Man sieht es ihm an der Nasenspitze an

Das Cobbe-Porträt ist kein echtes, nach dem Leben gemaltes Bildnis William Shakespeares – Bestätigung durch vier Expertengutachten

Kürzlich war es möglich, in Zusammenarbeit mit vier Shakespeare-Experten den Anspruch des englischen Gemälderestaurators und Eigentümers Alec Cobbe als unhaltbar zurückzuweisen, das seit Jahrhunderten in Familienbesitz befindliche „Cobbe-Porträt“ sei ein authentisches, nach dem Leben gemaltes Bildnis William Shakespeares. Es gelang mit gutachterlichen Stellungnahmen von Fachmedizinern und weiteren Spezialisten, die Authentizität von vier Shakespeare-Bildnissen nachzuweisen. Es handelt sich um das etwa 1594–99 entstandene Chandos-Porträt – heute in der National Porträt Gallery, London –, das 1609 gemalte Flower-Porträt (bis etwa 1999 in der Royal Shakespeare Company Collection, Stratford-upon-Avon, und seither spurlos verschwunden), die um 1613 geschaffene Davenant-Büste aus Terrakotta (Garrick Club, London) und die 1616, ein bis zwei Tage nach Shakespeares Tod abgenommene Darmstädter Shakespeare-Totenmaske (Hessische Universitäts- und Landesbibliothek, Darmstadt). Der von mir erstellte Kriterienkatalog der Gesichts- und Krankheitsmerkmale des Dichters kann für weitere bekannte oder neu entdeckte Porträts angewandt werden, um festzustellen, ob es sich um lebensgetreue Wiedergaben Shakespeares handelt.

Zwischen den Bildern gibt es erhebliche Abweichungen

Eigenen Angaben zufolge besuchte Alec Cobbe 2006 die Ausstellung der Londoner National Portrait Gallery „Searching for Shakespeare“ und sah dort das (vor 1770 aufgefundene) Janssen-Porträt aus der Folger Shakespeare Library in Washington, das ich, gestützt auf ein Gutachten des Identifizierungs-Experten des BKA Reinhardt Altmann bereits 1999 als authentisch in Betracht ziehen konnte. Bei seinem Besuch stellte Cobbe fest, das Janssen-Porträt sehe genauso aus wie ein Porträt in seiner Familiensammlung. Heute behauptet er, sein Bild sei das einzige Originalbild Shakespeares, das Janssen-Bild eine Kopie dieses „Originals“. Ferner behauptet er, das Cobbe-Por- trät habe dem Stecher Martin Droeshout d. J. als Vorlage für den Porträtstich des Dichters in der ersten Werkausgabe von 1623 gedient. Diese Thesen gab Cobbe gemeinsam mit Professor Stanley Wells, dem bekannten Chairman des Shakespeare Birthplace Trust, Anfang März 2009 in einer spektakulären weltweiten Medienkampagne bekannt. Wells stellte sich voll und ganz hinter Cobbe, bestätigte dessen Annahmen und kündigte die Eröffnung einer Ausstellung des Cobbe-Porträts, mehrerer seiner Kopien sowie die Publikation eines Buches in Stratford-upon-Avon an, und zwar am 23. April 2009, dem Geburts- und Todestag Shakespeares.

Bei ihren vergleichenden Untersuchungen zwischen dem Cobbe-Porträt und dem Janssen-Porträt unter Heranziehung des Droeshout-Stichs und der vier bestätigten lebensgetreuen Bildnisse (Chandos, Flower, Davenant und Totenmaske) konnte ich jedoch Abweichungen zwischen dem Cobbe- und Janssen-Bild feststellen. Diese zeigten, dass der Maler des Janssen-Porträts mit den Gesichtsmerkmalen Shakespeares sowie seinen Krankheitsmerkmalen in einem frühen Stadium bestens vertraut war. Der Künstler des Cobbe-Porträts hingegen habe nicht alle morphologischen Kennzeichen des Shakespeareschen Gesichts gekannt und vor allem keine Detailkenntnisse der pathologischen Symptome besessen – bis auf eine leichte Schwellung des linken Oberlides, die dort jedoch nur „andeutungsweise“ sichtbar sei. Diese Unterschiede bestätigte der Dermatologe Jost Metz, Experte für die Diagnostizierung von Krankheitserscheinungen auf Porträts der Renaissance, in seiner gutachterlichen Stellungnahme vom 12. März 2009.

Damit wurde erneut deutlich, dass das Janssen-Porträt, bei dem lediglich die frühe Geschichte einer weiteren Erforschung bedarf, dem kleinen Kreis der echten Shakespeare-Bildnisse zugerechnet werden darf und dass es keineswegs eine Kopie des Cobbe-Porträts sein kann, sondern – im Gegenteil – als dessen Vorlage fungiert haben dürfte. Dafür sprechen die auffallenden „Ähnlichkeiten in der Gesichtsumrissform, der Stirn-, Augen-, Nasen-, Mund- und Kinnpartie“, die BKA-Experte Reinhardt Altmann in seinem Gutachten vom 8. April 2009 hervorhob, wie auch die Unterschiede, die der Identifizierungsspezialist (in Übereinstimmung mit dem Dermatologen) ebenfalls benannte. Zu diesen Abweichungen gehört beispielsweise die „Nasenspitzenpartie“. Eine mittels Photoshop am 9. April 2009 erstellte Montage des Fotografen und Spezialisten für elektronische Bildverarbeitung an der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, Andreas Kahnert, zwischen Droeshout-Stich und Cobbe-Porträt macht diesen signifikanten Unterschied im Bereich der Nasenspitze sichtbar.

Bei seinem „Vergleich der Cobbe/Janssen-Bilder mit dem Overbury-Bild“ stieß Altmann auf „gravierende Abweichungen“, die dafür sprechen, „dass es sich nicht um ein und dieselbe Person handelt“.

Die Schrift ist „eher unbeholfen, wie von Schülerhand“

Aus dem von mir eingeholten Gutachten des Inschriftenexperten der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Eberhard J. Nikitsch, vom 11. März 2009 geht hervor, dass die Inschrift des Cobbe-Porträts die „zeitgenössisch üblichen Schriften auf Porträts“, nämlich „Kapitalis, Fraktur und (leicht geneigte) humanistische Minuskel“ vermissen lässt, „eher unbeholfen, wie von Schülerhand“ schreibschriftlich ausgeführt ins Auge sticht und später hinzugefügt worden sein muss. Zum Vergleich her-angezogene Beispiele aus England, etwa das Porträt von Thomas de Hoghton (Hoghton Tower, Lancashire, nach 1564), von Robert Cecil, des Ersten Ministers von Elisabeth I. (Hatfield House, um 1600) und des dritten Grafen von Southampton (Tower-Bildnis, Duke of Buccleuch Collection – nach 1603), weisen laut Nikitsch die zeittypischen Schriften auf.

Aus diesen Ergebnissen ist somit der Schluss zu ziehen, dass das Cobbe-Bildnis kein authentisches, nach dem Leben gemaltes Porträt William Shakespeares sein kann. Auch kann es deshalb nicht als Vorlage für den Droeshout-Stich gedient haben, was schon bei genauer vergleichender Betrachtung der beiden Bilder klar wird.