„Man sollte nicht die Arroganz haben zu behaupten, dass Gott nicht existiert“

Mit dem Tod von Umberto Eco ist die Welt um einen der belesensten und intellektuellsten Menschen ärmer. Von Natalie Nordio

„Der Name der Rose“ war für ihn nicht sein größter Roman: Umberto Eco bei einer Buchmesse in Frankfurt. Foto: dpa
„Der Name der Rose“ war für ihn nicht sein größter Roman: Umberto Eco bei einer Buchmesse in Frankfurt. Foto: dpa

Nicht selten prangt sein Name dreimal so groß auf dem Buchcover als der eigentliche Titel des jeweiligen Werks. Waren doch die drei Buchstaben „Eco“ immer eine Garantie für einen Bestseller. Am Freitag, den 19. Februar, ist Umberto Eco im Alter von 84 Jahren seinem langen Krebsleiden erlegen. Im Kreise seiner Familie starb er am Freitagabend in Bologna. Seine deutsche Frau Renate Ramge – mit ihr war Eco seit über einen halben Jahrhundert verheiratet – und seine beiden Kinder sollen ihn auf seinem letzten Weg begleitet haben, so berichteten italienische Tageszeitungen am vergangenen Wochenende.

Schneller als die großen Blätter war das soziale Netzwerk Twitter, auf dem in der Nacht zum Samstag Kollegen folgende Nachricht veröffentlicht hatten: „Das Schiff des Theseus grüßt seinen Kapitän. Danke Umberto“. „La nave di Teseo“, „das Schiff des Theseus“, heißt der erst im vergangenen November gegründete Verlag, in den Eco selbst etwa zwei Millionen seines Privatvermögens gesteckt hatte. Gemeinsam mit anderen Schriftstellern wie Sandro Veronesi, Tahar Ben Jelloun oder Hanif Kureishi folgte Eco seiner langjährigen Verlegerin Elisabetta Sgarbi in dieses neue Abenteuer. „Dieses Projekt ist die einzige Alternative zur ,Settimana Enigmistica‘ – ein bei Italienern beliebtes, wöchentlich erscheinendes Rätselheft –, die einzige Abhilfe gegen Alzheimer“, so erklärte Eco in seinem letzten Interview Ende November in der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ diese Entscheidung. Der Verkauf des Bompiani-Verlagshauses an Italiens größten Buch-, Zeitungen- und Zeitschriftenverlag Mondadori, der, wie könnte es in Italien auch anders sein, der Familie Berlusconi gehört, die mit diesem Ankauf nun auch das Monopol in der italienischen Verlagslandschaft hält, machten den Schritt einer neuen Verlagsgründung für die Gruppe um Eco und Sgarbi unumgänglich.

Ob sich Umberto allerdings über diesen letzten online-Gruß besonders gefreut hätte, ist zweifelhaft, denn er war kein großer Freund des Internets und der diversen Plattformen wie Facebook oder Twitter. „Im Internet kursiert eine Flut von Falschmeldungen“, hatte Eco noch vor kurzem kritisiert. Noch schärfer äußerte er sich im Juni 2015 an der Universität von Turin und bezeichnete die Mitteilungsflut in den sozialen Medien als „Invasion von Schwachköpfen“. Die Universität von Turin, an der er 1954 mit einer Dissertation über die Ästhetik bei Thomas von Aquin sein Studium der Philosophie und Literaturgeschichte erfolgreich abgeschlossen hatte, bedachte ihn ausgerechnet mit einem Ehrendoktor in Kommunikation und Medienkultur – „ein Ehrendoktor in Nuklearphysik oder Mathematik wäre mir lieber gewesen“, soll Eco nach der Veranstaltung gewitzelt haben.

Mit seinen zum Teil grenzwertigen Äußerungen und seiner kritischen Beobachtung des politischen und gesellschaftlichen Geschehens machte sich Eco nicht nur Freunde. In der Kolumne „La Bustina di Minerva“ der italienischen Wochenzeitschrift L'Espresso legte er die Schwächen, Versäumnisse und Fehler der italienischen Politik offen dar. Und traf damit meist den Nagel auf den Kopf. Als aktiver Gegner von Silvio Berlusconi kritisierte Eco in verschiedenen italienischen Zeitungen und Zeitschriften dessen Politik auf das Schärfste und veröffentlichte kurz vor den Wahlen 2006 – Berlusconi verlor diese knapp – seine politischen Schriften unter dem Titel „Im Krebsgang voran: Heiße Kriege und medialer Populismus“.

„Der Name der Rose“, der erste Roman, den er 1980 veröffentlichte – 1982 erschien das Buch auf Deutsch, wurde in vierzig Sprachen übersetzt und bis heute millionenfach verkauft – machte Umberto Eco über Nacht weltberühmt. Das Buch und der 1986 entstandene Film mit Sean Connery in der Hauptrolle genießen Kultstatus. Das Verhältnis des Schriftstellers zu seinem Erstlingswerk ist allerdings gespalten. „Wenn ich von all meinen Romanen nur einen retten müsste, würde ich nicht ,Der Name der Rose‘, sondern ,Das Foucaultsche Pendel‘ retten. Der Roman gefällt mir besser, er ist reifer“, verriet Eco während einer Buchvorstellung in Berlin im vergangenen Jahr. Der 1988 erschienene zweite Roman Ecos spielt in der Zeit des Partisanenkriegs 1944 und 1945, die Eco mit ganz persönlichen Situationen aus seiner Jugend vermischte.

So vielschichtig wie der Mensch Umberto Eco ist auch sein literarisches Werk, das mit dem Erscheinen einer erweiterten Fassung seiner Dissertation unter dem Titel „Das ästhetische Problem beim heiligen Thomas“ 1956 seinen Anfang nahm. Schon während seiner Dissertation entdeckte Eco seine Leidenschaft für die Philosophie und Kultur des Mittelalters, ein Forschungsfeld, das ihn zeitlebens beschäftigte. Nach einer kurzen und für ihn enttäuschenden Zusammenarbeit mit dem italienischen Fernsehsender RAI besann sich Eco auf seine wissenschaftlichen Wurzeln zurück. 1963 begann er seine akademische Karriere als Dozent für Ästhetik und visuelle Kommunikation in Mailand. Rund zehn Jahre später erhielt er nach Lehraufträgen an der Universität von Florenz, 1975 an der ehrwürdigen Universität von Bologna den ersten Lehrstuhl für Semiotik, die Wissenschaft von den Zeichen, weltweit. Bis 2007 lehrte Eco an der Universität von Bologna.

Neben der Politik seiner Landsleute, an der er kein gutes Haar ließ, äußerte sich Eco auch oft genug kritisch gegenüber der Kirche. Sein Verhältnis zur Kirche war schwierig. In der piemontesischen Stadt Alessandria kam Umberto Eco am 5. Januar 1932 zur Welt. Hier verbrachte er seine Kindheit und Jugend und wurde vor allem durch die kleinbürgerliche Grundstimmung und einen vom Regime des italienischen Faschismus bestimmten Alltag geprägt. Als Jugendlicher war Eco Mitglied der Giac, damals eine Jugendgruppe der „Azione Cattolica“, „Katholischen Aktion“. Anfang der fünfziger Jahre war Eco einer der Hauptverantwortlichen der Studentenbewegung der „Azione Cattolica“, legte sein Amt jedoch wegen Differenzen mit dem damaligen Vorsitzenden Luigi Gedda 1954 nieder und trat kurz darauf offiziell aus der Kirche aus. Im selben Jahr beendete Eco seine Dissertation über Thomas von Aquin.

Während seiner Zeit an der Universität und vor allem während seiner Recherchen zu Thomas von Aquin habe er aufgehört an Gott zu glauben, erzählt Eco später und legte noch nach: „Man kann sagen, dass er, Thomas von Aquin, mich auf wundersame Weise von meinem Glauben geheilt hat.“ Sich selbst bezeichnete Eco als Agnostiker, wenn auch mit Einschränkung, da er, durch eine katholisch geprägte Kindheit und Jugend, nicht wissen könne, wie sehr sich diese Erziehung nach wie vor auf seine Gegenwart auswirke. So stammt von dem, der über sich urteilte, vom Glauben geheilt worden zu sein, auch folgender Satz: „Man sollte nicht die Arroganz haben zu behaupten, dass Gott nicht existiert.“

Unvergessen ist seine Kolumne von 1994 aus der Reihe der „Bustina di Minerva“ im L'Espresso. Eco setzte in gewohnt witzig intelligenter Art das Verhältnis von Katholiken und Protestanten mit den Nutzern der Betriebssysteme von Macintosh und Microsoft gleich. Macintosh stehe für das Katholische, Gegenreformatorische, das den Nutzer Schritt für Schritt begleite. Microsoft sei dagegen protestantisch, calvinistisch und gestehe seinen Nutzern eine freiere Interpretation der einzelnen Schritte zu, erläuterte Eco in seiner Kolumne.

Für Furore sorgte Umberto Eco auch mit seinem Mitte der neunziger Jahre vierteljährlich in der Zeitschrift „Liberal“ veröffentlichten Briefwechsel mit keinem Geringeren als dem damaligen Mailänder Erzbischof und Kardinal Carlo Maria Martini. Unter dem Titel „Woran glaubt, wer nicht glaubt“ erschienen sämtliche Briefe Ende der neunziger Jahre auch als Buch. Fragen nach dem Beginn des Lebens, die Idee der Apokalypse, die, so Ecos Überzeugung, eher Atheisten Sorge mache als gläubigen Christen, oder warum nach der katholischen Lehre Frauen keine Priester werden dürfen, stellte Eco dem Erzbischof und Martini antwortete. „Die Leute sollen lernen, schwierige Dinge zu denken, denn weder das Mysterium noch die Evidenz sind einfach“ – ein Standpunkt, den beide, Agnostiker und Kirchenmann, vertraten. Zwei wortgewandte Gegner schufen mit diesen Briefen eine Diskussionsplattform zwischen Nichtgläubigen und Katholiken.

„Wenn ich eines Tages im Paradies ankomme und Gott treffe, habe ich zwei Möglichkeiten: Wenn es jener rachsüchtige des Alten Testaments ist, drehe ich mich auf der Ferse um und gehe in die Hölle. Wenn es jener des Neuen Testaments ist, na, dann haben wir dieselben Bücher gelesen und sprechen die gleiche Sprache. Wir werden uns verstehen“, soll Umberto Eco einmal gesagt haben. Mit Umberto Eco ist die Welt um einen der belesensten – seine Privatbibliothek umfasst etwa fünfzigtausend Bücher – und intellektuellsten Menschen ärmer. Man war vielleicht nicht in Allem seiner Meinung, aber wie kein anderer vermochte Umberto Eco in seiner Person den Wissenschaftler mit dem Schriftsteller und den satirischen Kolumnisten mit dem Gesellschaftskritiker zu vereinen.