Mein Tagesposting: Freude ohne Verbiegen

Von Klaus Kelle

Martin Luther, wohin man auch schaut. Gerade feierten unsere evangelischen Brüder und Schwestern den 499. Reformationstag, also den Jahrestag, an dem der Mönch seine weltweit berühmten 95 Thesen an eine Kirchentür in Wittenberg angeschlagen haben soll. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, soll der Mann, der die Kirche Jesu nachhaltig gespalten, aber auch reformiert hat, sinngemäß gesagt haben. Jedenfalls steht das auf einem Holzschnitt aus dem Jahre 1557, wie man im Internet-Lexikon „Wikipedia“ nachlesen kann.

Oh ja, Luther hat die Kirche vor bald 500 Jahren durchgeschüttelt. Ausgerechnet in Deutschland, in Thüringen, begann alles. Das Unheil oder der Segen? Wenn in diesen Tagen zur Vorbereitung auf das große Luther-Jubiläum im kommenden Jahr über Ökumene gesprochen wird, dann kommt mir der Pfarrer unserer katholischen Gemeinde im niederrheinischen Kempen in den Sinn. Er sagte vor einigen Wochen in der sonntäglichen Predigt, es sei – sinngemäß – eine Schande, dass es die Christenheit in rund 500 Jahren noch nicht fertiggebracht habe, „mit einer Stimme zu sprechen“. Da hat der Mann absolut recht. Mindestens 2, 5 Milliarden Menschen auf diesem Planeten sind im Namen des Herrn getauft. Wohl die meisten, zumindest in den wohlhabenden Gesellschaften, scheren sich aber nur mäßig darum. Sie streiten lieber.

Zum Beispiel, wie demütigst man sich gegenüber dem Islam verbiegen kann. Als wäre es nötig, die muslimischen Gläubigen im Rahmen einer erweiterten Irgendwie-sind-wir-doch-alle-Brüder-Ökumene aufzunehmen, woran überzeugte Muslime zu Recht wenig Interesse haben. Oder steckt dahinter der Wunsch, das Christentum als Kreuz- und identitätslose Religion zu verramschen?

Machen wir uns nichts vor: Die Ökumene ist gelebte Realität in unserem Land. Jeder Kirchgänger weiß das. Als wir vor einigen Jahren mal umgezogen waren, fanden wir kurz vor dem Osterfest in unserer Kleinstadt einen Werbezettel mit Einladung zur „ökumenischen Osternachts-Feier“ in unserem Briefkasten. Ökumenische Osternachts-Feier? Und das ausgerechnet zum Fest des Leidens, Sterbens und Auferstehens unseres Herrn Jesus Christus? Als die Osternacht nahte, wurde ich zunehmend unwillig, als einer, der jahrelang zur Osternacht mit Kardinal Joachim Meisner in den Kölner Dom gegangen war. Kurz erzählt, meine Frau setzte sich durch: Schließlich gingen wir doch in unsere Dorfkirche, die überfüllt war. Die Katholischen hatten eine Bläsergruppe aufgeboten. Die Evangelischen einen wunderbaren Mädchenchor. Es war ein großartiges Erlebnis. Irgendwann zogen wir alle zusammen – sicherlich 400 Christen an der Zahl – singend durch den Ort, vorbei an Kneipen, in denen sich die wenigen Gäste an den Fenstern die Augen rieben angesichts dieser „Erscheinung“, die da vorbeizog. Auf einem Platz entzündeten wir ein Osterfeuer, beteten zusammen, und dann trennten sich die Gemeinden, damit jeder in seiner Kirche das Abendmahl feiern konnte, so, wie er und sie es gewohnt sind. Dann trafen sich alle wieder zu Brot und Wein im Pfarrheim.

Was lernen wir aus diesem Abend? Wir Christen unterschiedlicher Konfessionen sollten aufhören, uns zu verbiegen, dann wird unsere gemeinsame Freude am Glauben für andere anziehend sein.