Literatur als lebendige Schrift

Unter dem Blick Gottes – Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Patrick Roth

In Karlsruhe, der Stadt, in der der 1953 in Freiburg geborene Schriftsteller Patrick Roth aufgewachsen ist, treffe ich den diesjährigen Mainzer Stadtschreiber zu einem Gespräch. In einer Studentenkneipe, die er schon als Schüler und Student häufig besucht hat, sprechen wir über seinen Weg als Filmer und Autor von Drehbüchern, Hörspielen, Romanen und Erzählungen. Der Geräuschpegel ist erheblich. Aber Patrick Roth stört sich nicht weiter daran. Ruhig und konzentriert erzählt er.

Schon in jungen Jahren war Roth vom Kino, von Filmen fasziniert. Die Filmklassiker hat er im Kino um die Ecke gesehen, hat sich von ihnen entführen lassen ins Schattenreich der Imagination. Seine Leidenschaft für den Film wollte er zum Beruf machen, arbeitete bei den Bavaria-Studios in München, hatte schon kleinere Film- und Drehbucharbeiten gemacht, in Paris und Freiburg einige Semester Anglistik und Romanistik studiert, bevor er mit einem Stipendium nach Los Angeles ging, der Filmstadt schlechthin, der Stadt von Hollywood. Seit 1975 lebt Patrick Roth in der amerikanischen Filmmetropole, in der er an der berühmten Filmakademie studierte, seine ersten Drehbücher schrieb und zwei Filme produzierte. Für ihn sind die Vereinigten Staaten in diesen Jahren ebenso Heimat geworden wie das Land seiner Herkunft und Muttersprache. Stand in den ersten Jahren in Amerika naturgemäß der Erwerb der englischen Sprache im Vordergrund, merkte Roth nach drei bis vier Jahren plötzlich, dass ihm die deutsche Sprache zu entgleiten drohte.

„Es begann mit Wortfindungsstörungen“, erzählt er, „eine gewisse Unschärfe bei Erinnerungen, die offenbar an Sprache gebunden waren.“ Und mit einem Mal wurde ihm bewusst, welch existenzielle Bedeutung für ihn die deutsche Sprache hatte. Denn indem sie sich langsam aufzulösen begann, drohten auch eigene Erinnerungen und dadurch seine Vergangenheit zu verschwinden, als würde ihm der Boden unter den Füßen verloren gehen. Und er erkannte, dass er sich wieder der Muttersprache zuwenden musste. „Ich wusste auf einmal, ich werde nicht ohne mein Deutsch leben können und ich musste auch etwas damit tun“, erzählt er mir in seinem gleichbleibend ruhigen Ton. Wir trinken Kaffee, die Espressomaschine macht furchtbaren Lärm. Vor den Fenstern rauscht der Verkehr. Patrick Roth ist ganz auf das Gespräch konzentriert. In einer Millionenstadt wie Los Angeles ist er wahrscheinlich an eine ungleich lautere Geräuschkulisse gewöhnt. Er richtet sein Gehör nach innen, scheint mir. So wie er sich die deutsche Sprache auf die Highways zurückholte, indem er Gedichte seiner Lieblingsdichter Hölderlin, Trakl, Celan auf einen Kassettenrecorder sprach und während der Autofahrten anhörte.

Nach einigen Hörspielen, von denen „Die Flamme“ 1984, „Paul“ 1985 und „Kelly“ 1986 in Deutschland produziert und ausgestrahlt wurden, wandte sich Patrick Roth mit seiner „Christusnovelle“ „Riverside“ einem neuen Genre zu. Das Buch – sein erstes – erschien 1991 im Suhrkamp Verlag. Den Kontakt zum Verlag hatte Roth über seine Hörspiele gefunden. Aber bevor dieses ungewöhnliche Buch tatsächlich erschien, gab es für den Autor noch eine Zeit des Bangens, da die Meinungen zu dem Text im Verlag geteilt waren. Schließlich entschied Verlagschef Siegfried Unseld höchst selbst, dass das Buch gedruckt werden sollte. Eine damals sehr mutige Entscheidung, wie sich bald an den Reaktionen der Feuilletons zeigen sollte, die zum überwiegenden Teil mit Unverständnis reagierten. Aus heutiger Sicht aber eine zukunftsweisende Entscheidung des Verlags. Denn Patrick Roth gehört zu den interessantesten Autoren seiner Generation.

Das Faszinosum der Sprache

Wie nun kam Patrick Roth dazu, in einer Zeit, als religiöse Inhalte von Romanen nicht gerade gefragt waren, einen biblischen Stoff zu verarbeiten, dazu noch in einer eigentümlich antiquiert anmutenden Sprache? Zwei entscheidende Erfahrungen kamen zusammen. Mitte der achtziger Jahre hatte er plötzlich, wie er erzählt, ganz ungeheure Träume, darunter ein großer beunruhigender Traum, der sich über Wochen hinzog, mit dem er überhaupt nicht fertig wurde und über den er damals auch mit niemandem reden konnte. Also begann er, seine Träume aufzuschreiben. Er fing an, sich mit der Tiefenpsychologie von C.G. Jung zu beschäftigen. „Und es wurde mir langsam klar, wie enorm sich Motive innerhalb von Träumen über eine Traumsequenz hin entwickeln“, erzählt Patrick Roth und fährt fort: „Mit dieser Erfahrung, die man da macht, wird man sich eines zweiten Zentrums bewusst. Da ist etwas anderes, was anordnet, was einen in gewisser Weise in die Schule schickt. Und mit steigender Einsicht wird man auf eine höhere Stufe gehoben, bewegt sich quasi auf einer Spirale aufwärts.“

Zu dieser ihn zutiefst aufwühlenden Erfahrung kam die Beschäftigung mit der Bibel. Die Sprache der Bibel hatte Patrick Roth bereits während seiner Schulzeit fasziniert, neben der von Hölderlin, Trakl, James Joyce. „Das Luther-Deutsch, das sich vom heutigen Deutsch in vielem unterscheidet, wurde damals als große Fundgrube gesehen.“ Es war die Schönheit der Sprache, die Roth in Bann zog. „Es war schön. Es gefiel mir. Ich lebte auf, wenn ich das las“, sagt er. Aber er erkannte nun, dass diese Faszination durch die Schönheit der Sprache ein Ausweichen in die Ästhetik, ein Ausweichen vor einer Verantwortung war. „Es wurde nur als schön gesehen, als aufleuchtend, als Faszinosum erlebt. Es war ein Geheimnis, aber nicht indem ich verantwortlich im tiefen Sinn dem nachgegangen wäre. Es war ein Faszinosum der Sprache, an das man sich immer wieder anlehnen konnte, wenn man die Sprache besaß, wenn man das Vokabular besaß.“ Damals hatte Patrick Roth noch keine Ahnung, wieso die Sprache gerade ihn so anzog, für ihn so wichtig war. Er begriff sie noch nicht als Forderung, wie er sagt.

Als dann diese Träume auf ihn einstürmten, erkannte er das bloß ästhetisch Genießerische an der Sprache als Irrweg. Diese Erkenntnis war für ihn ein existenzielles Schlüsselerlebnis. „Du musst zur prima materia“, sagte etwas in ihm. Und er begann sich einem Prozess zu öffnen, auf den er nicht unbedingt kontrollierend einwirken wollte. Der ungeheure Reichtum des nicht Bewussten wurde ihm mit einem Mal klar. „Das was ich nicht weiß, ist das Unbewusste. Diese kleine ,Ichinsel‘, die da glaubt, alles zu sein, ist umgeben von einem Meer des nicht Gewussten und über die Jahre Abgekapselten, teilweise Verdrängten“, sagt Patrick Roth und erzählt weiter von seinen Träumen: „Da war mancher, der war in seiner Größe und seinem Eindruck so unbegreiflich, dass du dir sagst, das ist ja realer als alles, was du in der Wirklichkeit erlebt hast. Was ist denn das? Vielleicht eine andere uns umgebende Wirklichkeit.“ Und da begriff er sich plötzlich als Gefäß, in dem ein Experiment stattfindet. Und wer experimentiert mit ihm? Roths Antwort: „Ein anderes, das Numen, ein Unendliches, Gott, wie auch immer Sie es nennen wollen.“ Und er findet das universale Bild des „Auges Gottes“, unter dem man vergeht, aber auch zum eigentlich authentischen Leben kommt. „Vor dem gibt es nichts zu verstecken“, sagt er, „dieses Auge sieht und weiß, aber auch mit dir und durch dich. Und das ist ganz entscheidend. Dieses Stückchen Bewusstsein, also sich dessen bewusst sein, dass etwas mit dir geschieht, das ist der große Unterschied zwischen Tag und Nacht. Denn in dem Moment, wo Sie das haben, haben Sie den Hiob, haben Sie ein Ich, das sagt, ich rede mit dir, Gott. Es ist ja eine gegenseitige Abhängigkeit. Gott und Mensch brauchen einander.“

Eine Erfahrung, die auch schon andere große Weisen gemacht und ausgedrückt haben, wie Meister Eckhart und Angelus Silesius.

Transzendente Wirklichkeit

Patrick Roth hat diese existenziellen Erfahrungen in einer nur ihm zu Gebote stehenden Weise umgesetzt. Auch beim Schreiben arbeitet er vielfach mit filmischen Stilmitteln. Seine Erzählungen und Romane, besonders die der Christustrilogie, sind überwiegend dialogisch angelegt. Roth arbeitet mit Vor- und Rückblenden und dem „Dissolve“. Dieses filmische Mittel der Überblendung kommt dem, was für Roth als Erkenntnis so bedeutend ist, nämlich dass sich zwei Realitäten überlagern, am weitesten entgegen. Im Gebrauch der Sprache ist diese Überlagerung ungleich schwieriger darzustellen. Das aber macht die hohe Kunst der Rothschen Werke aus, dass man sie vordergründig, wie es vielfach geschehen ist, als „Bibelkrimis“ lesen kann. Und doch bleibt selbst dem nur an der Oberfläche bleibenden Leser nicht verborgen, dass hinter der spannenden Geschichte beispielsweise von Johnny Shines, der über die Dörfer zieht, um Tote zum Leben zu erwecken, mehr steckt als ein „Seelenwestern“. Genial hat Patrick Roth diesen Dissolve, die Vergegenwärtigung zweier Wirklichkeitsebenen, in der Erzählung „Magdalena am Grab“ praktiziert. Erzählt wird von der Probe zu einer Theaterszene nach dem Johannesevangelium. Der junge Regisseur will mit drei Darstellern die Szene am leeren Grab Jesu inszenieren. Doch zur Probe erscheint außer ihm nur Monica, die die Maria Magdalena spielen soll. Also konzentriert er sich ausschließlich auf die Szene der Magdalena am Grab. Da die weiteren Mitspieler fehlen, übernimmt er die Rolle des Gärtners, des auferstandenen Jesus. „Magdalena: sie kommt ans Grab, es ist leer. Sie wendet sich, geht zurück zu den Jüngern. Wendet sich wieder, geht zurück zum Grab. Die Engel sprechen zu ihr: Was weinst du. Sie wendet sich um. Das ist die dritte Wendung: Sie sieht jemanden, den sie nicht erkennt, obwohl er sie anspricht. Jesus.“

Die Sekunde des Erkennens

Und hier nun im Nachspielen der biblischen Szene entdeckt Patrick Roth etwas ganz Entscheidendes: Jesus und Magdalena, Gott und Mensch, stehen einen Moment lang voneinander abgewandt, einander nicht ansehend. Im Nachspielen dieser Szene bemerkt der Erzähler den „ausgelassenen Satz“ des Evangeliums, den Gang Magdalenas an dem noch unerkannten Jesus vorbei und nach seinem Anruf ihre Rückwendung zu ihm und ihre Verwandlung in eine Erkennende. Und die ganze Probe findet statt unter einem „sehenden Auge“, einer Person, die sich auf der Empore verbirgt und zu größter Wachsamkeit zwingt. Hier spürt man hinter der realen Szene fast körperlich die einer anderen Wirklichkeit.

In seiner Frankfurter Poetiklesung beruft sich Patrick Roth an einer Stelle auf Ignatius von Loyola und seine „Geistlichen Übungen“, in denen er davon spricht, wie eine „heile und gute Wahl zu treffen sei“, nämlich von einer Warte aus, „gleich als wäre ich in der Todesstunde, erwäge ich die Form und das Maß“. Roth hat sich dies wohl in seinem Schreiben zur Maxime gemacht. Nicht dass dadurch seine Arbeiten übersättigt sind mit Sinnfälligem. Und dennoch ist es da, ist es hinter den Worten, den Zeilen spürbar, dieser Blick des Dichters vom Ende her, in dem auch das scheinbar Unwichtigste und Nichtigste, das bloß Alltägliche in einem großen Zusammenhang steht.

„Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium des Lebens.“ Diese Sätze von C.G. Jung stellt Patrick Roth seiner Erzählung „Magdalena am Grab“ als Motto voran. In unserem Gespräch kommt er noch einmal auf diese Erzählung zurück. „Gott und Individuum, beide brauchen einander. Das ist das, was ich versucht habe, in der Magdalena zu dramatisieren. Dieser eine Satz, der da gefunden wird. Der besagt, dass es auch ganz anders sein könnte, dass sie auseinander gestellt werden können. Aber dieses Auseinanderstehen, wenn es durch ein suchend-fühlendes Gehen bedingt ist, kann zur Wende werden, zur Wandlung. Und das besagt: Du kannst fehlgehen, du darfst fehlgehen. Aber wenn du nach Gott suchst, auch wenn du an ihm vorbeigehst, wendet er sich nach dir um, ruft dich. Und das ist die Sekunde des Erkennens.“

Patrick Roth ist sich der hohen Verantwortung bewusst, die er als Schöpfer von Geschichten, die über sich selbst hinausweisen, seinen Lesern gegenüber besitzt. Er versteht deshalb den Schritt vom Schaffensprozess hinein in den öffentlichen Raum als eine Konsequenz ethischer Dimension. Es ist die fünfte Wendung, die Quintessenz, die in der „Magdalena“ nicht mehr miterzählt wird. In der fünften Wendung kehrt sie zurück zu den anderen Jüngern und berichtet von dem, was sie erlebt hat: „Ich habe den Herrn gesehen.“

So sieht sich auch Patrick Roth. Er berichtet, erzählt von dem, was er erfahren hat, sei es auf der realen Ebene oder in der Psyche, im Traum. Aber nicht nur das. „Die Literatur darf kein undurchlässiges, uns nur noch verstrickendes Netz sein. Durchlässig sollte sie sein, Passagenbereiterin selbst, auf ein Andres verweisend, was für den Leser noch ansteht.“ Patrick Roth gibt sich dem Leser mit offener Flanke preis. Als Leser können wir da ansetzen, wohin er uns mit jeder Geschichte führt. Es wird für jeden ein anderer Weg sein. Ein anderes Tor, das eine je eigene Einsicht ermöglicht. „Und darauf“, sagt Patrick Roth, „auf dieses jedem individuelle Unbekannte, diese Nicht-Schrift, die lebendig gelebt sein will, lebendige Schrift – soll sie verweisen, die Literatur.“