Mein Tagesposting: Der Stern der Hoffnung

Von Johannes Hartl

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern ...“ – beim Blick auf die unermesslichen Ströme von Blut, die durch die Menschheitsgeschichte fließen, leuchtet ein einziger Stern als Hoffnung auf: Die Vergebung. Blutrache entzweit Familien über Jahrzehnte wegen einer Schuld, an die sich kaum einer noch konkret erinnern kann. Auf den Schlachtfeldern aller Epochen wurde die blühende Jugend ganzer Nationen geopfert, um Vergeltung zu üben für die angebliche Schuld bereits verstorbener fremder Väter. Wie oft in der Geschichte hätte ein einziger Akt der Demut und der Vergebung einen ganzen Krieg verhindern können. Doch auch im Kleinen. Ungezählt das Leid aller Kinder, die die Wärme ihres Zuhauses verloren, weil die Eltern sich scheiden ließen. Doch schuld daran will keiner gewesen sein. Wie viele Ehen hätten gerettet werden können durch aufrichtige Bitte um Vergebung, durch Eingeständnis persönlicher Schuld.

In die schreckliche Geschichte von Vergeltung, Rache, Schuldzuweisung, Opfermentalität und Bitterkeit hinein spricht ein Lehrer aus Galiläa um das Jahr 30 n. Chr., dass Gott wie folgt anzusprechen sei: „Du bist unser Vater. Und du vergibst mir meine Schuld. Doch nur in dem Maße, wie ich selbst vergebe.“ So gehe Gebet. Eine Revolution. Mit ein paar schlichten Sätzen verunmöglicht Jesus für alle Zeit dies: ein gläubiger Mensch sein, der bitter ist. Ein frommer Mensch, der auf Rache sinnt. Das Gebot der Feindesliebe. Dass keine Trennung möglich ist zwischen religiösem Leben und der Beziehung zu Mitmenschen. Du meinst, Gott zu lieben? Ob Du Deine Mitmenschen liebst, das ist der Gradmesser, an dem Du erkennst, ob Deine Gottesliebe nicht bloße Phantasie ist. „Wer sagt, er sei im Licht, aber seinen Bruder hasst, ist noch in der Finsternis“ (1 Joh 2, 9). Das ständige Beten „wie auch wir vergeben“ konditioniert den Beter, ja zwingt ihn gar, ständig hinzublicken auf das eigene Herz. Wem gilt es zu vergeben? Gegen wen sammeln sich innere Negativkonten, auf die neuer Ärger dem uralt angestauten hinzugerechnet wird, bis die Bitterkeit das ganze Innen erfüllt? Die Beziehung zu Gott ist nur so tief wie die Bereitschaft, den Nächsten zu lieben, dem Nächsten zu vergeben. Den Feind zu lieben. Es ist schon wahr, was C.K. Chesterton sagte: das Christentum ist nicht ausprobiert und für untauglich befunden worden. Es ist vielmehr noch kaum jemals in seiner ganzen Radikalität versucht worden. Einem billigen Pazifismus ist mit der Haltung der Vergebung übrigens noch keineswegs das Wort geredet. Dass es Verpflichtung der staatlichen Gewalt sei, dem Unrecht zu wehren und das Böse zu bestrafen, lehrt schon der Apostel Paulus (Röm 13, 4). Und dass es die Verpflichtung gibt, die Schwachen und Wehrlosen gegen die Gewalt der Angreifer notfalls auch mit physischen Mitteln zu verteidigen, war immer kirchliche Lehre. Doch der Hass auf die Feinde, die Sehnsucht nach Vergeltung, der Wunsch, seiner Überlegenheit durch Grausamkeit Ausdruck zu verleihen, ist dem Geist des Evangeliums diametral entgegengesetzt.

Dass die Liebe zum Menschen und die Beziehung zu Gott völlig untrennbar sind, das hat außer Jesus keiner gelehrt. Keiner ist den Weg der Feindesliebe so bis zum Ende gegangen wie der, der die Bitte um Vergebung für die Schuldigen noch durchhielt, als eben diese Schuldigen ihn ans Kreuz schlugen. Hier am Kreuz ist der Ort, wo Täter und Opfer sich treffen.