange darin, dass man jedem Vertreter der politischen Klasse (und das ist schließlich auch die zuschussgebende Klasse) einen vollen Saal garantieren konnte. Leere Plätze waren dabei nicht vorgesehen. Und jetzt?

Neben den leeren Hockern beim Polittalk war das alle überragende Thema in den Medien die Gesprächsverweigerung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) mit der AfD! Weit vor den Landtagswahlen im März 2016 hatte der damalige ZdK-Präsident und verdiente CSU-Politiker unter großem Beifall eine Einladung an diese Partei mit markigen Worten und großer Geste verweigert. Nach den Märzwahlen zeigte sich diese Partei bei 15 Prozent. Der Nachfolger des verdienten CSU-Politikers – ein nicht ganz so hochrangiger, aber ebenfalls verdienter CDU-Politiker mit kirchlichem Nebenjob – blieb munter dabei: diese 15 Prozent gehören nicht auf den Katholikentag! Der katholische Verbands,- Räte-, Akademie- und Fakultätenkatholizismus ist gekennzeichnet durch eine Inklusionspastoral, die das ganze Spektrum von den islamischen bis zu den LGBT-Verbänden abdeckt. Die Inklusion endet aber beim bösen Feind: Es ist der homophobe, Zigaretten rauchende Mülltrennungsverweigerer mit AfD-Sympathien! Der passt nicht in eine Gemeinde, die sich je neu ereignet, wenn Pfarreientwickler, Referenten für Homosexuellenseelsorge und Seniorensitztanz sich zum gemeinsamen Mahl mit fair gehandeltem gendergerechten, gewaltfreien Rhabarberkuchen auf Augenhöhe treffen. Seelsorge war gestern, „Pastoral-professionell“ ist heute; Beichte war gestern, geistliche Begleitung mit Psychozertifikat (gerne auch ohne Weihe) ist heute.

Zur AfD fallen markige Worte, wie man sie in ähnlicher Tonlage gerne auch mal zur Abtreibung, Euthanasie und Homo-„Ehe“ hören würde. Moral ist aber gerade auch im Milieu derjenigen, die im und rund um das ZdK hochsubventioniert behaglich nisten, längst auf Steuermoral zusammengeschnurrt. Da passt es dann auch, wenn ein dreitagebärtiger, designerbebrillter, Brionigewandeter und krawattierter Klerikalfunktionär der„Caritas“ höhere Steuern fordert. Das alles passt zu einer politischen Klasse, die Deutschland wieder als Großmacht sehen möchte. Diesmal nicht mit Knobelbecher und Stechschritt, sondern auf der moralinsauren Schleimspur einer megalomanen, euphorischen Willkommenskultur. Trotzdem: Die leeren Hocker von Leipzig lassen hoffen.