Mehr Mut zur Unzeitgemäßheit

Norbert Bolz, Medientheoretiker an der TU Berlin, über Pro Reli, die Piusbruderschaft und Kirche in den Medien

Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin, hat im vergangenen Jahr in seinem Buch „Das Wissen der Religion“ eine Vielzahl von religiösen Strukturen in der Gegenwart aufgedeckt: die Selbstverwirklichung, das Gutmenschentum, den Kapitalismus, die Ökologie. Den Amtskirchen las er als Außenstehender, ja als „religiös Unmusikalischer“ heftig die Leviten: Sie dürften nicht mit der Zivilreligion der säkularen Welt verschmelzen, statt von „Werten“ und „sozialer Gerechtigkeit“ müsse endlich wieder von Heil und Verdammnis die Rede sein. Und sie dürfe den Antichrist nicht vergessen, der zunehmend auch die Maske des Humanitarismus trage. Für „Die Tagespost“ sprach Renzo Spielmann mit Norbert Bolz über den Berliner Religionsstreit, Fundamentalismen und die Präsenz der katholischen Kirche in der Mediengesellschaft.

Hat seit der Entscheidung von Berlin die säkulare Ethik die endgültige Deutungshoheit im öffentlichen Raum?

Soweit Öffentlichkeit von der Politik bestimmt wird, ist es in Berlin eindeutig so. Es gibt hier zwei Parallelkulturen: die eine, die versucht hat, in diesem atheistischen Archipel doch nochmal Anschluss zu finden an die Kultur Westdeutschlands, die ja immer noch religiös mitgeprägt ist, und auf der anderen Seite der Atheismus des Ostens, der hier noch einmal nachhaltig Unterstützung erfahren hat. Man hat stark den Eindruck, dass sich das atheistisch orientierte Unten gegen das religionsorientierte Oben wendet. Darin steckt auch noch ein Stück Klassenkampf. Die Vertreter der „Pro Reli-Bewegung“ – nehmen Sie etwa Günther Jauch - sind Leute, die auf der Haben-Seite unserer Kultur stehen. Dagegen vermittelt man den Eindruck, als bedeute Ethik Demokratie, Weltoffenheit und ähnliches, während Religion rückwärtsgewandt sei und ein bürgerlicher Spleen.

Kann Ethik den Religionsunterricht ersetzen?

Ethik kann Religion in keinster Weise ersetzen, weil sie nur vergleichend vorgeht. Eine Ethik ist entweder tribal wie früher, also lokal- und stammesorientiert, dann ist sie natürlich nicht öffentlich lehrbar. Oder sie ist – wie es bei uns seit der Aufklärung die Regel ist – universalistisch und relativistisch, dann kann sie zwar Aufschluss geben über Sollensforderungen und Normen der modernen Gesellschaft, aber keine Glaubensüberzeugungen vermitteln und unsere Verwurzelungen in unserer christlich-abendländischen Kultur den Kindern in keinster Weise nahe bringen. Hier hat der Relativismus seine Grenzen. Darüberhinaus eignen sich Menschenrechte und Humanitarismus unheimlich gut, um sie als trojanische Pferde für politische Propaganda zu benutzen. Ich unterstelle es niemandem, aber es liegt auf der Hand, dass eine „Sozialoffenbarung“ sich hervorragend einfügt in eine bestimmte Art, wie man Ethik verkaufen kann. Unter Sozialoffenbarung verstehe ich die Vorstellung, dass es außer der Offenbarung, die alle Christen kennen oder kennen sollten, noch eine zweite geben muss und dass diese zweite – kurz gesagt – Sozialismus heißt. Es ist sehr viel schwerer, derartige Propaganda im Religionsunterricht unterzubringen, denn da kann man sich immer noch an die Texte der Bibel halten, die meines Erachtens etwas anderes sagen.

Womit wir wieder beim real existierenden Sozialismus wären.

Die DDR war ein programmatisch atheistischer Staat, und es ist bezeichnend, dass die Gegenbewegung gegen diese Tyrannei von religionsgebundenen Gruppen ausgegangen ist. Deshalb ist der Atheismus, der sich jetzt wieder bekundet hat, auch ein Teil der Verklärung der DDR. Die atheistische Kultur, die es in dieser Strenge kaum irgendwo sonst auf der Welt jemals gab, wird hier im Nachhinein bekräftigt.

Was interessiert denn Klaus Wowereit an der Verdrängung des Religionsunterrichts aus den Schulen?

Er hat wohl kaum ideologische Eigeninteressen, aber er spürt die Mobilmachungsqualität darin. Er wittert in der Pro Reli-Bewegung zu Recht eine bürgerliche Bewegung und sieht die Chance, eine populäre Gegenposition aufzubauen – vor allem weil man diese gut schmücken kann mit Modernität, Aufgeschlossenheit, Weltläufigkeit, Multikulturalismus. „Gemeinsamkeit“ gilt als Wert – das war der entscheidende Slogan der Pro-Ethik-Vertreter bis hin zur Formulierung vom „Wahlzwang“. Das ist bereits Orwells „Neusprech“: wenn, was bisher Freiheit ausgedrückt hat, nämlich wählen zu können, als Ausdruck von Zwang interpretiert wird.

Trägt der Ethikunterricht denn wenigstens zur Integration bei, wie der rot-rote Senat behauptet?

Gerade die Muslime wird man dadurch kaum integrieren können, weil sie, sofern sie wirklich gläubig sind, keineswegs ihren Glauben als anderen gleichberechtigt betrachten. Sie haben ja einen Wahrheitsanspruch, wie ihn die christliche Religion auch einmal hatte. Man nimmt den Ethikunterricht im allgemeinen wohl so hin wie den Biologieunterricht: langweilig, aber irgendwie muss es wohl sein. Das ist etwas anderes als religiöse Erziehung, die durchaus bedeutsame Effekte für die Sozialisation und das Kulturbewusstsein der Kinder hat. Sagen wir so: Ein guter Religionsunterricht kann sehr viel Positives bewirken, ein schlechter Ethikunterricht kann wahrscheinlich nicht sonderlich viel schaden. Ich bin Anhänger der alten These von Max Weber, dass die Lebensführung und die Identität des Menschen sehr stark durch religiöse Gruppenüberzeugungen geprägt wird. Wir haben eine sehr stolze Geschichte in unserer abendländischen Prägung und ich halte es für fatal, wenn man Menschen von diesen realen Wurzeln abschneidet. Als Universitätslehrer erlebe ich, dass die Kenntnisse unserer eigenen Kultur immer mehr schwinden. Man ist in vielen Bereichen unserer geistigen Traditionen nicht einmal mehr in der Lage, ein Problembewusstsein zu entwickeln. Auch Studenten können sich zum Beispiel kaum noch vorstellen, dass es einmal um Wahrheit ging, und zwar in einem Kampf, der blutig war. Das sind heute kaum mehr vermittelbare historische Erinnerungen. Und das hängt damit zusammen, dass man sich mit der Dogmatik einer Religion nicht mehr auskennt, dass man überhaupt jede Fühlung zu ihr verdrängt – was in anderen Ländern durchaus noch anders ist.

In Ihrem Buch vertreten Sie die These, dass Fundamentalismus und Humanitarismus Komplementärphänomene seien. Auch die katholische Kirche wird von einer fundamentalistischen Abspaltung – der Piusbruderschaft – bedrängt.

Es liegt auf der Hand, dass durch die Entwicklungen des Zweiten Vatikanischen Konzils für Strenggläubige eine gewisse Heimatlosigkeit eingetreten ist. Wenn sich die großen Kirchen an die moderne Welt anpassen, finde ich es nicht sonderlich überraschend, dass Sektenbildungen entstehen. Das ist eine Reaktion auf ein empfundenes Zuviel an Anpassung. Auch die katholische Kirche macht sich – wie die evangelische – zunehmend zum Sprecher säkularer Sozialpolitik. Es ist längst Selbstverständlichkeit geworden, dass Pfarrer so ähnlich reden wie Politiker – über soziale Ungerechtigkeit in der Welt. Sie kommen nicht mehr primär von der Caritas her, sondern gehen politisch an die Themen ran. Nicht besonders tiefgründig und analytisch, aber man spürt, dass sie mitreden und beweisen wollen, dass sie vollgültige Mitglieder der modernen Gesellschaft sind. Das Unweltliche am Christentum wird durch die Modernisierungsprozesse immer weniger sichtbar. Fundamentalismus ist immer eine wütende Reaktionsbildung auf Modernität. Der Preis der Modernisierung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist für die katholische Kirche etwas größer, als man bisher gedacht hat.

Sie wissen aber, dass Teile der Piusbruderschaft der Ansicht sind, Demokratie und Religion seien auch außerkirchlich unvereinbar?

Demokratie ist ein politischer Begriff, in unserem Verständnis sogar ein sehr moderner. Wenn sie eine Vorstellung haben von einem Leben, das zwar in dieser Welt stattfindet, aber doch nicht nach den Idealvorstellungen dieser Welt gelebt werden soll, dann erstaunt es mich nicht, dass auch offen antidemokratische Positionen vertreten werden – so wie es bei den großen Katholiken des 19. Jahrhunderts fast die Regel war. Ich kann mir kaum vorstellen, dass in der Piusbruderschaft irgendjemand so radikal auftritt wie etwa Juan Donoso Cortés in den 1830er Jahren. Insofern ist es nichts Besonderes, dass es in diesen Kreisen Gläubige gibt, die modernen demokratischen Massenstaaten als eine Verirrung betrachten oder jedenfalls nicht als Vorbild akzeptieren können.

Wie beurteilen Sie dann die Rücknahme der Exkommunikation durch Papst Benedikt XVI.?

Es geht hier ja offensichtlich nicht nur um einige wenige Leute mit besonders radikalen Ansichten. Man muss dem Papst abnehmen, dass es ihm darum ging, wieder für die Einheit seiner Kirche zu sorgen. Die Auseinandersetzung zwischen Frau Merkel, die rein aus der Staatsräson heraus argumentiert und Forderungen stellt, und dem sehr traditionalen Kalkül des Papstes konfrontiert die Sichtweisen sehr gut. Beide sind nachvollziehbar. Aber es zeigt sich, dass die Aufgabe des Katholizismus eben nicht identisch ist mit einer Zivilreligion, mit der der Staat sich gut arrangieren kann.

Was ist hier rein medientechnisch passiert?

Der Papst hat – nachdem sein Vorgänger, aber auch er selbst die Massenmedien ja sehr geschickt genutzt haben, um die ungeheure Präsenz der katholischen Kirche zu unterstreichen – die Rückseite der Medienmacht zu spüren bekommen: ihre Skandalisierungsfähigkeit. Der extremistische Antisemitismus in Teilen der Piusbruderschaft ist wahrscheinlich – weltweit betrachtet – ich will nicht sagen: eine Bagatelle, aber jedenfalls keine Katastrophe. Aber die Massenmedien können das natürlich wunderbar und in Windeseile zu einem gigantischen Skandal aufblasen, gegen den auch der Papst einigermaßen machtlos ist. Bisher hatte man ja durchaus den Eindruck, dass der Vatikan sehr gut begriffen hat, wie man mit den Medien – vor allem dem Fernsehen – auch sehr virtuos schaltet, jetzt haben sie mal die Rückseite kennengelernt. Man wird sicher daraus lernen. Es gibt keine Alternative dazu, den eigenen Weg zu gehen, und zwar zur Not auch gegen die moderne Welt. Aber das ändert nichts daran, dass es für die katholische Kirche im Interesse der eigenen Sache ist, sich im Vorhinein zu vergegenwärtigen, wie sie in den Medien aufgenommen wird. Meistens sind solche Skandale einfach nur Kommunikationsfehler. Es gibt schließlich unterschiedliche Formen der Darstellung. Zur Tradition der Katholischen Kirche gehört es, eine starke Sichtbarkeit in der Welt zu erzeugen, und dazu gehören heute die neuen Medien.

Was wäre denn ihrer Meinung nach die Hauptaufgabe der Katholischen Kirche in der Gegenwart?

Das Allerwichtigste ist der Mut zur Unzeitgemäßheit. Daran fehlt es weder dem Papst noch seinem Vorgänger, aber daran fehlt es auf den unteren Ebenen. Man kann natürlich verstehen, dass die kleinen Geistlichen im tagtäglichen Clinch mit den Kirchenbesuchern, mit der Öffentlichkeit, mit der Politik nicht immer mit breiter Brust auftreten können: „Schießt Eure Pfeile ab, das schreckt mich nicht!“ Sie werden natürlich immer verlockt, selber die besten Sozialpolitiker zu sein. Die Allianz zwischen Religion und Sozialismus ist logisch, weil umgekehrt der Sozialismus auch eine Ersatzreligion ist. Aber sie ist gefährlich und zerstört den Kern dessen, was die christlichen Kirchen unserer Kultur als unverzichtbare Leistung zu bieten haben. Die Kirche muss ihren Mitgliedern deutlich machen, dass sie nicht einfach ein Reparaturbetrieb des modernen Kapitalismus ist, sondern dass sie die Wahrheit verwaltet. Wahrheit können weder die Wissenschaft noch die Politik den Menschen anbieten. Aber sie ist vielleicht doch das Wichtigste in unserem Leben. Das rechtfertigt den Mut zur Unzeitgemäßheit.

In Ihrem Buch beschreiben sie auch den Kapitalismus als Ersatzreligion. Wird die Finanzkrise der Kirche etwa nützen?

Das ist durchaus möglich. Wenn es den Leuten schlecht geht, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man ist völlig panikartig okkupiert durch den eigenen finanziellen Zustand – das führt weder zum Nachdenken noch zur Besinnung. Oder man wird durch Krisen so erschüttert, dass ein Prozess des Umdenkens beginnt mit der simplen Frage: Was ist eigentlich wirklich wichtig? Und: Wer ist überhaupt kompetent in dieser Frage? Es gibt sehr viele religiöse Bedürfnisse auch in scheinbar atheistischen Welten. Nur werden sie nicht mehr von den offiziellen Kirchen vertreten. Die Frage, die sich die Kirche stellen muss, ist, ob die Ersatzreligionen auf dem Markt des Glaubens erfolgreicher sind als sie selbst. Das ist eine offene Frage, die nur die Praxis der Geistlichen beantworten kann. Ob hier ein Erosionsprozess stattfindet oder ob sie das Problem sehen und den Mut dazu haben zu sagen: „Unser Angebot lässt sich nicht vergleichen mit den ganzen konfektionierten Glaubensangeboten aus dem Supermarkt der Ideen.“ Ich sehe durchaus sehr viele Möglichkeiten für die Kirchen, wenn sie es verstehen, ihr zweitausend Jahre altes Angebot mutig und offensiv zu kommunizieren. Da bin ich nicht pessimistisch. Ich könnte mir vorstellen, dass der Katholischen Kirche durchaus noch eine große Zeit bevorsteht.